Jugendfußball

Fair-Play-Liga: Ohne Schiedsrichter läuft es sogar besser

Aufstellen zum Abklatschen: Eine der Regeln der Fair Play Liga ist die Verabschieden nach dem Spiel. Trainer Heiko Imhof (blaue Jacke) und sein Kollege von der JSG Aue-Birkelbach gehen mit gutem Beispiel voran und geben sich nach dem knappen Spiel freundschaftlich die Hand.

Aufstellen zum Abklatschen: Eine der Regeln der Fair Play Liga ist die Verabschieden nach dem Spiel. Trainer Heiko Imhof (blaue Jacke) und sein Kollege von der JSG Aue-Birkelbach gehen mit gutem Beispiel voran und geben sich nach dem knappen Spiel freundschaftlich die Hand.

Foto: Hans Peter Kehrle

Dotzlar.  Kein Schiri, Eltern auf Abstand, Kooperation der Trainer – so lauten die Grundsätze der Fair-Play-Liga. Doch wie sieht es in der Praxis aus?

Es ist ein kalter Samstagmorgen an der Kulturhalle in Dotzlar, an dem sich die Fußball-F-Junioren der heimischen JSG Dotzlar-Sassenhausen und der JSG Aue-Birkelbach gegenüberstehen.

Auf den ersten Blick wirkt dieses bunte Treiben der Fußball-Novizen auf dem neugebauten Kunstrasen wie eines von zigtausend Jugendspielen in der Bundesrepublik Deutschland. 14 Spieler rennen dem Ball hinterher und versuchen das Leder im Tor unterzubringen – so weit so normal.

Kinder beraten sich kurz bei kniffligen Entscheidungen

Doch wer genauer hinsieht, der sucht an diesem Samstagmorgen in Dotzlar und in der Altersklasse der F-Jugend per se, vergeblich nach einem neutralen Unparteiischen, der das Spielgeschehen leitet. Bei kniffligen Situationen bereden sich die maximal achtjährigen Kinder kurz und entscheiden schließlich selbst, wie das Spiel weiterzulaufen hat. Dies ist eine von drei elementaren Regeln, die im Fußballverband Westfalen seit 2013 herrschen.

Die so genannte Fair-Play-Liga hat seitdem auch in Siegen-Wittgenstein Einzug gehalten. Tore und Ergebnisse werden nicht mehr gewertet – Niederlagen oder Siege gibt es im herkömmlichen Sinne nicht. Die Spieler selbst entscheiden über Foul, Aus- und Eckball. Zuschauer und Eltern müssen mindestens einen Abstand von 15 Metern zum Spielfeldrand haben. Die Trainer sollen nur in seltenen Fällen Anweisungen geben, nebeneinander stehen und, so heißt es beim DFB, „sozusagen als ein Trainerteam“ auftreten.

Letzteres, so viel sei vorweggenommen, ist in Dotzlar kaum zu beobachten – die Betreuer beider Teams befassen sich in erster Linie mit „ihren“ Spielern.

Die Regeln gibt es, so das Kalkül des DFB, um das autonome Lernen der Sportart im Jugendbereich zu fördern und für Ruhe auf dem Platz zu sorgen – was an besagtem Samstag in Dotzlar wunderbar funktionierte.

Als zum Beispiel einem Spieler der JSG Aue-Birkelbach in einem Zweikampf das Schuhwerk abhanden kam, wurde der Ball kurzerhand ins Aus gespielt und beim Schuhbinden assistiert. Nach Fouls, die im Juniorenbereich ohnehin selten vorkommen, wird sich auf die Beine geholfen. Nahezu fürsorglich wird sich um den „Gegner“ gekümmert.

„Es gibt nichts Ehrlicheres als Kinder. Ohne „richtige“ Schiedsrichtiger ist es sogar noch besser. Häufig sind überambitionierte Erwachsene das größere Problem“, lobt auch Dotzlars Trainer Heiko Imhof die Regelumstellung. Der 46-Jährige muss es wissen, denn schon seit vielen Jahren betreut er Jugendmannschaften seines Heimatvereins. Imhof hat viel gesehen. Negatives ist dabei nicht selten hängen geblieben. Von randalierenden Zuschauern, übereifrigen Vätern an der Seitenlinie und aufgebautem Druck von der Trainerbank gegenüber Kindern spricht er – auch bei unserem Spielbesuch in Dotzlar halten sich nicht alle Eltern an die Abstandsregel.

Deshalb wundert es nicht, dass Imhof ein Befürworter der Fair-Play-Liga ist. „Es herrscht Ruhe am Platz, die Kids können sich auf ihr Spiel konzentrieren und völlig frei sein. So sollte das in dem Alter auch sein.“

Kein Eifer auf den Rängen

Dieses harmonische Miteinander färbt außerdem auch auf Zuschauer und Elternteile ab. Natürlich kennen sich an diesem Samstag die meisten Fanlager nur zu gut – Wittgenstein eben – doch von Übereifer und Erfolgsversessenheit ist auf den Rängen nichts zu spüren.

Hinzu kommt, dass an der Mehrzweckhalle für alle Zuschauer eine kleine Empore steht, auf der sich die Eltern versammeln können – die 15-Meter-Abstandsregel ist also von vorneherein gegeben. Dass die vorgeschriebenen neuen Regeln also durchaus ihre Berechtigung finden, ist schnell offensichtlich.

Dennoch gibt es aber auch Kritik an der Fair-Play-Liga. Insbesondere an der Abschaffung der Spielwertungen. Ergebnisse, Tore, Punkte sowie Meisterschalen am Ende der Saison bleiben den Kleinen verwehrt. Die Frage eines Knirps beim Duell der JSG-Mannschaften ist dabei nur Wasser auf die Mühlen der Kritiker: „Wie viel Tore hast du denn heute gemacht“, hieß es da vom Spielfeld. Eine Frage, die die Kinder natürlich in diesem Alter beschäftigt. Egoismus soll durch die DFB-Regeln unterbunden werden, doch eifern Kinder schon von klein auf ihren Idolen aus der Bundesliga nach.

Fünf Mark von Oma für ein Tor

„Die Jungs fragen schon immer nach und inoffiziell führen wir auch Statistik. Früher gab es immer fünf Mark von der Oma für ein Tor und ich finde es zwar gut, dass das so nicht mehr vorkommt, aber die Kinder sollten wenigstens Siege feiern können“, meint auch Heiko Imhof, der der Meinung ist, dass Kinder frühzeitig auch mit Niederlagen konfrontiert werden sollten: „So funktioniert das Leben.“

Inoffiziell endete das Spiel übrigens 6:5 für die Heim-Sieben, auch in anderen Vereinen wird inoffiziell mitgerechnet. Dennoch: Ob nun siegreich oder nicht, der Spaß am Sport stand an diesem Samstagmorgen für alle Beteiligten im Vordergrund.

Erfolg gibt der Fair-Play-Liga recht

Zufrieden ist auch Karl Hermann Münker, Vorsitzender des Kreisjugendausschusses, mit der Fair-Play-Liga in „seinem“ Fußballkreis. Er spricht von einer überwiegend positiven Resonanz Seitens der Vereine.

„Im Grunde hat die Idee dieser Regelrevolution genau das gebracht, was wir uns gewünscht haben. Es herrscht Ruhe auf den Sportplätzen und die Kinder entscheiden oft einfach besser als so mancher Pappenheimer, der sein Team einfach nur gewinnen sehen will“, so Münker, der aber auch zugab, dass der damalige Aufschrei in der Kreistagung, als die Regeln eingeführt wurden, enorm war. „Da war zunächst nur ein Viertel wirklich gesprächsbereit.“ Einen Grund für eine Änderung im F-Jugendbereich sieht der Hilchenbacher deshalb ganz und gar nicht.

Anders jedoch verhält es sich für Münker im E-Juniorenbereich. Dort wurde die Fair-Play-Liga vor einiger Zeit wieder gekippt – es wird wieder Ergebnissport betrieben. „Als ich erfahren habe, dass es eine E-Jugend-Kreisauswahl gibt, war für mich schnell klar, dass wir dort leistungsbezogen Fußball spielen lassen müssen. Wichtig ist aber auch, dass die Kinder durch den Leistungsgedanken der Trainer nicht vergrault werden“, so „Kally“ Münker, der in der Vergangenheit negative Erfahrungen gesammelt hat. Kinder wurden nicht mehr eingesetzt, weil sie angeblich zu schlecht waren, hörten mit dem Sport auf und fehlen nun den Seniorenteams. Er mahnt: „Manche entwickeln sich erst später, da muss man vorsichtig sein.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben