Fußball in Wittgenstein

Der Kopfball: Schleichende Gefahr oder notwendiges Übel?

Kopfballduelle gehören zu einem rassigen Fußballspiel dazu. Studien deuten nun aber an, dass dadurch massive Gesundheitsprobleme auftreten können. Der englische Fußballverband hat inzwischen reagiert und den Kopfball im Jugendtraining verboten. Der DFB zeigt sich bei dieser Thematik noch zurückhaltend. 

Kopfballduelle gehören zu einem rassigen Fußballspiel dazu. Studien deuten nun aber an, dass dadurch massive Gesundheitsprobleme auftreten können. Der englische Fußballverband hat inzwischen reagiert und den Kopfball im Jugendtraining verboten. Der DFB zeigt sich bei dieser Thematik noch zurückhaltend. 

Foto: Florian Runte / Runte

Wittgenstein  England verbietet Kopfbälle im Jugendbereich. Das mögliche Gesundheitsrisiko macht auch heimische Verantwortliche nachdenklich

Bänderrisse, Muskelverletzungen und blaue Flecke sind die üblichen Begleiterscheinungen des Volkssports Fußball. Nahezu jeder Hobby-Kicker musste in seinem Sportlerleben schon negative Erfahrungen mit kleineren oder größeren Verletzungen machen. Ein Risiko, das offensichtlich von abertausenden Jugendlichen und Erwachsenen jedes Wochenende ohne groß zu überlegen eingegangen wird.

Doch sind es nicht die offenkundigen und „üblichen“ Blessuren, die den englischen Fußballverband zuletzt in Alarmbereitschaft versetzt haben. Seit dem vergangenen Jahr gilt für Jugendfußballer von der Insel unter elf Jahren ein Kopfballverbot während des Vereinstrainings, nachdem eine in Auftrag gegebene Studie herausgefunden hat, dass Profifußballer ein 3,45-mal höheres Risiko haben im Alter an Demenz zu erkranken, als Nicht-Fußballer – bei Alzheimer ist die Wahrscheinlichkeit sogar noch höher.

Und auch wenn diese wissenschaftliche Studie nicht eindeutig belegen kann, dass der Kopfball die Wurzel dieses Übels ist, hat der Englische Verband dennoch konsequent reagiert. Auch für heranwachsende Kicker – bis hin zur A-Jugend – soll nur in „Ausnahmesituationen“ das Kopfballspiel ins Training eingebunden werden. Während des Wettkampfs ist dies allerdings weiterhin in allen Altersklassen erlaubt. In Skandinavien und in den USA gilt ein solches Verbot bereits seit mehreren Jahren.

In Deutschland wird weiter geköpft


Einiges deutet derzeit darauf hin, dass sich eine Vielzahl von Stößen gegen den Kopf negativ auf die kognitive Gesundheit der Sportler auswirkt. Ein Abstoß eines Torhüters, der von dem gegnerischen Abwehrspieler postwendend zurück geköpft wird, schlägt beispielsweise mit ungefähr 200 Kilogramm Gewicht auf dem Schädel des Verteidigers ein. Kopfverletzungen bei Luftduellen verbessern die Statistik für Fußballer ebenfalls nicht.

In Deutschland ist ein solches Verbot indes (noch) kein Thema. Der Deutsche Fußballbund (DFB) ist der Ansicht, dass es noch nicht genügend wissenschaftliche Beweise für eine solche Maßnahme geben würde. Beim DFB nehme man die Studie aus England zwar ernst, wolle diese aber nicht überinterpretieren – es bleibt bei der Empfehlung, erst ab dem 13. Lebensjahr gezieltes Kopfballtraining einzubauen.

Jugendtraining ohne Kopfballpendel


Parallel zu der Studie aus England forscht auch die Ludwig-Maximilians-Universität München in diesem Bereich. 130 Jugendliche sind mittlerweile regelmäßig untersucht worden. Bei vielen wurde eine leichte Veränderung der Gehirnstruktur nachgewiesen, endgültige Ergebnisse werden in den nächsten Monaten erwartet – es wird von „gehirnerschütterungsähnlichen Symptomen“ gesprochen.

Konfrontiert mit diesen Untersuchungen zeigen sich auch die Vereinsvertreter des heimischen Altkreises nachdenklich. Aus dem Nichts trifft diese Studie allerdings niemanden. „Ich habe davon schon mal gehört und das ist sicher ein interessantes Thema für unsere nächste Sitzung“, erklärt Karl-Hermann Münker, Vorsitzender des Kreisjugendausschusses. „Eine solche Untersuchung ist gut, da sie hellhörig für dieses Thematik macht.“

Lange Jahre war Münker selbst Jugendtrainer, hat schon damals auf exzessives Kopfballtraining bei den Kleinsten verzichtet und sieht im jüngsten Fußballer-Alter auch keinen Grund, die Kinder ans Kopfballpendel zu bitten. „Auch die Regeln haben sich dahingehend geändert. Auf Abstöße wird ohnehin schon verzichtet. Aber der Kopfball gehört ab einem gewissen Alter eben zur Sportart dazu.“

Die richtige Technik kann eine Hilfe sein

Auch die Jugendleiter Manuel Rath (Sportfreunde Edertal) und Dustin Völkel (SV Feudingen) verweisen darauf, dass explizites Kopfballtraining ohnehin nicht Bestandteil der Übungseinheiten der Kinder sei. Beide sind der Meinung, dass die Priorität in den Anfangsjahren auf dem Spiel mit dem Ball am Fuß liegen sollte. „Es ist mir nicht bewusst, dass Flanken, Ecken, oder Freistöße zum gezielten Kopfballspiel von der F-, bis D-Jugend zu den Trainingsinhalten gehören. Die kleinere Kinder gehen auch gar nicht aktiv zum Kopfball hin“, erklärt Völkel, der die Studien in den nächsten Monaten aber intensiver verfolgen will.

Auch Rath schlägt in die selbe Kerbe, sieht das Kopfballspiel ab einem gewissen Alter allerdings als unabdingbar an. „Das gehört zum modernen Fußball. Es ist und bleibt ein Vollkontaktsport. Wichtig ist es aber dann, älteren Jugendlichen die richtige Technik zu zeigen.“

In der Tat ist eine richtige Ausübung bei Kopfbällen nachgewiesen „gesundheitsschonender“. Durch angespannte Nackenmuskulatur lassen sich die Kräfte des Einschlags des Balles um ein Vielfaches abbremsen. Beide Jugendleiter sind sich deshalb einig, dass der Kopfball nicht aus dem Alltag der Fußballer verschwinden, allerdings erst ab einem geeigneten Alter als Stilmittel eingesetzt werden soll. Damit halten sie es wie der DFB.


Ein Verbot steht in Deutschland also derzeit nicht im Raum, beobachtet wird die Entwicklung und die Ergebnisse der verschiedenen Studien allerdings ganz genau. Dass man dem Beispiel der Briten aber doch irgendwann folgt, scheint jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen.

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