Corona-Krise

Nach Olympia-Aus: Wenn alle Pläne ins Wasser fallen

Brustschwimmerin Jessica Steiger wollte nach Olympia in diesem Sommer kürzertreten. Nun muss sie umplanen.

Brustschwimmerin Jessica Steiger wollte nach Olympia in diesem Sommer kürzertreten. Nun muss sie umplanen.

Foto: dpa

Die Olympischen Spiele werden wegen der Corona-Krise verschoben. Athleten wie Schwimmerin Jessica Steiger kämpfen um ihren Traum und Sponsoren.

Katerina Stefanidi hat die Nachricht gut verdaut. Die 30 Jahre alte Griechin gehört zu den besten Stabhochspringerinnen der Welt. In diesem Jahr wollte sie in Tokio ihre zweite Olympia-Medaille nach Gold 2016 in Angriff nehmen. Nun sind die Spiele wegen der Coronavirus-Pandemie auf 2021 verschoben. Was sich für sie geändert habe? „Gestern hatte ich Eier und Haferflocken zum Frühstück. Heute gab es Käsekuchen“, schrieb sie auf Twitter. Die Zeit der Entbehrung für das große Ziel ist vorerst vorbei, Stefanidi nimmt es mit Humor.

Auch Jessica Steiger hat ihr Lachen noch nicht verloren. „Was bleibt mir anderes übrig?“, fragt die Brustschwimmerin vom VfL Gladbeck. Doch in dem Moment, als die Verschiebung der Olympischen Spiele am Dienstag offiziell wurde, sah das anders aus. „Da war ich gefrustet, da habe ich erstmal eine Strophe geheult“, erzählt die 27-Jährige einen Tag später. Obwohl sich die Entscheidung bereits angedeutet hatte, sie sie nachvollziehen kann und für „die einzig richtige“ hält, weil „alles andere unfair gewesen wäre“, riss es Jessica Steiger zunächst den Boden unter den Füßen weg. „Für mich persönlich ist das nicht so gut“, sagt sie. „Ich glaube, so geht es allen ,älteren’ Athleten, die ihre Karriere auf den Höhepunkt treiben und sich danach etwas zurückziehen wollten.“ Nach Tokio wollte sie kürzertreten, anfangen zu arbeiten. Ähnlich geht es Martin Sauer (37). Der Steuermann des Deutschlandachters, der in seinem Sport bereits alles erreicht hat, ist fertig studierter Jurist, nach den Spielen wollte er richtig in den Beruf einsteigen.

Nun muss er umplanen, genau wie Jessica Steiger. Für sie ist das nicht so leicht. Es geht um Geld, um Verträge, die 2020 enden.

Sie weiß, dass sie nicht als Medaillenkandidatin zu den Spielen fahren würde. Doch Olympia ist ihr Traum, der Grund, warum sie morgens um halb sechs ins Becken steigt, warum sie sich in Höhentrainingslagern quält, alles in ihrem Leben dem Sport unterordnet. Dabei sein ist für sie tatsächlich alles. Aber Jessica Steiger ist kein Star. Sie steht nicht in der ersten Reihe wie Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo (26) oder Niklas Kaul, Zehnkampfweltmeister, Sportler des Jahres. Der 22-Jährige hat Sponsoren wie Adidas und Red Bull, dazu eine große Strahlkraft für eine junge Zielgruppe. Er braucht sich keine Sorgen um Unterstützung durch Sponsoren zu machen.

Bei Jessica Steiger ist das anders. „Schwimmen“, sagt sie, „ist in Deutschland eine Randsportart.“ Das musste sie Sponsoren schon oft erklären. Sie erhält 800 Euro im Monat von der Sporthilfe. „Dafür bin ich sehr dankbar, aber zum Leben reicht das nicht.“ Weil sie – anders als zum Beispiel der Wattenscheider Daniel Jasinski, der 2016 in Rio Bronze mit dem Diskus gewann, – nicht zur Sportfördergruppe der Bundeswehr gehört und auch nicht bei der Polizei ist, muss sie sich anders finanzieren. Dank einiger Erfolge konnte sie Sponsoren gewinnen. Allerdings: bis August 2020. Sie muss klären, ob eine Verlängerung möglich ist. Einige Partner kontaktierte sie schon, andere nicht. „Ich weiß ja auch, dass sie gerade andere Sorgen haben“, sagt sie.

Auch über die Möglichkeit, im September neben dem Schwimmen arbeiten zu gehen, hat Jessica Steiger nachgedacht. „Ich weiß aber nicht, ob ein Arbeitgeber das mitmacht, da ich ja oft unterwegs bin.“ Aus ihrer Zeit des Erziehungswissenschaften-Studiums weiß sie zudem, dass die Doppelbelastung ihre Leistung im Becken beeinflusst. Eine Option wäre es dennoch.

Hoffnung auf gutes Ende

Es gilt für sie nun abzuwägen: Verlängert sie ihre Karriere, wirft ihre beruflichen – sie hatte schon Bewerbungen geschrieben – und privaten – sie will im Mai 2021 ihren Freund Marco heiraten – Pläne über Bord, um ihren Traum von Olympia doch noch zu erfüllen? Man möchte diese Entscheidung nicht fällen müssen. Was ihr Mut macht? „Meine Familie und mein Freund“, sagt sie. „Sie unterstützen mich, egal wie ich mich entscheide.“ Die Saison will Jessica Steiger nun gut zu Ende bringen. Die Europameisterschaft ist aktuell auf August verschoben. Die Normen hat sie. Trainieren kann sie zumindest an Land. Auf Kuchen zum Frühstück muss sie also noch verzichten.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben