Fußball

Von der Seitenlinie hinunter in den Keller

Christian Fischer (links) und Deniz Aytekin im Kölner Videokeller.

Christian Fischer (links) und Deniz Aytekin im Kölner Videokeller.

Foto: Privat

Iserlohn.  Der Iserlohner Schiedsrichter Christian Fischer hat eine neue Aufgabe in der Fußball-Bundesliga übernommen.

Die Fußball-Bundesliga hat die ersten sieben Runden hinter sich, und wenn nicht alles täuscht, ist der Zündstoff-Zenit des Aufregerthemas der letzten Saison überschritten: Der Video-Assistent im mittlerweile berühmt-berüchtigten Kölner Keller.

„Die vereinzelten öffentlichen Diskussionen haben abgenommen, auch weil sich Transparenz und Verständnis weiter verbessert haben. Auch die Statistiken belegen, dass viele Fehlentscheidungen verhindert werden“, sagt der Hemeraner Christian Fischer. Ihm kommt die Versachlichung der Thematik ganz gelegen, schließlich gehört er neben seiner Funktion als Assistentencoach in den Stadien auch regelmäßig zum Team in Köln, das die Spiele der ersten und zweiten Liga mit Argusaugen verfolgt.

Naheliegender Anschluss nach Erreichen der Altersgrenze

Ein solches Team besteht aus dem Video-Assistenten und dessen Assistenten sowie zwei Operatoren, die für die passenden Bildeinspielungen sorgen. Für Fischer, der seine Karriere in der Bundesliga als Mann an der Linie nach der Saison 2017/2018 mit Erreichen der Altersgrenze beendete, war es ein nahe liegendes Anschlussprogramm. „So ganz ohne Fußball hätte ich wohl irgendwann Entzugserscheinungen gehabt, aber ich wollte den zeitlichen Aufwand zurückschrauben.“

Das kann er als Mitglied der Kölner Crew, die sich ja nicht wie die Kollegen auf dem Platz schon am Vorabend auf den Einsatz vorzubereiten hat. In der letzten Saison absolvierte Fischer zahlreiche Schulungen und auch abschließende Tests mit zwei Livespielen, um für den neuen Job gerüstet zu sein. Die größte Umstellung in der Spielbeobachtung gegenüber dem früheren Einsatz am Spielfeldrand sieht er im Erkennen der technischen Möglichkeiten.

Zwischen 19 und 21 Kameras sind in den Stadien der ersten Liga installiert, immerhin noch sieben bis elf in der zweiten Liga. Jede strittige Szene kann aus verschiedenen Perspektiven in Normalgeschwindigkeit, reduziertem Tempo auch in einer Super-Slowmotion abgespielt werden. „Wir haben im Video-Assist-Center (VAC) kein vorgeschriebenes Zeitlimit, wann wir dem Schiedsrichter auf dem Feld ein Signal geben“, sagt Fischer. „Aber natürlich will niemand dem Publikum im Stadion eine minutenlange Pause zumuten.

Dennoch gilt: Richtigkeit vor Schnelligkeit!“ Zeitdruck ist also immer da. Generell wird überprüft, ob ein Tor absolut regulär erzielt wurde, ob Spielerverwechslungen bei persönlichen Strafen vorlagen oder feldverweiswürdige Foulspiele, ansonsten sollen sich die Kölner nur einschalten, wenn eine eindeutige Fehlentscheidung erkannt wurde. Und das auch erst dann, wenn der Unparteiische das Spiel unterbrochen hat. So lange es läuft, wird die strittige Szene analysiert und gleichzeitig weiter das laufende Spiel beobachtet.

Theoretisch kann sich auch der Unparteiische auf dem Feld an die Video-Assistenten wenden, doch das kommt nach Fischers Erfahrung so gut wie nie vor. Vom Zuschauer unbemerkt bleiben vielfältige Aktivitäten im Keller, die im Hintergrund laufen. Da kann es um Abseitspositionen gehen oder um mögliche Tätlichkeiten, die der Schiedsrichter nicht sehen konnte. „Solche Situationen kommen zwei- bis dreimal in jeder Halbzeit vor“, sagt Fischer und erwähnt seinen letzten Einsatz beim Spiel Leverkusen gegen Leipzig. „Da gab es reihenweise potenzielle Abseitspositionen.“

Es bleibt dabei: Der Referee fällt die Entscheidung

Ist der Kontakt zwischen Spielfeld und Keller da, sind schnelle Entscheidungen verlangt. Fischer: „Der Schiedsrichter schildert seine Wahrnehmung, und wir teilen ihm unsere Einschätzung mit.“ Und oft genug eilt der Unparteiische auch an den Spielfeldrand, um sich die strittige Szene noch einmal auf dem Monitor vorführen zu lassen. Eines betont Christian Fischer aber mit Nachdruck: „Wir im Kölner VAC sind zusätzliche Assistenten. Der Schiedsrichter muss unserer Bewertung nicht folgen, die Entscheidung fällt immer der Schiedsrichter auf dem Platz.“

Nach der bisherigen Erfahrung hält er es für ziemlich ausgeschlossen, dass es auf Bundesligafeldern die absolute Fehlerlosigkeit geben wird. „Nicht jede Situation lässt sich mit den zahlreichen Kameraeinstellungen zu 100 Prozent auflösen. Und man darf nicht vergessen, dass im Video-Assist-Center in Köln auch nur Menschen sitzen.“ Der 49-Jährige ist gern Mitglied dieser Crew, zumal er sich manchmal in alte Zeiten zurückversetzt fühlt. Da gehörte er in der Bundesliga zum Gespann von Sascha Stegemann, jetzt verfolgt er dessen Arbeit aus dem Keller. „Wir sind also immer noch ein Team.“

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