Interview

Selina Ott: Neuer Star an der Trompete spielt in Winterberg

Seit 70 Jahren gibt es den ARD-Musikwettbewerb. Mit Selina Ott hat erstmals eine Frau an der Trompete diesen Wettbewerb gewonnen. Ende Oktober spielt sie ein Konzert in Winterberg.

Seit 70 Jahren gibt es den ARD-Musikwettbewerb. Mit Selina Ott hat erstmals eine Frau an der Trompete diesen Wettbewerb gewonnen. Ende Oktober spielt sie ein Konzert in Winterberg.

Foto: Ludwig Schedl

Winterberg/Wien.  Üben, üben, üben, auf die Technik achten und sich nicht den Ansatz verderben: Die junge Trompetenvirtuosin Selina Otto kommt zum Sauerland-Herbst.

Seit 70 Jahren gibt es den ARD-Musikwettbewerb. Er ist vergleichbar mit den Olympischen Spielen. Nur hier geht es – neben vielen Hürden und Tempo - um Noten und Instrumente. Zum ersten Mal in der Geschichte hat vor einem Jahr eine Frau diesen Wettbewerb im Fach „Trompete“ gewonnen. Es ist die heute erst 21-jährige Studentin Selina Ott aus Österreich. Im Rahmen des Blechbläser-Festivals „Sauerland-Herbst“ kommt die Ausnahme-Musikerin am Mittwoch, 30. Oktober, zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Hagen um 19.30 Uhr zu einem Konzert ins Oversum nach Winterberg

Frage: Da kommt eine damals 20-Jährige und trompetet bei einem der bedeutendsten Musikwettbewerbe die Konkurrenz an die Wand. Wie war das für Sie?

Na ja, ich bin halt noch im Studium und habe mir eigentlich keine Chancen ausgerechnet. Die erste Runde mit 55 Teilnehmern war extrem schwer, man musste ein Piccolo- Konzert und ein französisches, eher zeitgenössisches Stück auf der C-Trompete spielen und das ohne Pause. Bei uns Blechbläsern ist es von den Muskeln her sehr anstrengend, ohne Unterbrechung zu spielen, deswegen war diese Runde wie ein Marathonlauf. Nach dieser Runde wurde die Hälfte der Teilnehmer aussortiert; ich wurde in die zweite Runde zugelassen und dann stand ich plötzlich im Finale.

Thema Sauerland-Herbst

Können Sie das Gefühl beschreiben, als Sie als Siegerin feststanden?

Ich habe geglaubt, ich habe mich verhört. Ich war nach dem Finale schon total durch den Wind. Man hat zehn Tage Wettbewerb gespielt, der ganze Herkulessaal war voll, es war ein Mega-Erlebnis. Dann sind wir zum Schluss noch zu dritt auf der Bühne gestanden bei der Preisverkündung und als mein Name fiel, hatte ich immer noch nicht realisiert, dass ich gewonnen hatte. Für Trompete ist der ARD-Musikwettbewerb der größte und schwierigste Wettbewerb. Vielleicht hat es mir geholfen, dass ich da als 20-Jährige hingegangen bin, keinen Stress und keinen Druck gehabt habe und mein Ziel einfach war, über die erste Runde zu kommen.

Warum musste es 70 Jahre dauern, bis eine Frau so einen Wettbewerb gewinnt? Gibt es so wenig Trompeterinnen und wenn ja, warum?

Früher war das schon so, zurzeit werden es aber immer mehr. Ich bin mir nicht sicher, wie es musikhistorisch belegt ist, aber ich kann mir vorstellen, dass Frauen das Instrument früher nicht erlernt haben, weil man der Meinung war, es sehe nicht schön und schicklich aus, wenn eine Frau Trompete spielt. Wenn überhaupt, haben Frauen damals eher zu Holzblasinstrumenten oder zu Streichinstrumenten gegriffen. Man war der Ansicht, es brauche viel Kraft für ein Blechblasinstrument und da sei der Mann im Vorteil. Das haben mittlerweile genug Frauen widerlegt; es ist eine Frage der Technik. Ein großer, starker Mann kann möglicherweise lauter oder länger spielen. Aber grundsätzlich können wir Frauen voll mithalten. Bei dem ARD-Wettbewerb waren es aber auch nur sehr wenige Teilnehmerinnen.

Haben Sie selbst den klassischen Werdegang vieler Trompeter über Musikvereine gemacht oder sind Sie gleich auf die klassische Schiene gekommen?

Ich bin eigentlich gleich auf die klassische Schiene gekommen. Meine Eltern sind beide professionelle Musiker; mein Papa ist Musikschuldirektor, meine Mutter ist Musikschullehrerin. Ich bin von klein auf mit klassischen Wettbewerben aufgewachsen. Mit 13 Jahren bin ich schon in den Hochbegabten-Lehrgang an der Uni gekommen – also es ging immer schon in die Richtung.

Dann haben Sie nie in einem kleinen Musikverein mitgespielt?

Auch bei uns gibt es die Tradition vieler kleiner Musikvereine in den Dörfern. Ohne dass das falsch verstanden wird, aber es ist nicht so gut für den Ansatz, weil man oft stundenlang laut spielt und dabei nicht so genau auf den Ansatz achtet. Meine Eltern haben darauf schon sehr aufgepasst. Volksmusik habe ich nur sehr selten gespielt.

Mit fünf Jahren haben Sie angefangen, Klavier zu lernen und ein Jahr später Trompete. Wie wichtig ist es, so früh anzufangen?

Der bekannteste österreichische Trompeter Hans Gansch hat erst mit zehn oder elf Jahren angefangen. In jungen Jahren lernt man schneller und einfacher. Man muss aber nicht mit sechs Jahren schon beginnen. Viele Kinder haben Probleme mit dem Zahnwechsel, da muss man dann aufpassen. Wenn man mit zehn anfängt, ist das auch kein Problem. Vielleicht ist man dann nicht so früh so gut. Man kann in so jungen Jahren die Lippen auch noch nicht so extrem und dauerhaft beanspruchen.

Ihr Spiel auf der Trompete sieht so wahnsinnig leicht aus. Sie pusten da einmal kurz rein, setzen neu an und zementieren dann mal eben so einen glasklaren Ton in den Raum, als wäre das nichts - wie oft üben Sie und macht das Spielen bei so viel Disziplin und Fleiß dann immer noch Spaß?

Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht spiele, das fühlt sich dann auch gleich völlig komisch an. Und man braucht nach einer Pause auch viel länger, bis man wieder in das Gefühl reinkommt. Zwei bis drei Stunden habe ich schon reine Spielzeit; mit Pausen dazwischen kommt man schon auf vier Stunden täglich. Und das muss auch sein. Wenn man weniger übt, fühlt es sich nicht so gut an.

Das ist dann quasi wie Sport?

Ja, genau. Wenn ich eine Woche nichts gemacht habe, brauche ich wieder vier Wochen, bis ich fit bin. Auch das Trompetespielen ist ja wie ein Sport, da spielen viele muskuläre Dinge ein Rolle Ja, es mag leicht ausschauen. Aber manche Stücke wie das Concertino von Andre Jolivet, das ich u.a. auch in Winterberg und Hagen spielen werde, das tut am Schluss eigentlich fast schon weh. Am Ende ist es nochmal sehr hoch und laut – das ist dann sehr anstrengend und hat mit Leichtigkeit nichts mehr zu tun. Aber trotzdem muss man beim Üben auf die Leichtigkeit schauen, denn wenn man von Anfang an nicht auf die Lippen und nur auf lautes oder hohes Spielen achtet, dann zerstört man sich da was. Es gibt einige Kollegen, die Probleme mit den Lippen-Nerven haben, die sich die Nerven halb oder ganz abgedrückt haben. Und wenn das einmal passiert ist, ist die Karriere oft bald zu Ende.

Sind Sie nervös vor Auftritten oder brauchen Sie einen gewissen Stress-Pegel?

Ich bin eigentlich nie wirklich nervös bei Konzerten oder bei Wettbewerben, aber das Adrenalin auf der Bühne hilft mir manchmal zu Höchstleistungen. Ich übe das Stück gut und diszipliniert. Ich weiß dann eben im Konzert, ich habe es gut vorbereitet, ich habe mein Bestes gegeben und hätte es nicht besser machen können. Wenn dann doch was schief geht auf der Bühne, dann ist es halt so. Aber der Stress kommt nur, wenn man nicht gut genug vorbereitet ist. Ist man das, kann man auch loslassen und musizieren. Loslassen ist das Wichtigste, denn wenn man angespannt in den Noten hängt, dann kommt auch keine Message an das Publikum.

Wie kam die Einladung zum Sauerland-Herbst-Festival zustande?

Ich habe bislang nicht wirklich von dem Festival gehört, aber ich kenne den Intendanten Thomas Clamor. Er hat das European-Brasss-Ensemble gegründet und damals bei der Gründung habe ich mit meinem Papa zusammen dort mitgespielt. Da war ich elf oder zwölf. Da habe ich den Thomas kennengelernt; danach dann haben wir uns etwas aus den Augen verloren. Nachdem ich den ARD-Wettbewerb gewonnen hatte, hat er mich kontaktiert und gefragt, ob ich nicht bei dem Festival mit Orchester mitspielen möchte. Das Sauerland kenne ich bislang noch nicht, aber ich bin sehr gespannt.

Von einer Kollegin weiß ich, dass sich das Hagener Orchester schon sehr auf Sie freut. Haben Sie mit denen schon mal zusammengearbeitet und wie wird so ein Konzert konzipiert? Trifft man sich am Veranstaltungstag, probt man vorher?

Es gibt ein oder zwei Proben vor dem Konzert. Aber am Konzerttag selber wird nicht mehr geprobt. Ich spiele ja das Haydn-Konzert und das von Jolivet – da werde ich vorher am Konzerttag selbst fast nichts mehr spielen oder nur bei der Generalprobe kurz wegen der Tempi. Ein Pianist oder Geiger hat es da einfacher, aber wir Trompeter müssen mit unserer Kraft und den Muskeln haushalten.

Hand aufs Herz: Wenn Sie im Auto sitzen oder sonst wo Musik hören, was hören Sie da?

Ich habe alle CDs von Michael Bublé, das ist eigentlich mein Lieblingssänger, den höre ich auch unterwegs im Auto immer. Aber ich höre auch klassische Musik. Momentan habe ich einen Klavier-Konzert-Trip. Zuletzt habe ich alle Rachmaninow-Klavier-Konzerte durchgehört:

Sehen Sie ihre Zukunft im Bereich der klassischen Musik oder könnten Sie sich vorstellen, sich im Jazz auszuprobieren?

Nein, ich höre zwar gerne Jazz. Aber ich kann mir nicht vorstellen, das selber mal zu machen. Ich bin in der Klassik sehr zu Hause und sehr zufrieden. Ich würde dann eher mal vermehrt die zeitgenössische Schiene einschlagen.

Was war Ihr letzter Konzertbesuch?

Ich denke, ich war zuletzt bei den Wiener Symphonikern im Musikverein. Dorthin und ins Konzerthaus gehe ich eigentlich sehr häufig. Offen gestanden war ich noch nie auf einem Pop-Konzert. Aber Michael Bublé würde ich schon gerne mal live hören, bevor er seine Karriere beendet.

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