Seelenorte

Die größten Lebewesen des Sauerlandes

In einer fast schnurgeraden Reihe ragen die 38 Douglasien in den Himmel.

In einer fast schnurgeraden Reihe ragen die 38 Douglasien in den Himmel.

Foto: Stefanie Bald

Medebach.  Fünf der 43 sogenannten Sauerland-Seelenorte liegen in Medebach. Einer davon ist ein gelungener Versuch aus dem Jahr 1888.

Wer nicht genau hinschaut, könnte leicht vorübergehen, ohne sie zu bemerken. Und selbst, wenn man sie gesehen hat, sind sie nicht auf den ersten Blick spektakulär: die Himmelssäulen im Jungholz bei Medebach sind für den rastlosen Wanderer nicht viel mehr als Bäume im Wald – auffällig höchstens durch die lange geschwungene Linie, in der sie gepflanzt wurden.

Der Weg zu den Säulen, die Einstimmung auf sie, beginnt aber schon mit dem Betreten des Waldes. „Zu jeder Jahreszeit präsentiert sich der Weg anders“, sagt Anni Kuhler und schwärmt von Teppichen aus Buschwindröschen im März und leuchtenden Fingerhüten im Juni.

Diesmal bedeckt eine dicke Schicht buntes Herbstlaub den Boden, durch die lichter werdenden Kronen der Bäume dringen Sonnenstrahlen.

Ein Weg für Menschen mit Zeit

Anni Kuhler und Hildegard Althaus kommen oft her, sie sind die Erzählpatinnen der Himmelssäulen und begleiten Wandergruppen zu dem Seelenort. Ein bisschen Zeit sollten die Wanderer aber schon mitbringen.

Nicht, weil der Weg so weit wäre, sondern um den Ort auf sich wirken zu lassen. „Neulich war ich mit einer Gruppe hier, die rannte förmlich vorwärts. Und als wir da waren, sagten sie bloß: ,Und wo ist hier die Einkehrmöglichkeit?‘ Da konnte ich nur antworten: In euch, nur in euch“, erzählt Kuhler.

Im Jahr 1888 gesät

Die Himmelssäulen, das sind 38 kapitale Douglasien in einer Reihe. Gesät im Jahr 1888 als Versuchspflanzung auf Geheiß des königlichen Forstamts in Düsseldorf, und um 1890 als Setzlinge an den Ort gekommen, wo sie heute noch stehen.

Es war eine Zeit lange vor der Diskussion um den Klimawandel, der heute Douglasien zu einem der Hoffnungsbäume dürregeplagter Fichtenbesitzer macht. Zapfenpflücker kämen von weither, um an den Himmelssäulen Zapfen zu ernten, berichtet Hildegard Althaus.

Denn denen geht es sichtlich gut im Jungholz mit seinem milden Kleinklima, umgeben von vielen anderen Baumarten, Tieren, Totholz, Pilzen und Flechten.

Höher als der Medebacher Kirchturm

68 Meter und damit höher als der Medebacher Kirchturm sind die Riesen, zu denen ein Schild mit der Aufschrift „Zu den größten Lebewesen im Sauerland“ führt.

Rund einen halben Meter Höhe pro Jahr legen sie zu. Wie hoch sie werden können – das weiß keiner, denn sie sind die ältesten in der weiten Umgebung.

Bäume mit Namen

Den ersten in der Reihe begrüßt Anni Kuhler wie einen alten Freund. Roderich nennt sie ihn, weil dieser germanische Name gut zu dem wuchtigen, knorrigen Baum passe.

Direkt daneben steht der schlankere Gregor, etwas weiter „die Zwillinge“ Castor und Pollux.

„Douglasien haben übrigens keine Rinde, sondern eine Borke“, erklärt Kuhler. Dick und grob fühlt sie sich an, aber auch elastisch und erstaunlich leicht.

Anders als andere Bäume harzen Douglasien nicht bei Verletzungen und bilden auch keine lange sichtbaren Narben aus. Sie umschließen die Verletzung einfach mit ihrer Borke, bis sie nicht mehr zu sehen ist.

„Heilen und gönnen“, sagt Hildegard Althaus, das sei, neben der vielfältigen Umgebung, das Rezept für das lange gesunde Leben der Douglasien. „Selbst die, die sehr eng zusammenstehen, arrangieren sich miteinander.“

Funktionierende Vielfalt

„Dieser Ort zeigt dem Menschen, wo er steht“, ergänzt Anni Kuhler. „Der Mensch kann hier seine Aufgabe erkennen, aber auch seine Zerstörungskraft. Es ist ein Ort, der übermannt und ehrfürchtig macht. “ Geschädigte Bäume, wie sie derzeit in weiten Teilen des Sauerlandes zu sehen sind, gebe es im Jungholz kaum.

„Und das hat mit der Vielfalt zu tun“, sagt sie und weist mit einer weiten Armbewegung auf die Weißtannen, Buchen, Ahorne und vielen anderen Bäume in der Umgebung. Selbst die paar Fichten, die vereinzelt dazwischen stehen, sehen gesund aus.

Dieses Stück Staatswald, das seit Generationen naturnah bewirtschaftet wird, zeige doch überdeutlich, dass allein ein gesunder Mischwald funktionieren könne. Stetige Gewinnoptimierung mache den Wald krank, und mit ihm den Menschen.

Eine kindliche Perspektive kann es leichter machen, sich dem Ort zu öffnen. Wenn Kinder bei den Wanderungen dabei sind, lassen die Erzählpatinnen sie deshalb die Douglasien zählen, an ihren zitronig duftenden Nadeln riechen, mit geschlossenen Augen auf die Umgebung lauschen oder bei warmen Wetter barfuß gehen.

Es sei schön, dass mittlerweile viele Eltern und Großeltern hier mit ihren Kindern und Enkeln vorbeikämen, findet Althaus. Und wiederholt noch einmal ihren Tipp für den Besuch dieses Seelenortes: „Wer sich die Zeit nicht nimmt, wird enttäuscht sein.“

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