Verdienstkreuz

Briloner wird mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Deutsch-französischer Austausch: Reinhard Sommer (Partnerschaftsvereinigung Brilon) und Melanie Nazarian (Austauschschülerin von der Marienschule) vor dem Hesdin-Wappen.

Deutsch-französischer Austausch: Reinhard Sommer (Partnerschaftsvereinigung Brilon) und Melanie Nazarian (Austauschschülerin von der Marienschule) vor dem Hesdin-Wappen.

Foto: Privat

Brilon.  Reinhard Sommer war früher Beigeordneter der Stadt Brilon und setzte sich für die deutsch-französische Freundschaft ein. Das wurde jetzt belohnt.

Als Schüler unternahm er seine erste Studienfahrt nach Frankreich und lernte dabei die landschaftlichen Schönheit der Bretagne und der Normandie, aber auch die Schlachtfelder von Verdun kennen. Seitdem pflegt Reinhard Sommer, langjähriger Beigeordneter der Stadt Brilon, eine innige Verbundenheit zu dem Nachbarland - privat wie auch in ehrenamtlicher Funktion in der Städtepartnerschaft. Für sein Engagement ist ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen worden.

Was bedeutete Europa für die Jugendlichen Ihrer Generation?

Reinhard Sommer: Meine Generation gehörte damals – nicht unmittelbar – doch noch zur „Erlebnisgeneration“, relativ kurz nach dem Weltkrieg, geprägt auch von den Erzählungen der Eltern und von der Sehnsucht: „Nie wieder Krieg“. Wir haben die Europabegeisterung der ersten Jahre erlebt, die Treffen an den Grenzen, das Wegräumen von Schlagbäumen. Da war ein unbedingter Wille: Europa gehört zusammen. Und das hat uns dann auch während der ersten Zeit der Städtepartnerschaften angetrieben, als noch viele dabei waren, die im Krieg an den Fronten gekämpft haben.

Und die Jugend heute?

Die Jugendlichen gibt es nicht. Wenn sie sich für Europa interessieren, wissen sie, dass kein Land für sich allein etwas erreichen kann. Und sie verknüpfen Europa mit der Forderung nach den Antworten auf die „Schlüsselfragen“ unserer Zeit: Wie verhält sich Europa bei der Bewältigung der Folgen des Klimawandels und der zunehmenden Migration und gelingt ein wirtschaftlich starkes, gleichwohl soziales Europa in einer globalisierten Welt.

Was hat Sie speziell mit Frankreich verbunden und was haben Sie durch Ihre ehrenamtliche Tätigkeit persönlich gewonnen?

Mit Frankreich verbindet mich die Sprache und der „Start“ durch die Begegnungen in den 60er Jahren zwischen dem Alfred-Delp-Haus und den Jugendlichen aus der Region Le Mans, kurz danach mit den Städtepartnern aus Hesdin. In den Jahrzehnten danach habe ich sehr viel über das Nachbarland erfahren, ganz viele Menschen in unterschiedlichen Regionen kennengelernt und sehr viele persönliche Freunde gewonnen. Freundschaftliche Beziehungen über Jahrzehnte sind wie ein „Leitfaden“ in meinem Leben geworden.

Grenzenlos reisen, leben, studieren und arbeiten: Europa läuft! Oder?

Die Zahlen derer, die das so leben, sind sehr beeindruckend. Junge Leute, aber auch viele Arbeitnehmer profitieren von den Grundfreiheiten, die sich die Europäer im Laufe der Jahre nach 1951 erkämpft haben. Wer wollte es je wieder missen? Aber: Ohne sich damit zu beschäftigen, kommt gar nichts für den Einzelnen in Gang. Es ist auch etwas mühsam!

Was können Begegnungen und Beziehungspflege auf lokaler Ebene für die europäische Idee heute noch bewirken?

Vor wie nach ist das persönliche Kennenlernen, auch die Freundschaft, eine Grundlage für das friedliche Zusammenleben in Europa. Und die Stichworte sind nicht altmodisch: Kennenlernen, Vorurteile abbauen, Ideen und Meinungen austauschen, auch Diskurs, voneinander lernen, „best practise“ beispielsweise zwischen den Kommunen austauschen – das wollen Städtepartnerschaften seit jeher und das können sie heute genauso leisten.

Sind dazu institutionalisierte Formen wie Städtepartnerschaften nötig?

Städtepartnerschaften haben die Form eines „Vertrages“. Verträge einzuhalten helfen, sich immer wieder auch an „Pflichten“ aus dem Vertrag zu orientieren., das macht vor wie nach Sinn. Es macht aber auch Sinn, sich im großen Netzwerk des Deutsch-Französischen zu orientieren, von den Deutsch-Französischen Gesellschaften, der Deutsch-Französischen Hochschule, den Organisationen, Verbänden und Vereinen, die sich um die Beziehungen kümmern und sie täglich leben.

Welche Eindrücke haben die Menschen in den Briloner Partnerstädten von den aktuellen Entwicklungen in Europa und der Welt?

Sie sind genauso beunruhigt, wie das eigentlich weitergehen soll: Brexit, Abwendung breiter Schichten von multilateralen Vereinbarungen, die uns Frieden und Wohlstand gebracht haben. Probleme der Migration, ohne dass alle die Lasten mittragen.

Welches Bild gibt Deutschland derzeit in den Partnerstädten ab?

Ich kann das schlecht einschätzen. Ich glaube aber, dass z.B. in Frankreich sich viele die Augen reiben: Was wollt ihr Deutschen eigentlich, euch geht’s doch besser als den meisten anderen Ländern in Europa? Ich mache das mal am Problem der großen Zahl arbeitsloser Jugendlicher in vielen europäischen Ländern – auch in Frankreich – fest. Es werden aber auch Fragen gestellt: Warum klappt die deutsch-französische Achse nicht mehr so reibungslos wie noch vor Jahren? Warum reagiert die Bundesregierung so zögerlich auf die Vorschläge des französischen Präsidenten, der manchmal aus meiner Sicht auch ein wenig provozieren will, im positiven Sinne?

Was empfehlen Sie Ursula von der Leyen als frischgebackener Präsidentin der europäischen Kommission, also quasi der Kanzlerin von Europa, und was wünschen Sie sich von ihr?

1. Dass sie die „Schlüsselfragen“ unserer Zukunft mit allen Partnern in Europa nicht nur anpackt, sondern ein Stück weit nach vorne bringt.

2. Dass sie die Einhaltung der Menschenrechte in allen EU-Ländern konsequent einfordert und wenn notwendig auch handelt.

3. Dass sie Rechtsstaatlichkeit in allen EU-Ländern durchsetzt und auch da handelt, wenn es notwendig ist. Ich wünsche ihr dazu eine glückliche Hand und ganz viel Erfolg – das Zeug dazu hat sie, die „Macht“ auch.

Mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Für sein langjähriges ehrenamtliches Engagement um die deutsch-französische Freundschaft hat der frühere Beigeordnete der Stadt Brilon, Reinhard Sommer, das Bundesverdienstkreuz erhalten. Die Auszeichnung wurde ihm am Donnerstagabend beim Jahreskongress des Deutsch-Französischen Ausschusses (DFA) im Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) in Essen durch den Leiter der Frankreich-Abteilung im Auswärtigen Amt, Stefan Bantle, überreicht. Sommer hatte dem Gremium, das die deutsch-französischen Städtepartnerschaften vertritt, bis Anfang 2019 vorgestanden.

1964 lernte Sommer bei einer dreiwöchigen, vom Gymnasium Petrinum organisierten Studienreise das Nachbarland kennen. 1967 stieg er in die zwei Jahre zuvor mit Hesdin begründete Partnerschaftsarbeit ein. 1973 trat er in den Vorstands der Partnerschaftsvereinigung ein, die er von 1983 bis 2017 als Vorsitzender führte und die mit Heusden-Zolder in Belgien und Thurso in Schottland zwei weitere internationale Partnerstädte erhielt.

Interesse an Europapolitik

Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit Frankreich. Sommer öffnete den DFA z. B. für Themen im Zusammenhang mit der Energiepolitik der beiden Länder oder Fragen zur Migrations- und Umweltpolitik. Ein besonderes Interesse zeigte er für die Europapolitik der beiden Nationen. Auch wurden verstärkt Experten zu den Themen geladen, die in Referaten den deutsch-französischen Blick schärften. Sommer übergab den Ausschuss modernisierter und engagierter als vorher. Bürgermeister, Dr. Christof Bartsch, würdigte bei der Ordensverleihung Sommers Engagement um die internationalen Beziehungen.

Der DFA ist auf deutscher Seite der Ausschuss im Rat der Gemeinden und Regionen Europas, der die ca. 2200 deutsch-französischen Städtepartnerschaften betreut. Diese repräsentieren die absolute Mehrheit der Städtepartnerschaften, die deutsche Kommunen überhaupt unterhalten. Das Engagement begann gegen Ende der 50er Jahre (Deutsch-Französischer Freundschaftsvertrag von 1963) und hat sich als Konstante der deutsch-französischen Beziehungen erwiesen.

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