Olympia

In den Eishallen schlägt das olympische Herz höher

Nordkoreas Cheerleader feuern ihr Team an.

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Nordkoreas Cheerleader feuern ihr Team an. Foto: dpa

Gangneung.   In den Eishallen schlägt das olympische Herz des Gastgebers höher. Tausende Zuschauer und Nordkoreas Cheerleader sorgen für Stimmung.

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Schon die paar Meter, die Choi Min-Jeong von der Kabine zum Eis zurücklegt, bringen die meisten in der Halle um den Verstand – kollektives Kreischen in der Gangneung Eis Arena. Fast 12 000 Zuschauer sind gekommen, um beim Shorttrack live dabei zu sein. Die meisten sind Südkoreaner voller Enthusiasmus und Hunger auf Erfolg.

Eine der großen Fragen rund um Olympia ist die nach der Stimmung in Pyeongchang. Südkorea ist keine große Wintersport-Nation, die Tribünen beim Skispringen etwa blieben ziemlich verwaist. Wer nach der richtigen Atmosphäre sucht, darf nicht in die Berge fahren. Der muss nach Gangneung, der muss in die Eishallen. Da feiern die Südkoreaner, besonders beim Shorttrack. Das ist ihr Sport. Da sind sie die Besten.

Südkorea-Domäne Shorttrack

Chois erste Schritte im Viertelfinale lösen fast eine Ekstase aus, jeder Ansatz zum Überholen wird frenetisch begleitet. Am Ende zieht sie gerade so als Zweite ins Halbfinale ein. Trotzdem löst die Zeitlupe des Zieleinlaufs zweimal in Folge extreme Jubelstürme aus.

Choi ist erst 19 Jahre alt, aber in der Heimat bereits ein Star. Siebenmalige Weltmeisterin.

Seit Shorttrack 1992 olympisch wurde, ging fast die Hälfte aller Goldmedaillen nach Südkorea. Lim Hyo-Yun holte zum Auftakt der Wettbewerbe 2018 über 1500 Meter das 22. Gold. Selbst bei der anschließenden Umarmung seiner Eltern war das Fernsehen live dabei. „Es ist überwältigend, hier zu gewinnen“, sagte er.

Auch Anna Seidel steht über 500 Meter im Viertelfinale – nicht ihre Lieblingsstrecke, sie scheidet aus. Die Dresdenerin hat mal einen Sommer in Südkorea trainiert. „Ich habe gemerkt, dass es nicht der Weg ist, der für mich nach oben führt. Es wird nur auf Umfang, Umfang, Umfang trainiert. Wer das Tempo aushält, kommt durch. Aber mein Körper würde das nicht aushalten“, erzählt sie.

Für die Athleten lohnen sich die Qualen, ihr Ansehen ist riesig. Selbst Vorläufe in der Arena verursachen Gänsehautmomente, wenn Südkoreaner auf dem Eis sind.

Am ersten Wettkampftag kurvten auch Läufer aus dem Norden um die enge Bahn. Das führte auch die 229 Cheerleader aus Nordkorea in die Halle, die Diktator Kim Jong-Un entsandt hat. Armee der Schönen werden sie genannt. Handverlesen, regimetreu – aber ein echter Hingucker. Einheitlich gekleidet jubeln sie den koreanischen Sportlern zu. „Vereint sei unser Vaterland!“, rufen sie.

Beim Eishockey bereichern sie die Partien des gemeinsamen Frauen-Teams aus Nord und Süd. Sportlich eher ein Nachteil für Südkorea, aber die Spiele sollen den Friedens- und Einheitsgedanken fördern. Bei den 0:8-Pleiten gegen die Schweiz und Schweden begleitete die Armee der Schönen jeden halbwegs geglückten Angriff enthusiastisch. Sie sind die größte Attraktion der Spiele abseits der Athleten.

Beim Halbfinal-Auftritt von Choi ist die Atmosphäre unfassbar. Sie zieht ins Finale ein. Danach qualifizieren sich Lim Hyo-Jun, Seo Yira und Hwang Dae Heon ebenso für die nächste Runde der Männer über 1000 wie die Männer-Staffel über 5000 Meter – in der Arena, in der auch Eiskunstlaufen stattfindet. Noch so eine Sportart, bei der die eigenen Athleten angehimmelt werden.

Schiedsrichter werden ausgepfiffen

Ein paar Meter weiter im Eisschnelllauf-Oval kreischen parallel zu Chois Rennen über 5000 Fans, als Kim Min Seok über 1500 Meter der Männer Bronze gewinnt. Südkoreas Winterspiele sind Eisspiele. In Gangneung schlägt das olympische Herz der Gastgeber.

Im Shorttrack-Finale kämpft Choi mit Italienens Arianna Fontana um Gold. Es hält niemanden auf den Sitzen. Man kann die Spannung fühlen, als das Zielfoto ausgewertet wird. 22 Zentimeter fehlen. Die 500 Meter der Frauen bleiben die einzige Shorttrack-Disziplin, die Korea noch nie bei Olympia gewonnen hat. Als Choi wegen zu hartem Körpereinsatz disqualifiziert wird, hört der Spaß auf. Pfiffe für die Schiedsrichter. Viele Zuschauer gehen, warten die Siegerehrung nicht ab. Mehr Respekt wäre schön gewesen, doch der Eindruck bleibt: Es gibt keinen besseren Ort auf der Welt für Shorttrack als die Eis-Arena in Gangneung.

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