Gericht

Messerstecherei in Marsberg: Angeklagter aus Haft entlassen

Vor dem Landgericht Arnsberg gibt der Angeklagte an, dass er sich nicht erinnern kann, wie es zu einem Streit auf einer Geburtstagsparty kam und wie sich drei Personen Schnitt- und Stichverletzungen mit seinem Messer zugezogen haben.

Vor dem Landgericht Arnsberg gibt der Angeklagte an, dass er sich nicht erinnern kann, wie es zu einem Streit auf einer Geburtstagsparty kam und wie sich drei Personen Schnitt- und Stichverletzungen mit seinem Messer zugezogen haben.

Foto: Kevin Kretzler

Marsberg/Arnsberg.   Ein 18-Jähriger soll drei Personen verletzt haben, eine lebensgefährlich. Rechtsmedizinerin klärt über die Wunden auf, Tränen fließen vor Gericht

Tränen flossen im Landgericht Arnsberg bei den Stichwörtern „Haftbefehl“ und „aufheben“. Hoffnung schimmerte bei der Freundin des 18-jährigen Angeklagten auf. Die Freiheit nach sechs Monaten in Untersuchungshaft in der JVA in Iserlohn wurde zu einer greifbaren Möglichkeit.

Dem gebürtigen Mendener wird vorgeworfen, am 18. November 2018 auf einer Geburtstagsfeier in einer Garage in Marsberg drei Menschen mit einem Messer verletzt zu haben. Einen davon lebensgefährlich. Am zweiten Verhandlungstag galt es unter anderem, den letzten Aspekt zu überprüfen. „Das Opfer hatte eine klaffende, circa drei Zentimeter tiefe Schnitt-Stech-Verletzung. Es bestand aber tatsächlich keine Lebensgefahr“, gab die Rechtsmedizinerin zu Protokoll. Die Verletzung befand sich am Oberbauch und verletzte keine Organe. Weder Bauch- noch Brusthöhle waren betroffen. Ein tieferer Hieb hätte hier schwerwiegendere Folgen gehabt.

Unklar, wie es zu der Verletzung kam

Die Führung des Messers ließ aber laut der Gutachterin keine tiefere Verletzung zu. Sie verlief wie eine sieben Zentimeter lange Schnittverletzung, die mittendrin eine Hiebwunde enthielt. Ob diese Verletzung vom Angeklagten hervorgerufen wurde oder die Bewegung gar vom Opfer ausging, konnte die Expertin nicht klären. Denkbar sei beides.

Die Aussagen zweier Zeugen, die sich zum Tatzeitpunkt ebenfalls auf der Party in Marsberg befanden, gaben keine neuen Erkenntnisse. Wie schon am ersten Verhandlungstag, habe niemand das Messer im entscheidenden Moment oder gar eine Prügelei gesehen. Der beste Freund des Angeklagten habe zwar versucht, den Streit zwischen ihm und dem Opfer zu schlichten, aber ausgerechnet im wichtigen Moment habe er eine Gedächtnislücke. „Ich weiß, dass das total dumm klingt, aber so ist es leider. Ich erinnere mich erst wieder als mein Freund hinausging“, sagte er aus.

Verminderte Schuldfähigkeit denkbar

Vor Gericht sollte auch geklärt werden, ob eine verminderte Schuldfähigkeit in Betracht käme. Immerhin tranken die Partygäste reichlich Alkohol, beim Angeklagten zeigte eine Blutprobe außerdem Reste von Cannabis. Dr. Markus Müller Küppers, Bereichsleiter der Gerontoneuropsychiatrie in der LWL Klinik Marsberg, gab zu bedenken, dass der Angeklagte zur Tatzeit laut Labortest einen möglichen Maximal-Alkoholwert von 2,1 Promille im Blut und auch das Marihuana noch eine Restwirkung hatte. Der Angeklagte gab an, dass er an dem Tag nicht geraucht habe, ein Umstand, den der Gutachter bestätigte. Er erklärte, dass es durchaus sein könne, dass der 18-Jährige zur Tatzeit vermindert schuldfähig gewesen sei.

Für den Vorsitzenden Richter Markus Jäger galt es noch abzuklären, ob von Seiten des Angeklagten ein derartiges Verhalten wieder zu erwarten sei. „Unter ähnlichen Bedingungen, sprich dem Alkohol, kann es wieder passieren“, sagte der Arzt. Wichtig seien in Zukunft der Besuch einer Drogenberatung und regelmäßige Tests, um dem 18-Jährigen zu helfen. Auch eine ambulante Therapie sei hilfreich, um familiäre Probleme der Vergangenheit aufzuarbeiten, die ein Grund für das schlechte Sozialverhalten des Angeklagten sein könnten und ihn öfter in depressive Phasen verfallen lassen.

Rechtsanwalt erreicht erstes Ziel

Rechtsanwalt Oliver Brock nutzte eine Gelegenheit, um am Ende der Verhandlung noch anzuregen, den Haftbefehl außer Vollzug setzen zu lassen. Die Kammer kam dem Antrag unter der Auflage nach, dass der Angeklagte sich zwei Mal pro Woche bei der Polizei meldet, bei der Mutter einzieht, abstinent in Bezug auf Alkohol lebt und auf das Messer verzichtet. Als sich der 18-Jährige damit einverstanden erklärte, brachen seine Familienmitglieder im Zuschauerraum in Tränen aus. Der Reihe nach nahmen Freunde und Angehörige ihn in den Arm und freute sich, den jungen Mann nach sechs Monaten wieder bei sich zu haben. Brock: „Das war das Wichtigste. Er musste erstmal raus da. Aber es ist noch nicht alles gut. Wir müssen noch abwarten und seine Familie muss ihn jetzt sehr unterstützen.“

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