Leichtathletik

Sprinterin Gina Lückenkemper kommt in Form für die WM

Am Wochenende in London: Gina Lückenkemper (Mitte) rennt gegen die Weltelite – links Jonielle Smith aus Jamaika, rechts Marie-Josee Ta Lou von der Elfenbeinküste.

Am Wochenende in London: Gina Lückenkemper (Mitte) rennt gegen die Weltelite – links Jonielle Smith aus Jamaika, rechts Marie-Josee Ta Lou von der Elfenbeinküste.

Foto: dpa pa

Berlin.  Gina Lückenkemper misst sich wieder mit der Weltelite des Sprints. Für ihre Bestleistung hat die 22-Jährige einiges verändert.

Im Olympiastadion fühlt sich Gina Lückenkemper einfach am wohlsten. Dabei ist es relativ egal, ob das in London oder in Berlin steht. Denn mit beiden verbindet die 22-Jährige Meilensteine ihrer Karriere. Und so stand die Sprinterin des SCC Berlin am Sonntag genau dort, wo sie vor gut zwei Jahren zum ersten Mal die magische 11-Sekunden-Marke geknackt hatte. Auf der Bahn des Londoner Olympiastadions.

Die große Gina-Show

Auf das Diamond-League-Meeting dort hatte sich Lückenkemper gefreut. Es war ihr erster Start in London seit der WM 2017, als sie mit 10,95 Sekunden so schnell lief wie keine Deutsche seit Katrin Krabbe 1991. Das hochkarätige Starterfeld um Jamaikas Olympiasiegerin Shelly-Ann Fraser-Pryce vergönnte ihr dieses Mal zwar keine Zeit unter elf Sekunden. Mit einer neuen Saisonbestleistung von 11,14 Sekunden bestätigte Lückenkemper aber, dass sie auch in dieser Saison im Konzert der Großen mitsprinten kann.

Angekommen war sie dort an ihrem anderen sportlichen Sehnsuchtsort. Im Berliner Olympiastadion. Als sie im August bei der EM Silber holte und eine Gina-Show mit Bronze in der 4x100-Meter-Staffel krönte. Alles hatte sich um die Frohnatur aus Westfalen gedreht. Lückenkemper war der neue Stern der deutschen Leichtathletik.

Hohe Erwartungen an Deutschlands Sprint-Königin

Neun Monate Wettkampfpause sind seitdem vergangen. Sie wirkt ausgeruht, entspannt, fokussiert. Das, was war, hat sie verarbeitet. Und trotzdem hat 2018 Spuren hinterlassen. Sportlich, medial aber auch mental. Den Weg in die Weltspitze hat Lückenkemper mit einem hohen Preis bezahlt. Die Erwartungen an Deutschlands neue Sprint-Königin sind hoch.

Nach 11,36 Sekunden beim Diamond League Meeting in Rabat (Marokko) sprachen viele von einem schwachen Saisonstart, von fehlender Form, von viel Luft nach oben. „Von einer Leistungssportlerin wird immer erwartet, dass sie funktioniert und dass sie immer im Bereich ihrer Bestleistung läuft“, sagt Lückenkemper. „Und wenn man dann eine 10,95 stehen hat und eine 11,36 rennt, ist das Geschrei groß. Auch wenn es keine schlechte Leistung war, sondern eine solide.“

Eine solide Leistung, auf die die in Soest lebende Sprinterin aufgebaut hat. 11,16 Sekunden in Lausanne bedeuteten Anfang Juli die Norm für die Leichtathletik-WM in Doha (28. September bis 6. Oktober). Mit 11,20 Sekunden siegte sie beim Meeting in Luzern und dann folgte nun die Saisonbestleistung am Sonntag in London. „Ich bin auch schon mit Wahnsinnszeiten in Saisons eingestiegen. Aber dass das nicht die Regel sein kann, sollte vielen bewusst sein. Menschen sind keine Maschinen“, sagt Lückenkemper.

"Solange ich in Doha abliefere, kann alles andere egal sein“

Dass sie die WM-Norm frühzeitig laufen würde, war ihr in ihrer absoluten Selbstsicherheit völlig klar. Auch weil sie großes Vertrauen in die Arbeit mit ihrem Trainer Uli Kunst hat. „Er hat es seit 2015 jedes Jahr geschafft, dass ich zum Saisonhöhepunkt performt habe und das ist das, was zählt. Solange ich in Doha abliefere, kann alles andere egal sein“, sagt Lückenkemper. „Deshalb habe ich mir auch auferlegt, mir nicht mehr alles über mich durchzulesen.“

Und die Studentin der Wirtschaftspsychologie hat noch etwas gelernt: auf ihren Körper zu hören. Die Aufarbeitung der EM, der Vereinswechsel von Leverkusen nach Berlin Ende des Jahres, „das hat so viele Nerven geraubt“, sagt sie. Somit entschied sie, ein Urlaubssemester einzulegen. Die Devise seither: ein leerer Kopf für schnelle Beine.

„Wenn ich studiere, möchte ich das ernsthaft machen und das war eben nicht mehr möglich, weil der Kopf so fertig war. Mein Leben besteht ja auch nicht nur aus Training. Öffentlichkeitsarbeit, Sponsorentermine, Events. Der Job als Leistungssportler umfasst so viel mehr“, erzählt Lückenkemper.

Deshalb möchte sie in naher Zukunft auch zu ihrem Freund Stefan nach Bamberg ziehen. Weg aus Soest, um die Zeit, die sie sonst im Auto verbringt, sinnvoller zu nutzen. Im Gegensatz zu ihm, sei sie schließlich „arbeitsplatztechnisch flexibel“. Der Startblock liegt immer im Kofferraum bereit. Auch wenn die SCC-Sprinterin nach Berlin fährt. In ihre neue sportliche Heimat.

Vorfreude auf DM in Berlin

Seit einem halben Jahr startet sie für ihren neuen Klub und war seitdem mindestens einmal im Monat in der Hauptstadt. Da erübrigt sich die Frage nach der Vorfreude auf die Deutsche Meisterschaft (3./4. August) fast. „Ich freu mich schon mega drauf“, sagt Lückenkemper. Natürlich. Die Titelkämpfe finden ja auch im Berliner Olympiastadion statt

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