Hockey

Hockey-Talent Pia Maertens: Über Mönchengladbach nach Tokio

Pia Maertens (vorne) ist im Kreis der Großen angekommen: Das Finale gegen die EM-Niederlande ging mit 0:2 verloren.

Pia Maertens (vorne) ist im Kreis der Großen angekommen: Das Finale gegen die EM-Niederlande ging mit 0:2 verloren.

Foto: Virginia Mayo / dpa

Duisburg.  Erst seit einem Jahr im Angriff dabei, schon eine Hoffnungsträgerin: Für Pia Maertens und die Hockeydamen geht’s am Wochenende ums Olympia-Ticket

Mannschaftssportler, die sich zu elft gegenüber stehen, kennen das: Der Torwart und der Linksaußen, sie gelten wohl formuliert als besondere Menschen, denen für ihre Aufgaben eine gewisse Portion Beklopptheit nicht fehlen dürfte, besagt diese recht betagte, wenn auch nicht empirisch bewiesene Weisheit.

Sie trifft zumindest beim Feldhockey aus einem bestimmten Grund auf Torhüter zu: Schüsse des Gegners abzuwehren, ist eine sehr schweißtreibende Angelegenheit. Weshalb es kein Vergnügen für die Nase darstellt, die Schutzkleidung nach einem Spiel oder einer Trainingseinheit anschließend zu Hause zu trocknen. Pia Maertens entstammt durch und durch einer Hockeyfamilie und kennt diese Begleiterscheinung aus Erzählungen nur zu gut.

Mutter Susi Wollschläger war dreimal bei Olympischen Spielen

Man spricht beim Hockeysport immer gerne von – biologisch zweifelsohne noch nicht nachgewiesener – Vererbung. Doch die Position ihrer Mutter Susi Wollschläger, als Torhüterin der deutschen Nationalmannschaft dreimalige Olympiateilnehmerin und Silbermedaillengewinnerin 1992 in Barcelona, wollte sie lieber nicht übernehmen.

„Ich glaube, das stand nie zur Debatte, weil meine Mutter selbst zu Hause nicht noch mal so eine stinkende Torwarttasche stehen haben wollte“, sagt die 20-Jährige und lacht. Eine gute Entscheidung. Vermutlich wäre aus Pia Maertens auch eine passable Torhüterin geworden. So aber ist sie zum Glück zu einer der größten deutschen Sturm-Hoffnungen gereift.

Gegen Italien um die Qualifikation für Tokio 2020

Ihre herausragenden Fähigkeiten will die Duisburgerin auch am Wochenende gewinnbringend einbringen: In Mönchengladbach müssen die deutschen Hockeydamen in zwei Spielen gegen Italien (Samstag 16 Uhr und Sonntag 14 Uhr) ihre letzte Chance nutzen, sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio zu qualifizieren. Zweimal 60 Minuten ohne Penaltyschießen sollen das zufriedenstellende Resultat bringen, das man erwartet, wenn in der im Hockeysport nicht ganz so langen Weltrangliste der Vierte den Siebzehnten empfängt, der sich nicht einmal für die letzte Europameisterschaft qualifizieren konnte. „Italien ist athletisch gut, und international kann jede Mannschaft gut verteidigen“, sagt Pia Maertens. „Aber technisch und taktisch sind wir total überlegen. Wenn wir Gas geben, sollten die also keine Schnitte gegen uns haben.“

Aus der groß gewachsenen Stürmerin spricht da nicht der jugendliche Übermut, sondern eine große Portion berechtigten Selbstbewusstseins. Von der U16 an hat Pia Maertens die gesamte Kaderschule des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) durchlaufen, sie galt in ihrem Jahrgang immer als herausragendes Talent.

Als 20-Jährige fester Bestandteil im A-Team

Früher als erwartet ist sie nun schon Stammkraft, auch wenn der Einstieg im November vergangenen Jahres ihr Kopfschmerzen bereitete: „Das war bei einem Athletiklehrgang, bei dem man sich ja nicht mal am Schläger zeigen konnte. Das war nicht so einfach, darüber in die Mannschaft zu kommen.“ Zumal es Respekt einflößt, wenn man sich dann als Jungspund in einer Mannschaft wiederfindet, „in der aufgrund des Alters alle in einer anderen Lebenssituation stecken“, in der man plötzlich neben einer Führungsspielerin wie der 13 Jahre älteren und um fast 300 Länderspiele erfahreneren Hamburgerin Janne Müller-Wieland steht.

Nun aber ist sie fest im A-Kader und zweitjüngstes Mitglied im Aufgebot von Bundestrainer Xavier Reckinger für die Vergleiche mit Italien. Der Belgier habe ihr von Anfang an mit auf den Weg gegeben: „Sei entspannt, hab Spaß, mach Fehler – Dich kennt quasi noch niemand, du kannst machen, was du willst.“ Zehn Tore in 29 Länderspielen sind eine sehr beachtenswerte erste Jahresstatistik für einen Neuling – erst recht, wenn man wie Pia Maertens erst seit einem Jahr im Sturm agiert. Im Verein spielte sie bislang stets im Mittelfeld, übernahm dort früh viel Verantwortung. Im DHB-Nachwuchs aber hatte sie zunächst sogar eine feste Rolle in der Innenverteidigung.

Beste Nachwuchsspielerin bei der EM 2019

Weil technisches Spielvermögen und der Zug zum Tor jedoch auch bei Stürmerinnen nicht immer im Überfluss vorhanden sind, ging es für die Lehramtsstudentin in der taktischen Anordnung immer weiter nach vorne. „Vorne im Sturm kann man zaubern, und selbst wenn man von soundsovielen Chancen mal nur eine reinmacht, ist am Ende vielleicht doch alles gut. Und ich habe jetzt schon ein paar coole Treffer gemacht.“

In der Pro League zum Beispiel, als sie zum dritten Platz der deutschen Mannschaft einen der entscheidenden Penaltys gegen Argentinien verwandelte. Oder bei der EM im vergangenen Sommer, als die Auszeichnung zur besten Nachwuchsspielerin später sogar ein kleiner Trost für die 0:2-Finalniederlage gegen die Niederlande war. Die Konsequenz für immer härter werdende Zweikämpfe mit gegnerischen Abwehrspielerinnen? Inzwischen hört sie von Reckinger: „Jetzt haben dich alle auf dem Schirm.“

Vom Club Raffelberg zu Rot-Weiss Köln gewechselt

Ihr Erfolg führte auch dazu, dass Pia Maertens im zurückliegenden Sommer schweren Herzens ihre Bindung zum Club Raffelberg, bei dem sie groß geworden war, lockern musste. Die Duisburgerinnen spielen in der zweiten Liga, da ist mit Blick auf Tokio die Saison beim Bundesliga-Spitzenteam Rot-Weiss Köln zielführender. „Ich habe beim CR ja noch zu vielen Freundinnen Kontakt, trainiere dort mehrere Mannschaften wie zum Beispiel die Jugend B. Als wir am letzten Wochenende Deutscher Meister geworden sind und dann zum Empfang nach Duisburg gekommen sind, wusste ich ganz genau, warum ich den Club liebe. Das wird nie enden, das ist meine Familie.“

Hockey, Familie, Vererbung – was zum Ausgangspunkt mit den Besonderheiten von Torhütern und Linksaußen zurückführt. Auf welcher Seite man stürmt, ist im Spitzenhockey nicht mehr so festgelegt wie einst. Pia Maertens bringt hüben wie drüben eine Qualität ins Spiel, die nicht selbstverständlich ist: Furchtlosigkeit. Xavier Reckinger schätze an ihr wohl vor allem, „wie ich im Sturm verteidige. Weil ich mich schon immer in der Hocke allem entgegenstelle. Mir ist dann auch egal, wenn ich mal einen Ball abbekomme.“ Muss halt jeder Hockeyspieler für sich selbst entscheiden, was er erträglicher findet: eine stinkende Torhüter-Ausrüstung oder blaue Schienbeine.

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