Kindstod

Nach Kindstod in Winterberg: Vater ist plötzlich Nebenkläger

Das Foto zeigt die Angeklagte (links) mit ihren Rechtsanwälten Astrid Aengenheister und Rechtswalt Thomas Mörsberger. 

Das Foto zeigt die Angeklagte (links) mit ihren Rechtsanwälten Astrid Aengenheister und Rechtswalt Thomas Mörsberger. 

Foto: Jutta KLute

Arnsberg/Winterberg.  Im Verfahren gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamtes im Hochsauerlandkreis sorgt der Kindesvater mit seiner Entscheidung für Verwirrung.

„Sie stöhnen vollkommen zu Recht“, sagt die Vorsitzende Richterin am Landgericht Arnsberg zur Rechtsanwältin Astrid Aengenheister. Das Berufungsverfahren um ihre Mandantin kommt partout einem Urteil nicht näher. Die Verteidigerin vertritt eine Mitarbeiterin des HSK-Jugendamtes. Seit zwei Jahren steht die Frage im Raum, ob sie u. a. mitverantwortlich für den Tod eines zweijährigen Jungen in Winterberg ist.

Im Mai 2017 war die junge Frau zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft ging in Berufung, weil sie das Urteil für zu milde erachtete. Sie hatte neun Monate auf Bewährung gefordert. Die Angeklagte legte ebenfalls Berufung ein; sie will eine vollständige Rehabilitation und einen Freispruch am Ende des Verfahrens erwirken.

Zeuge hat die Zustände der Kinder gesehen

Für den fünften Verhandlungstag ist die Zeugenaussage des Kindsvaters geplant. Eine spontane Entscheidung von Rechtsanwalt Stephan Lucas am vorangegangenen Verhandlungstag. Er vertritt die Kindesmutter, die als Nebenklägerin anwesend ist. Für den Anwalt hat der Zeuge einen sehr guten Kenntnisstand über den Zustand der insgesamt neun Kinder, die 2013 in Winterberg lebten. „Er war nah dran an den Kindern und hat sie neben der Mutter als einziger mehrere Tage am Stück sehen können. Er ist der Zeuge“, betont Lucas die Dringlichkeit der Aussage des Kindsvaters.

Der Zeuge verblüfft bereits mit seiner ersten Frage vor der Belehrung: „Darf ich hier auch als Nebenkläger auftreten?“ Zwar hatte er kein Sorgerecht für den verstorbenen Jungen, aber da es sich um den leiblichen Vater handelt, ist dies sein gutes Recht. Die Anfrage kommt überraschend, weil der Zeuge vor dem Verhandlungstag noch nicht in Erscheinung trat und auch im vorangegangenen Verfahren am Amtsgericht nicht als Nebenkläger fungierte.

Belastet sich der Zeuge selbst?

Doch das Auftreten ist nicht unproblematisch. Der Zeuge verfügt über keinen Nebenklagevertreter oder Zeugenbeistand. Dies könnte aber wichtig sein, wie auch Rechtsanwalt Lucas anmerkt, denn der Angeklagte soll Auskunft darüber geben, wie die Kinder ausgesehen haben, als er sie zwischen Weihnachten und Neujahr 2013 besuchte. Sie sollen sich schon da in einem dünnen Zustand befunden haben. Gegebenenfalls könnte sich der Zeuge mit seiner Aussage selbst belasten, wenn sich herausstellt, dass auch er hätte einschreiten müssen.

Doch nicht nur darauf müsste er ein Auge haben. Insgesamt stehen nämlich vier Verfahren mit seinem Namen in Verbindung. Neben einem Verfahren wegen des Versuchs der Körperverletzung mit Todesfolge, das eingestellt wurde, gibt es laut Staatsanwältin eventuell ein Verfahren wegen Körperverletzung zum Nachteil seiner Kinder, eines wegen falscher Aussage in Zusammenhang mit dem Verfahren gegen seine ehemalige Lebensgefährtin, die wegen Körperverletzung mit Todesfolge in einem minderschweren Fall und Körperverletzung durch Unterlassen verurteilt wurde. Und ein weiteres Verfahren wegen Vergewaltigung läuft derzeit.

Urteil verschiebt sich

Weitere Artikel zum ProzessDer neue Nebenkläger gab an, dass er auf Rechtsbeistand verzichte. Das Gericht muss jetzt klären, inwiefern dies möglich ist. Die kommenden Verhandlungstage - für den 19. November war eigentlich das Urteil angesetzt - wurden daher verschoben. Ein Urteil könnte voraussichtlich erst am 7. Januar fallen. Richterin Henkel gab zum nächsten Verfahrenstermin zu Bedenken, ob es für die Angeklagte nicht besser wäre, wenn das Verfahren eingestellt würde, da sich die Verfahrenskosten mit den Terminen weiter steigern.

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