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Hohe Belastung: Handball-Legende Glandorf fordert Umdenken

Harter Hund: Holger Glandorf, hier in einem Spiel gegen die Rhein-Neckar Löwen.

Harter Hund: Holger Glandorf, hier in einem Spiel gegen die Rhein-Neckar Löwen.

Foto: Getty

Flensburg.  Handball-Legende Holger Glandorf hört auf. Der Mann mit den meisten Feldtoren der Bundesliga-Geschichte moniert die Überbelastung der Profis.

Der Mann mit dem legendären Armzug geht. Holger Glandorf (37) hat die meisten Feldtore in der Geschichte der Handball-Bundesliga erzielt. Er reifte im hohen Norden bei der SG Flensburg zur Legende, holte alle wichtigen Titel, wurde 2007 Weltmeister. In 19 Profijahren musste er dafür bezahlen – mit Knochenbrüchen, Sehnen- und Bänderrissen. Er verspüre dennoch Demut und Dankbarkeit, sagt der schlaksige Linkshänder über seine Karriere, die nun endet.

Herr Glandorf, vor ein paar Tagen hat sich Ihr Team von Ihnen verabschiedet. Ein junger Spieler sagte voller Ehrfurcht, er habe noch nie jemanden erlebt, der so wenig in die Mannschaftskasse zahlen musste. Was sagt das über Sie aus?
Holger Glandorf: … (lacht) Man kann nicht sagen, dass ich ordentlich bin, aber ja, ich bin lieber zu pünktlich als zu spät. Ich muss meinen geregelten Ablauf haben, mit Disziplin bei der Sache sein. Das allerdings lernt man im Alter auch, wenn man ein paar Verletzungen hatte und weiß, dass man regelmäßige Übungen braucht, um seinem Körper diese Belastungen zumuten zu können.

Emotionaler Abschied

Was empfanden Sie beim Abschied aus dem Spielerkreis?
Holger Glandorf:
Das war sehr emotional. Ich habe mich riesig über das gefreut, was meine Handballkollegen mir zum Abschied gesagt haben. Das zeigt mir, dass ich wohl nicht nur im sportlichen, sondern auch im sozialen Bereich nicht so viel verkehrt gemacht habe. Und, dass ich nicht immer, aber meistens die richtigen Töne getroffen habe und offenbar einigermaßen beliebt bin.

Gemessen an Ihren Verdiensten für den Handballsport war es ein stiller Abschied, die Corona-Krise wollte es so. Wie waren die ersten Tage?
Holger Glandorf: Das abrupte Saisonende aufgrund der Corona-Krise ist schon ein heftiger Bruch. Natürlich wird es Situationen geben, in denen ich meine Mannschaft und die Menschen um sie herum vermissen werde. Die nächtlichen Busfahrten werden dazu sicherlich nicht zählen. Doch ich habe mich gerne mit Spielern in der Kabine zusammengesetzt, um auch einfach Quatsch zu reden. Man ist ja das ganze Jahr über zusammen. Da ich aber im Verein bleibe, sehe ich ja alle regelmäßig wieder.

"Jeder Titel hat seine Geschichte"

Sie sind Rekordtorschütze der Bundesliga, erfahren Respekt und Anerkennung in Europas Top-Ligen. Was bleibt ihnen aus 19 Profijahren?
Holger Glandorf: Jeder Titel hat seine Geschichte, ist etwas ganz Großartiges. Doch genauso wichtig sind die Menschen, die ich um den Handball herum kennengelernt habe – Mitspieler, Trainer, Betreuer. Mehr als ein Titelgewinn hat mich geprägt, dass man mit einem Mitspieler nicht unbedingt einer Meinung sein muss, man aber gemeinsam auf dem Platz stehen kann und so genauso gut ein Ziel erreichen kann. Durch den Handball bin ich viel in der Welt herumgekommen, habe neue Kulturen und Sichtweisen kennengelernt. Und ich habe dabei einiges an Demut verspürt. Etwa, wie gut wir es haben, in Deutschland zu leben.

Wie hat sich der Handball verändert? Schneller? Härter?

Holger Glandorf: Schneller ja, härter glaube ich nicht. Die miesen Fouls gibt es so nicht mehr. Man merkt, alle sind viel mehr Profis geworden. Ich sehe das auch an der Athletik der jungen Spieler, die zu uns kommen. Das ist etwas ganz Anderes im Vergleich zu damals, als ich angefangen habe. Heute gibt es viele Internate und Sportschulen, die sich früh um die Ausbildung von Talenten kümmern. Die Videoschulung der Spieler hat sich komplett verändert. Früher war es die Videokassette für die Mannschaft, heute gibt es für jeden Spieler einen USB-Stick mit einem individuellen Schnitt wichtiger Szenen.

"Habe Blessuren, die ich nach dem Karriereende mitnehme"

Sie haben gesagt: Mein Körper wird glücklich sein, dass es nun vorbei ist. Wie sind Sie mit den vielen Verletzungen umgegangen?
Holger Glandorf:
Das Schlimmste war die erste größere Verletzung, als ich mir 2005 bei der HSG Nordhorn das Kreuzband gerissen habe. Man muss lernen, wie man mit Rückschlägen umgeht. Ich habe mich in die Reha gestürzt und zugesehen, dass ich wieder fit werden. Sicherlich war auch einiges an Glück dabei, dass mich diese Verletzung nicht gestoppt hat. Was ich aber dabei gelernt habe ist, positiv zu denken. Ich habe mir danach immer wieder gesagt: Letztes Mal hat es ja auch gut geklappt, das wird es jetzt auch. Natürlich habe ich Blessuren, die ich nach meinem Karriereende mitnehmen werde. Aber damit kann ich zurzeit gut leben.

Es gab in ihrer Karriere auch die andere Seite. Die schwere Entzündung an der linken Ferse 2012, einige Jahre später der Riss der rechten Achillessehne. Werden Sie das als Tiefpunkt in Erinnerung behalten?
Holger Glandorf: Schon, ja. Damals stand meine Karriere wirklich auf Messers Schneide. Keiner wusste, wie es weiterging. Als ich wieder für 14 Tage ins Krankenhaus musste, war das nicht einfach für mich. Ich dachte, das kann so nicht das Ende meiner Karriere sein. Ich habe von meiner Familie und meinen Freunden viel Hilfe bekommen. Es ist ja zum Glück gut ausgegangen.

"Vieles passiert in kleineren Schritten"

Sie haben sich 2014 aus der Nationalmannschaft verabschiedet, um ein paar Jahre länger im Verein spielen zu können. 70 bis 90 Spiele pro Saison, das sei einfach zu viel, sagten Sie. Vor einer Überforderung warnt auch die internationale Spielergewerkschaft Goal, die mit der Kampagne „Don’t Play the Players“ Reformen zum Schutz der Profis forderte. Was wurde daraus?
Holger Glandorf: Vieles passiert in kleineren Schritten. Es gibt nicht die große Lösung, aber hier und da Fortschritte. Etwa, dass es bei internationalen Turnieren den freien Tag zwischen zwei Spieltagen gibt. Der Terminplan in der Bundesliga wird gestrafft, um im Sommer die Regenerationsphase für die Spieler zu verlängern. Wenn aber Nationalspieler jetzt als positive Erkenntnis aus der Corona-Krise ziehen, dass der Saisonabbruch das Beste sei, was ihrem Körper passieren konnte, dann ahnt man schon, was die Jahre der Vielfachbelastung den Sportlern „antun“ können.

Wo sehen Sie Möglichkeiten, etwa zu ändern?
Holger Glandorf: Im nächsten Jahr stehen Weltmeisterschaft, Olympische Spiele und Bundesliga auf dem Programm. Man sieht also, dass man noch immer nicht die richtige Lösung gefunden hat. Doch es geht in die richtige Richtung. Wir müssen eine vernünftige Balance finden. Bei einem Wechsel zwischen Bundesliga und Champions-League, also Reisen und Spielen in einem 48-Stunden-Rhythmus, ist das schwierig. Was man aber auch als Erfahrung aus der Corona-Krise überlegen kann, sind kombinierte Spieltage mit Gegnern aus einer Region, um die Reisebelastungen gering zu halten.

"Das Corona-Virus aber ist eine höhere Instanz"

Die Saison ist abgebrochen, Flensburg Vizemeister. Wie fühlt sich das für Sie an?
Holger Glandorf: Nicht gut. Für uns Sportler fühlt es sich einfach nicht fertig an, wenn nach der langen Saison jetzt acht Spiele fehlen und auch der Pokalwettbewerb sowie die Champions-League nicht entschieden sind. Das Corona-Virus aber ist eine höhere Instanz. Es gab keine Alternative zu der Entscheidung, die Spielzeit abzubrechen.

Die Basketballer spielen. Hätte die Handball-Bundesliga nicht auch anders entscheiden können?
Holger Glandorf: Der Handball lebt von seinem Publikum, von den Emotionen auf den Rängen. Ich halte das für ganz, ganz schwierig, ohne Zuschauer zu spielen. Eine Lösung wie im Basketball - zehn Mannschaften in ein Hotel einzuquartieren und die Entscheidungen an einem Ort auszuspielen - das halte ich im Handball für kaum umsetzbar. Mir fehlt jedenfalls dazu die Vorstellungskraft.

Wann es mit dem Handball in der neuen Saison weitergeht, ist ungewiss. Wie lang hält die Sportart das aus?
Holger Glandorf:
Gute Frage. Die Planungen sind, dass Anfang September der Supercup stattfinden soll, danach startet die Bundesliga. Ob das so klappt, ist eine andere Frage. Was wir brauchen ist ein Start- und ein Zielpunkt. Eine Antwort darauf, wann Kontaktsport in den Bundesländern wieder möglich ist, damit die Vorbereitung auf die Saison beginnen kann.

Nicht neidisch auf die Fußball-Profis

Die Fußball-Profiligen spielen wieder. Neidisch?
Holger Glandorf: Neidisch nicht, nein. Der Fußball steht über allem, das wissen wir. Für mich jedoch fühlt es sich komisch an, dass meine Kinder nur an ein oder zwei Tagen zur Schule gehen können, Fußball aber in der Bundesliga und nachmittags draußen wieder möglich ist. Aber ich habe mir den ersten Spieltag angeschaut und fand es besser als gedacht.

Echt?
Holger Glandorf: Ja. Für mich als Handballer war es hochinteressant, einmal zu hören, was ein Fußballtrainer hineinschreit. Ich bin aber gespannt, wie und ob es mit der Liga weitergeht, wenn es mehrere Corona-Fälle geben sollte. Und ich hoffe, dass die anderen Sportarten von der Politik nicht vergessen werden und es auch hier schnell Lösungen gibt. Auch unter Handballklubs gibt es solche, die Wirtschaftsunternehmen sind und neben Sportlern auch Büroangestellte beschäftigen.

Sie haben sich für die Managerkarriere entschieden, nicht für ein Traineramt. Warum?
Holger Glandorf: Ich habe mich eigentlich nie als Trainer gesehen. Ich kann gerne mal einen Ratschlag geben. Doch ich sehe mich nicht an vorderster Front, eine Mannschaft zu führen. Ich fühle mich wohler in meiner neuen Rolle in der Geschäftsstelle, wenn es also darum geht, die Abläufe innerhalb eines Vereins zu optimieren. Ich hoffe, dass ich die Erfahrung und die Sichtweise eines Spielers miteinbringen kann.

"Denke darüber nach, in Altherrentruppe zu kicken"

Hört ein Spitzensportler auf, müssen Körper und Geist regenerieren, raten Sportärzte. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Holger Glandorf: Ich trainiere ab und zu, gehe weiter Laufen, absolviere ein Programm mit Stabilisierungsübungen. Und ich denke darüber nach, in einer Altherrentruppe zu kicken. Mal schauen.

Und der Kopf?
Holger Glandorf: Meine Entscheidung, aufzuhören, habe ich schon im vergangenen Jahr gefasst. Dadurch hatte ich genug Zeit, darüber nachzudenken. Ich wollte die letzten Spiele noch genießen, und das habe ich bis zum Abbruch getan. Jetzt warten neue Aufgaben. Dann bin ich nicht mehr mittendrin, aber noch am Rand dabei. Ich bin mit mir absolut im Reinen.

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