Tennis

Thiem meldet nach Sieg über Federer Ansprüche bei WM an

Dominic Thiem ballt nach dem Sieg über Roger Federer die Hand zur Faust.

Dominic Thiem ballt nach dem Sieg über Roger Federer die Hand zur Faust.

Foto: DPA

London.  Dominic Thiem besiegt in London den großen Roger Federer. Um dessen Rolle einmal einzunehmen, eignet sich der Österreicher eher als Alex Zverev.

er in der Londoner 02-Arena gegen Roger Federer antritt, spielt nicht nur gegen den alten Meister selbst. Sondern auch gegen viele tausend kleine Federers auf den Tribünen. Eiserne, verschworene Federer-Fans. Siegpunkte des Schweizers werden euphorisch bejubelt von der Welt-Fangemeinde Federers, ebenso kleinere oder größere Fehler des jeweiligen Federer-Gegners. Dominic Thiem hatte deshalb keinesfalls untertrieben, als er vor der Sonntagspartie gegen den 38 Jahre alten Granden befand, gegen Federer müsse „alles, fast alles passen“ für einen Erfolgsmoment.

Von Nadal bis Zverev: Die acht Teilnehmer der ATP FinalsAber ziemlich genau so kam es dann auch am ersten Spieltag der Tennis-Weltmeisterschaft: Bei Thiem stimmte nahezu alles, in den wichtigen Momenten war er hellwach, couragiert und mutig. Sein 7:5, 7:5-Sieg gegen Federer war keine Überraschung mehr, am wenigsten für Federer selbst. „Wenn du gegen Dominic nicht am Limit bist, verlierst du gegen ihn“, sagte Federer, „er ist ein großartiger Spieler.“

Thiem ist für Federer der Angstgegner

Manchmal scheint es indes so, als müsse es der Tennis-Öffentlichkeit und den Sportfreunden überhaupt noch einmal ins Bewusstsein gerufen werden: Welch erstaunliche Entwicklung die Karriere des 26 Jahre alten Österreichers genommen hat, wie nahe dran er an den ganz Großen der Branche ist, wie gut er gerade im Duell mit den Spitzenleuten auftritt. Für Federer, den erfolgreichsten Spieler dieser Epoche, ist der Ranglisten-Fünfte Thiem sogar so etwas wie ein Angstgegner, inzwischen hat der Maestro fünf von sieben direkten Vergleichen verloren.

Der Ausrutscher vom Sonntag lässt Federer nur noch schwache Hoffnung auf ein Vorrücken ins WM-Halbfinale, dazu müsste er nun wohl gegen den Italiener Matteo Berrettini und – vor allem – auch gegen den Serben Novak Djokovic gewinnen. Thiem dagegen, dem Längst-Nicht-Mehr-Sandplatzspezialisten, sollte ein weiterer Gruppensieg gegen Berrettini fürs Weiterkommen reichen. „Ich will meine Chance jetzt auch entschlossen nutzen“, sagte er.

Titelverteidiger Zverev startet auch in London

Thiem war in letzter Zeit ein wenig vom Radar verschwunden, er wirkte wie ausgeblendet zwischen den Altvorderen um Federer, Nadal und Djokovic sowie den aufstrebenden Spielern der Generation Anfang Zwanzig. Von denen vier auch in London mitwirken: Titelverteidiger Alexander Zverev (22), US Open-Finalist Daniil Medwedew (23), der Grieche Stefanos Tsitsipas (21) und Berrettini (23). Als Medwedew im Sommer zu einer magischen Siegesserie ansetzte und für weltweite Schlagzeilen beim Grand-Slam-Spektakel in New York sorgte, schien er auf einmal der neue Erbfolger für die Großen Drei zu sein – und nicht einer wie Thiem, der seit Jahren auf konstant hohem Niveau spielt und schon zum vierten Mal bei der WM startet. „Viele haben aber ganz aus den Augen verloren, dass Thiem die beste Saison seiner Karriere spielt“, sagt der Australier Pat Cash, einst Wimbledon-Champion, „und dass er auf Sand der natürliche Erbe Nadals ist.“ Gegen jenen Nadal verlor er im French-Open-Finale Anfang Juni noch mal, schlug indes im Halbfinale Djokovic.

Nicht zu vergessen: Thiem hat schon einige große Herausforderungen in seinem Berufsleben gemeistert, die den Jüngeren noch bevorstehen. Im Jahr 2019 vollzog sich – nicht ganz ohne Nebengeräusche – der Trennungsprozess vom langjährigen Ziehvater Günter Bresnik, ein lange Zeit unvorstellbarer Akt. Vom Vielspieler, der überall antrat, ist er zum Qualitätsspieler geworden; er nimmt sich mehr Pausen, er bestritt 2019 bis zu den ATP-Finals 16 Spiele weniger als etwa 2016 (63 zu 79). Anders als in anderen Jahren habe er das Gefühl, so Thiem, „hier in London noch mal richtig aus dem Vollen schöpfen, echt zulegen zu können“.

Dominic Thiem: Die beste Saison seiner Karriere

Ohnehin hat ihm der etwas selektivere Blick auf seine Engagements im Wanderzirkus schon jetzt klare Vorteile eingebracht: Er gewann 2019 mehr Turniere als je zuvor (5), er landete mehr Siege gegen Top-Ten-Konkurrenz als je zuvor (6), er verlor bisher nur 17 Mal seit dem Saisonstart im Januar in Australien. Das gute WM-Gefühl befeuerte jüngst der Siegeszug beim Heimturnier in Wien, es war sozusagen der „Austria Slam“ nach dem sommerlichen Erfolg in Kitzbühel. „Dominic ist der Mann, den man erst mal schlagen muss bei dieser WM“, sagt der frühere englische Topmann Greg Rusedski.

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