Doping

Russland weiter unter Druck: Skandal um WM-Chef 2018

Er kann es drehen und wenden, wie er will: Witali Mutko ist jetzt offiziell ein Dopingsünder. Trotzdem darf er die WM 2018 in Russland organisieren.

Foto: Reuters

Er kann es drehen und wenden, wie er will: Witali Mutko ist jetzt offiziell ein Dopingsünder. Trotzdem darf er die WM 2018 in Russland organisieren. Foto: Reuters

Essen.  Das IOC hat den Russen Witali Mutko lebenslang gesperrt. Doch die Fifa schont den WM-Chef. Die Deutschen reagieren empört.

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Sobald Witali Leontjewitsch Mutko mit kritischen Fragen konfrontiert wird, erfahren seine Gesichtszüge eine erstaunliche Veränderung. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, kraftvoll presst er die Lippen aufeinander, und man bekommt eine Ahnung davon, was bei Widerworten passieren kann.

Aus dem durchaus charmanten Gesprächspartner wird ein Trotzkopf, der Vorwürfe wahlweise „erdichtet“ oder „ohne Basis“ nennt und die Zeugen der Gegenseite „Verräter“. Die Olympia-Familie aber lässt dem 56-jährigen Politiker und Sportfunktionär aus Russland keine Verbrechen mehr durchgehen: Am Dienstag sperrte ihn das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf Lebenszeit, nachdem ihm die Beteiligung am russischen Staatsdoping nachgewiesen werden konnte. Das Dumme ist nur: Mutko, ein Freund von Staatschef Wladimir Putin, ist der Cheforganisator der Fußball-WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli 2018).

Fifa ignoriert das IOC-Urteil

„Darf ein Doping-Strippenzieher eine Fußball-WM organisieren?“, fragte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) treffend und bekam vom Fußball-Weltverband Fifa die skandalöse Antwort: Ja, er darf.

Fifa-Präsident Gianni Infantino ignoriert das IOC-Urteil von Lausanne, wonach Mutko lebenslang gesperrt und der russische Wintersport von den Spielen in Pyeongchang ausgeschlossen wird.

„Diese Entscheidung hat keinen Einfluss auf die Vorbereitungen für die Fifa Weltmeisterschaft 2018“, ließ der Weltverband verbreiten und vergrößerte am Mittwoch den Skandal um den WM-Chef 2018 noch.

Am Freitag, also vier Tage vor der sporthistorischen IOC-Entscheidung, war Infantino gemeinsam mit Mutko bei der WM-Auslosung in Moskau aufgetreten und spielte, was die Doping-Anschuldigungen im Wintersport betraf, alle Vorwürfe herunter: „Du bist ein echter Bob- und Skeleton-Experte.“

DOSB-Präsident Hörmann fassungslos

Der deutsche Olympia-Chef Alfons Hörmann reagiert fassungslos auf die Fifa-Haltung. „Für mich ist es schwer vorstellbar, dass einer, der auf dem olympischen Boden nicht mehr willkommen ist, eine prägende und entscheidende Rolle bei der Fußball-Weltmeisterschaft spielt“, sagte der DOSB-Präsident bei Sky. „Das wäre ein verhängnisvolles Signal des Fußballs gegenüber dem Weltsport.“

DFB-Präsident Reinhard Grindel blitzte schon vor Monaten mit seiner Forderung nach unabhängigen Doping-Kontrollen bei der WM in Russland ab und wurde dafür vom Fifa-Präsidenten vor der Weltpresse brüskiert. „Gianni Infantino hat das öffentlich mit der Bemerkung abgetan, es sei gut, dass ich jeden Tag eine neue Idee habe“, antwortete Grindel auf Anfrage dieser Zeitung. „Ich bleibe deshalb gerade vor dem Hintergrund der IOC-Entscheidung dabei, dass die Fifa das Dopingkon­trollsystem bei der WM einer unabhängigen Institution überantworten sollte.“ Infantino müsse dazu jetzt Vorschläge unterbreiten.

Aus der Mannschaft des Weltmeisters erfährt Grindel breite Zustimmung. „Doping ist Betrug. Das sehen auch unsere Spieler so“, sagte DFB-Direktor und Teammanager Oliver Bierhoff gegenüber dieser Zeitung. „Sie sind es gewohnt, dass Dopingfahnder unangekündigt um sechs Uhr morgens vor ihrer Tür stehen. Unsere Nationalspieler müssen das ganze Jahr über exakt angeben, wo sie sich aufhalten und sind immer erreichbar.“

Russische Fußballprofis unter Doping-Verdacht

Das war und ist in Russland anders. Der deutsche Sportjournalist Hajo Seppelt hat die systematischen Dopingpraktiken zu den Spielen in Sotschi und die Verstrickung mit Politik und Geheimdienst aufgedeckt. Sogar russische Fußballprofis standen zwischenzeitlich unter Doping-Verdacht.

Mutko, so viel ist sicher, förderte diesen Betrug am Sport und startet den Gegenangriff: Alles eine konzertierte Sabotage aus dem Westen.

Mit Mutko ist nicht zu spaßen. In Putins Heimatstadt formte er aus dem ehemaligen Zweitliga-Klub Zenit Sankt Petersburg ein Aushängeschild des russischen Fußballs. Ämter auf Ämter häufte Mutko im Sport an. Als er 2009 den Job als Fußball-Verbandschef aufgrund von Ämterfülle verlor, brauchte er keine sechs Jahre, um den Posten zurückzuholen. Putin sieht in Mutko den Mann im Sport, der ihm Goldmedaillen bei den Winterspielen in Sotschi und die Austragung der WM 2018 organisierte. So einen lässt man nicht einfach fallen.

Fifa-Ethikkommission blamiert sich

Sogar die Fifa-Ethikkommission zögert mit ihrer Stellungnahme und blamiert sich damit weltweit. „Wir müssen vorsichtig mit einer Vorverurteilung sein“, hatte Infantino gesagt. „Wir dürfen nicht alles schwarzmalen, was aus dem Osten kommt, und sagen: Bei uns gibt keine Korruption und kein Doping.“

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