Coronavirus-Pandemie

Corona: Angst unwissend anzustecken – Winterberger erzählt

Blick in die Abstrichstelle am St.-Franziskus-Hospital Winterberg. Dort wurde Andreas Kreuzmann schließlich auf Corona getestet. Doch davor stand eine wahre Odyssee.

Blick in die Abstrichstelle am St.-Franziskus-Hospital Winterberg. Dort wurde Andreas Kreuzmann schließlich auf Corona getestet. Doch davor stand eine wahre Odyssee.

Foto: Joachim Aue / WP

Winterberg.  Ein Mann aus Winterberg ist mit Corona infiziert. Nur über viele Umwege kommt er an den Test - und ist positiv. Weshalb musste er darum kämpfen?

Andreas Kreuzmann* hat Corona. Symptome? Keine! Kein Fieber. Kein Husten. Kein Kratzen im Hals. Nicht einmal abgeschlagen fühlt sich er sich. Andreas Kreuzmann wurde auf das Coronavirus getestet. Weil es ein großes Risiko gab, dass er das Virus haben könnte. Weil der 58-Jährige aus Winterberg Angst hatte, dass er dieses Virus in sich trägt. Angst davor, seinen Vater anzustecken, der an Krebs erkrankt ist und kaum Immunabwehr hat.

Angesteckt wahrscheinlich auf Groß-Veranstaltung in Belgien

Doch bis Andreas Kreuzmann den Corona-Abstrich bekam, musste er eine Odyssee hinter sich bringen. Erst abgewiegelt, dann weiterverwiesen, vertröstet und schließlich abgewiesen. Letztlich bekam er den Abstrich nur, weil er jemanden kennt, der jemanden kennt… „Ich verstehe es nicht und bin wirklich entsetzt“, sagt Andreas Kreuzmann, der jetzt in einer Ferienwohnung in Quarantäne sitzt. „Ich hätte unzählige Menschen anstecken können.“ Und seinen Vater gleich mit.

Rückblende. In der zweiten Märzwoche ist Andreas Kreuzmann auf einer Groß-Veranstaltung in Belgien. In der Fußballbundesliga wird in den Stadien noch vor zehntausenden Zuschauern gespielt. Das Coronavirus ist in Europa zwar angekommen. Der Großteil der Bevölkerung nimmt die Warnungen der Experten aber noch nicht so richtig ernst. Das Event in Belgien – so schreibt es das Land damals in der Corona-Anfangsphase noch vor – soll nicht mehr als 1000 Besucher haben. „Es waren am Ende 3000 Leute“, schätzt der Sauerländer.

Auch Spanier und Italiener sind dort. Gedanken macht sich Andreas Kreuzmann zu dem Zeitpunkt freilich noch nicht.

Email vom Veranstalter: Lassen Sie sich testen!

Andreas Kreuzmann arbeitet als Manager für eine Firma, die auch ein Büro in Dubai hat. Am 8. März muss er geschäftlich dorthin fliegen. Fünf Tage später hat er von dem Veranstalter aus Belgien eine Email im Postfach: Auf der Veranstaltung waren Besucher, die nachweislich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert sind. Die unmissverständliche Empfehlung in dem Schreiben: Lassen Sie sich testen!

Wie kommt man an einen Test? Die Odyssee beginnt

Am 16. März ruft Andreas Kreuzmann aus Dubai bei seinem Hausarzt an – denn der Rückflug steht an. Er will sich zu Hause sofort testen lassen, denn er sieht sich als potenziellen Verbreiter der Krankheit, Corona hat mittlerweile halb Europa in Geiselhaft genommen. In Norditalien explodiert gerade die Zahl der Covid-19-Kranken. Die Todesfälle steigen dramatisch. Auch im Hochsauerlandkreis gibt es die ersten bestätigten Corona-Fälle.

Der 58-Jährige erläutert am Telefon die Situation – und wird abgewimmelt. Er soll sich an den ärztlichen Dienst oder das Gesundheitsamt wenden. Doch auch dort wird ihm nicht geholfen.

Bei der Hotline des HSK-Gesundheitsamtes heißt es schließlich: Es gibt keinen Test für Andreas Kreuzmann. Er sei in keinem Risikogebiet gewesen und könne keinen Kontakt mit einem nachweislich Erkrankten vorweisen. Andreas Kreuzmann ist sauer – und versteht nicht, weshalb er, der auf einer Veranstaltung war, wo dutzende Infizierte waren, nicht getestet wird. „Auch der Hinweis, dass meine Eltern bei mir im gemeinsamen Haus leben, beide über 80 sind und mein Vater Krebspatient mit Medikamenten und geschwächtem Immunsystem ist, wurde nicht akzeptiert.“

Andreas Kreuzmann begibt sich nach seiner Rückkehr ins Sauerland sofort in selbstgewählte Quarantäne in einer Ferienwohnung.

Gesundheitsamt HSK muss sich an Vorgaben des RKI halten

Kreissprecher Martin Reuther erklärt, weshalb das Gesundheitsamt diese Entscheidung so getroffen hat. „Wir richten uns nach der Vorgaben des Robert-Koch-Instituts.“ Das RKI hatte lange Zeit die Direktive gegeben, dass nur Menschen getestet werden, die aus einem der definierten Corona-Risikogebiete kommen. „Dass in diesem Fall der Mann sich selbstständig in Quarantäne begeben hat, war absolut vorbildlich“, so Reuther.

Zwischenzeitlich hat der RKI die Vorgaben, an die sich die Gesundheitsämter in der Regel halten, geändert. Patienten müssen nicht mehr in einem amtlich ausgewiesenen Risiko-Gebiet gewesen sein, um sich testen zu lassen. Allerdings: Prinzipiell sollen nur Menschen mit Symptomen getestet werden. Die Entscheidung anhand weiterer Kriterien, wie Kontakt zu einem bestätigten Sars-CoV-2-Fall, treffe der behandelnde Arzt, heißt es jetzt.

RKI Testressourcen noch gezielter einsetzen

Dass in Deutschland mit den Coronavirus-Tests so defensiv umgegangen wird, hat einen Grund: es gibt nicht genug Kapazitäten in den Laboren, um mehr potenziell infizierte Menschen zu testen. Ziel der neuen RKI-Vorgabe ist, die Testressourcen gezielter einzusetzen. Wer mild erkrankt ist und mangels Testkapazitäten nicht getestet werden könne, solle zu Hause bleiben und Abstand zu anderen halten, so das RKI.

Lob für Ärztin aus Winterberg

Andreas Kreuzmann, der bis heute überhaupt keine Symptome hat, konnte nur durch nachhaltiges Insistieren und mit persönlichen Kontakten einen Termin in der ambulanten Abstrichstelle am Winterberger St.-Franziskus-Hospital bekommen – am 21. März wird er getestet und erhält am 22. März das Ergebnis: Corona positiv.

„Natürlich bin ich vorsorglich in Quarantäne und erst gar nicht nach Hause, um meine Eltern nicht zu gefährden.“ Eine gute Entscheidung, wie er jetzt weiß. Er lobt: „Sehr professionell war die kompetente Hilfe von Frau Dr. Dohle vom Krankenhaus Winterberg, die als verantwortliche Ärztin schnell reagiert hat, mich auch nach dem positiven Testergebnis direkt angerufen und gut beraten hat.“

Unverständnis, dass die Test-Ressourcen so knapp sind

Dass in Deutschland – anders als zum Beispiel in Südkorea – die Testkapazitäten so knapp sind, dafür hat Andreas Kreuzmann kein Verständnis. „Man sieht doch an mir, wie wichtig das wäre. Viele Menschen merken doch gar nicht, dass sie krank sind und stecken dutzende andere an. Das macht es doch viel schwieriger die Ausbreitung in den Griff zu bekommen.“

Anderenorts wird es nicht anders gehandhabt: Eine Mitarbeiterin der Firma habe mit ihm auf der Geschäftsreise einige Tage in Dubai verbracht.

Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland habe sie sich nicht wohl gefühlt und sei seit einer Woche im Homeoffice. „Sie hat Symptome wie Husten und Fieber“, erzählt Andreas Kreuzmann. Auch sie habe das lokale Gesundheitsamt – in Süddeutschland – angerufen. „Es wurde zunächst auch kein Test durchgeführt, sie sei – angeblich – nicht zur Risikogruppe gehörend“, sagt Andreas Kreuzmann. Aber auch seine Kollegin war hartnäckig und wurde mittlerweile getestet. Das Ergebnis steht noch aus.


* Name von der Redaktion geändert, der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

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