Einzelhandels-Sterben

Nach fast 60 Jahren schließt Schuhmode Gerke in Bigge

Im Ladenlokal von Schuhmode Gerke: Chefin Waltrudis Wegener-Schlüter (links) und Martina Hückelheim, die 38 Jahre lang im Geschäft arbeitete.

Im Ladenlokal von Schuhmode Gerke: Chefin Waltrudis Wegener-Schlüter (links) und Martina Hückelheim, die 38 Jahre lang im Geschäft arbeitete.

Foto: Sonja Funke / Westfalenpost

Bigge.  Ein Traditionsgeschäft verabschiedet sich aus Bigge: Schuhmode Gerke. Die Chefin bedauert, dass es kleine Schuhgeschäfte heute so schwer haben.

Jahrzehntelang war Schuhmode Gerke die Anlaufstelle, wenn man schnell ein paar schicke Schuhe brauchte oder gerade für die Kinder etwas Vernünftiges an die Füße. Damit ist jetzt Schluss: Nach fast 60 Jahren schließt das Bigger Schuhgeschäft. „Es lohnt sich einfach nicht mehr, gegen große Ketten und das Internet kommen wir nicht an“, sagt Chefin Waltrudis Wegener-Schlüter mit traurigem Blick.

Nicht nur, dass Bigge damit Einzelhandel verliert: Gerade für Eltern, die gute Kinderschuhe nicht im Internet kaufen wollen, sondern in ihrem Heimatort, wird es immer schwieriger. In Olsberg verbleiben, lässt man Discounter und Supermärkte raus, noch Quick-Schuh und Schuhhaus Bartmann. Und Laufwerk verkauft orthopädische Schuhe für Erwachsene.

Am Mittwoch hat Waltrudis Wegner mit dem Räumungsverkauf begonnen. Sie möchte den vielen Stammkunden bis Jahresende ermöglichen, noch vorhandene Geschenk-Gutscheine einzulösen und sie möchte sich nach so vielen Jahren vernünftig verabschieden. „Ich will auch nicht den Zeigefinger erheben, in die Richtung: ,Das kommt davon, wenn man im Internet oder auch in der Großstadt kauft’, aber sicher hat dies zur Schließung beigetragen.“ Aber auch die Tatsache, dass große und beliebte Schuhhersteller zunehmend eine bestimmte Bestellmenge fordern, hat ihr das Geschäft erschwert.

Randgrößen als Geschäftsnische

„Wie oft hatte ich Kunden hier, die beim Einkauf in Dortmund mit Schuhgröße 36 in die Kinderabteilung geschickt wurden. Oder auch jene, die für besonders große Größen nichts fanden“, weiß sie. Ihr Angebot an Randgrößen bei Damen- wie Herrenschuhen schätzten Kunden bis in den entfernteren Umkreis.

Kinderfüße messen, gemeinsam mit dem Kunden schauen, ob der Schuh richtig passt, Tipps zur Pflege geben, das alles wird künftig fehlen. Ganz zu schweigen vom Angebot, die hochwertigen Schuhe auch zu reparieren oder einzuschicken, wenn mal etwas kaputt gegangen ist.

„Ein großes Dankeschön geht an die netten Stammkunden, die dem Schuhhaus Gerke über viele Jahre die Treue gehalten haben“, ist Waltrudis Wegener-Schlüter sehr dankbar für die Zeit im Geschäft. Nicht nur sie, auch die beiden langjährigen Mitarbeiterinnen Karin Hillebrand und Martina Hückelheim verlieren ein Stück berufliche Heimat. Letztere nach 38 Jahren (!) im Geschäft.

Verlust von Lebensqualität

Zeitungsausschnitte von den Jubiläen 2010 und 2005 sowie noch ältere vom Neubau des gesamten Geschäftszentrums 1971 belegen, wie viel Tradition hier verloren geht. Ebenso Aufnahmen aus den 60ern, die noch den alten Laden zeigen, der nach hinten raus in die Mittelstraße ging - und von dessen Abriss. Schuhregale vor orangefarbener 70er-Jahre-Tapete. Eine alte Ladentheke, mit der orangenen Kasse, die bis heute geblieben ist, jetzt aber in Grau.

Und selbstverständlich erinnern die Zeitungsausschnitte auch an Wegeners Vater Reinhard Gerke und an ihren Bruder Erhard, die beide verstorben sind und vor ihr die Geschäfte leiteten. 2010 übernahm sie den Betrieb. Fünf Jahre hätte die 59-Jährige gut und gerne noch weitermachen können. Auch für sie beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Und den Kunden, die hier in der Region leben, gehen wieder vertraute und vertrauenswürdige Ansprechpartner verloren. Ein Stück Lebensqualität, das keine Bestellung im Internet ersetzen kann.

Eine Beziehung, die sich zu keinem Paketboten aufbauen lässt. Auch Waltrudis Wegener-Schlüter hätte sich auf online-Handel einlassen können, aber das ist nicht ihre Welt. Genauso geht es den älteren Kunden, die vorbeikommen, ein letztes Mal, mit Tränen in den Augen und der Frage: „Wo kaufe ich denn nun Schuhe?“ Dies wird, wenn es so weitergeht, immer mehr mit einem „im „www“ beantwortet werden müssen...

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