Reitsport-Serie

Trotz dummer Sprüche – so wurde Timo Gerdes ein Volti-Ass

Timo Gerdes und Jolina Ossenberg-Engels vom RV Altena während eines Showacts beim Balve Optimum.

Timo Gerdes und Jolina Ossenberg-Engels vom RV Altena während eines Showacts beim Balve Optimum.

Foto: Petra Reker sportpresse-reker.de

Altena.  Wie Timo Gerdes einer der Besten Deutschlands wurde – im Voltigieren, das im Schatten steht und ihm in der Jugend auch dumme Sprüche bescherte.

Ausgerechnet das Balve Optimum, ausgerechnet jenes prominente Reitturnier, bei dem Timo Gerdes eine Art Heimspiel gehabt hätte. Anstatt sich an tolle Darbietungen und Wettkämpfe vor begeistertem Publikum dort zu erinnern, dient es dem 24-jährigen Sauerländer jetzt als Beleg dafür, dass seine Sportart nicht den Stellenwert besitzt, den Dressur- oder Springreiten inne haben.

Timo Gerdes ist Voltigierer, besser gesagt: Er war Voltigierer. Einer der besten in Deutschland.

Im Doppel mit Partnerin Jolina Ossenberg-Engels belegte er für den RV Altena startend Rang drei bei der Europameisterschaft 2017 in Österreich und nahm 2016 an der Weltmeisterschaft in Frankreich teil. Für die Weltreiterspiele in Tryon/USA im vergangenen Jahr wurde das Duo nicht nominiert, was in der Szene durchaus Kritik hervorrief. Aktuell befindet sich Gerdes in einer „Auszeit vom Voltigieren“, so nennt er es, denn vom Karriereende möchte der Altenaer noch nicht sprechen.

Beim Optimum in Balve, nur wenige Kilometer vom Neuenrader Ortsteil Küntrop entfernt, wo Gerdes und seine Partnerin auf der Reitanlage der Familie Ossenberg-Engels trainierten, starteten sie nie in einem Wettbewerb. Zwar werden in Wocklum Deutsche Meisterschaften im Springen und in der Dressur ausgetragen – Voltigieren findet sich im Programm jedoch nicht wieder.

Außer es gibt einen Showact wie ihn Timo Gerdes und Jolina Ossenberg-Engels 2018 präsentierten. „Da hat man gemerkt, dass Voltigieren mehr als Show angesehen wird und nicht als richtige Sportart“, erzählt er jetzt. Eine für ihn selbst mit etwas Abstand bittere Erkenntnis.

Doch Reitsport ist eben nicht nur Springen und Dressur, sondern auch Voltigieren. Der Akrobatik auf dem Rücken der Pferde verschrieb sich Timo Gerdes – als einer von wenigen Jungen in einer Mädchendomäne, welche die Reiterei im Kindesalter ohnehin ist.

Der Karrierestart

„Ich bin durch die Familie Ossenberg-Engels zum Reitsport gekommen, weil unsere Familien gemeinsam in den Urlaub gefahren sind und die Ossenberg-Engels schon immer mit dem Reitsport verbunden waren“, sagt Timo Gerdes. Fünf Jahre jung war er, als er mit den ersten Voltigierübungen begann „und ich war direkt fasziniert“, erinnert er sich. „Richtig geritten bin ich übrigens noch nie“, sagt er lachend, „ich war schon immer der Voltigierer.“

Die Faszination Voltigieren

Seine Begeisterung kann der junge Mann eindrucksvoll erklären. „Voltigieren ist eine sehr vielfältige Sportart: Du benötigst Kreativität, Kraft, Ausdauer und Ausdrucksstärke, damit du beim Turnen die Zuschauer begeistern kannst“, sagt er. Und Gerdes ergänzt: „Außerdem musst du dich auf das Pferd, den Partner und den Longenführer einstellen. Es ist ein Teamsport, in dem man gemeinsam etwas erreichen kann.“ Nicht allerdings, ohne turnerische Grundvoraussetzungen, „Handstand, ein Rad schlagen – man muss mit seinem Körper umgehen können. Und man darf keine Angst vor Pferden haben.“

Der Wettkampfstart

Wer Talent wie Timo Gerdes besitzt, der startet irgendwann bei Wettkämpfen. „Als Einzelvoltigierer war ich auch bei Deutschen Meisterschaften, aber das war alles noch sehr locker“, sagt er. Ernst wurde die sportliche Karriere, als Trainerin Claudia Ossenberg-Engels die beiden zu einem Paar machte. „Sie hat den Vorschlag gemacht, es mal zusammen zu probieren -- und das war keine ganz schlechte Idee“, erzählt Timo Gerdes lachend. Ab 2013 startete das Duo national und international durch.

Ist das ein Jungensport?

Doch wie reagierten seine Freunde, seine Mitschüler darauf, dass er zum Voltigieren ging? „Es gab in der Schule mal den einen oder anderen Spruch, aber ich habe das nie als extremes Mobbing empfunden“, sagt der Sauerländer, der mittlerweile in einem Hotel an der Ostsee arbeitet.

„Ich war nie der Typ, der Fußball oder Handball spielte. Ich mochte es, kreativ zu sein und mich zu präsentieren“, erzählt er. Natürlich sei ihm von pubertierenden Mitschülern auch mal gesagt worden, Voltigieren sei doch kein Sport für Jungs. „Aber wenn du erfolgreich bist, hört das schnell auf“, sagt er. Und auf die vielen Mädchen um ihn herum seien auch manche neidisch gewesen.

Der Stellenwert des Sports

Neidisch blickte Gerdes hingegen ab und an auf die Spring- und Dressurreiter. „Es hat sich einiges getan in den vergangenen Jahren, aber der Stellenwert des Voltigierens ist leider noch nicht so hoch, wie wir es uns wünschen“, sagt er. Das sei schade, denn Voltigierer müssten viel leisten. Sie müssten etwa sich selbst körperlich fitter halten als… Dressur- und Springreiter? Gerdes lacht und sagt nur: „Alle leisten etwas, aber auf unterschiedlichem Niveau.“

Die Preisgelder

Trotzdem kassieren Spring- oder Dressurreiter deutlich höhere Preisgelder. „Wer beim CHIO in Aachen den Großen Preis gewinnt, der gewinnt ein Auto und was weiß ich wie viele tausend Euro“, sagt Timo Gerdes. Ohne Verbitterung allerdings, es ist wie es ist, auch wenn es gerne anders werden darf.

„Aachen ist trotzdem von der Stimmung und von der Organisation ein sehr schönes Turnier“, ergänzt er. Eines seiner Lieblingsturniere sogar. In der Nachbarschaft beim Balve Optimum ist Gerdes allerdings auch gerne. „Aber es wäre schön, wenn das Voltigieren dort mal größer involviert wäre.“

Alle Folgen der Serie finden Sie online unter wp.de/ponyhof

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben