Völkerball

Völkerball populär wie eh und je

Beim Völkerball kommt Freude auf – auch unter den Schülern der Klasse 4a der Letmather Kilianschule.

Beim Völkerball kommt Freude auf – auch unter den Schülern der Klasse 4a der Letmather Kilianschule.

Foto: Oliver Bergmann

Kanadische Wissenschaftler hatten zuvor ein vernichtendes Urteil über den Schulsport-Klassiker gefällt.

Iserlohn. Von „legalisiertem Mobbing“, ist die Rede, ebenso von „Entmenschlichung“ und „Erniedrigung“. Nordamerikanische Wissenschaftler haben ein ziemlich großes Fass aufgemacht, als sie ihre Forschungsergebnisse zum Thema Völkerball veröffentlichten. Es dauerte nicht lange, und das Thema schwappte nach Europa. Dass jenseits des Atlantiks eine Form des Völkerballs gespielt wird, bei der mehrere Bälle zum Einsatz kommen und daher mit der in Deutschland üblichen Variante nicht viel gemeinsam hat, änderte nichts daran, dass der Schulsport-Klassiker auch hierzulande nun zumindest kritisch betrachtet wird. Aber ein Verbot?

Nein, das führe zu weit, finden eindeutig alle, die wir auf die Diskussion angesprochen haben – darunter auch Dagmar Freitag, SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages: „Ein Verbot wäre völliger Unfug. Ich habe nichts gegen eine politische Diskussion, aber sie muss nachvollziehbar sein. Wir reden hier über Sport. Einer wird Erster, einer wird Letzter. Und so lange Kinder lernen, mit Anstand zu gewinnen und mit Anstand zu verlieren, haben wir kein Problem.“ Vor allem an der Basis vermittele der Sport viele Werte wie Respekt, Fairness und einen gesunden Leistungsgedanken.

Verschiedene Varianten machen Spiel interessanter

Dass ein Völkerball-Verbot im Raum stehen könnte, ist auch für die Belange des für Schulsport zuständigen Dezernenten der Bezirksregierung Arnsberg, Dr. Rainer Fiesel, schwer nachvollziehbar, auch wenn es ihn vor dem Hintergrund einer aktuellen Reglementierungs- und Verbotswelle nicht besonders überrascht. Jüngstes Beispiel: „Bei den Bundesjugendspielen soll es aus Rücksicht vor weniger sportlichen Schülern keine Ehrenurkunden mehr geben.“ Speziell was das Völkerball-Spiel angeht, fallen ihm verschiedene Varianten dieses Spiels ein. Eine davon: Treffer zählen nur, wenn der Spieler unterhalb der Gürtellinie getroffen wird. „Trotzdem: Wenn man diese Sache konsequent zu Ende denkt, dann müsste ich alle Spiele, die in Gruppenstärke und mit zwei Teams ausgetragen werden, verbieten. Was ist mit Handball oder Basketball?“

Schulsport, weiß Dr. Fiesel, läuft im Jahr 2019 anders als vor 20, 30 und mehr Jahren. Gute Noten gibt es nicht mehr ausschließlich für herausragende Leistungen. Wer sich ins Zeug legt und an seine persönliche Grenze des Machbaren geht, wird dafür ähnlich belohnt. Die vielen Völkerball-Varianten, die Dr. Fiesel, angesprochen hat, setzt Christian Fischer, Sportlehrer und stellvertretender Leiter des Stenner-Gymnasiums, bei sich im Unterricht, um. Besonders hoch im Kurs stehe das sogenannte Mattenvölkerball. Fischer: „Die Spieler beider Mannschaften können sich jeweils hinter einer großen weichen, aufrecht stehenden Matte verstecken, um nicht getroffen zu werden. Aber wenn die Matte umkippt, ist das Spiel sofort vorbei. Fischers Fazit spiegelt jedenfalls nicht die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler wider: „Es ist weiterhin ein extrem beliebtes Spiel bei uns, ich habe bislang noch keinen Schüler trösten müssen.“

Ein Besuch bei der Klasse 4a der Kilianschule Letmathe: Die Ankündigung, dass in der letzten gemeinsamen Doppelstunde Sport Völkerball gespielt wird, bevor sie sich die Schüler auf die weiterführenden Schulen verteilen, sorgt bei den meisten für großen Jubel. Ein paar Jungs hätten lieber Fußball gespielt, aber als Lehrerin Marion da Costa das Spiel freigibt, sind auch sie nicht zu bremsen. „Ich spiele gerne Völkerball, weil ich gut werfen und fangen kann“, sagt Drin, der wie die meisten seiner Mitschüler zehn Jahre alt ist. Seine Klassenkameradin Chayenne sieht ihre Stärke vor allem darin, Bällen, die sie nicht mehr fangen kann, auszuweichen. Und wenn sie doch getroffen wird? „Ich finde, das ist normal, das gehört doch dazu.“ Es dauert nicht lange, und in beiden Spielhälften lichten sich die Reihen, andere werfen sich zurück in ihr Team. Es wird viel gelacht, aber niemand ausgelacht. „Das kommt nur ganz selten, eigentlich fast gar nicht vor“, sagt Alisha unterwegs vom Treffpunkt auf dem Schulhof zur Sporthalle. Wer den Kilianschülern beim Völkerball zuschaut, bekommt eher Lust mitzuspielen, statt dem fröhlichen Treiben das Aus zu verordnen.

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