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Arnsberg: Heimische Wirtschaft nach Brexit-Deal erleichtert

Passkontrollen ja - Zölle nein. Die heimische Wirtschaft ist nach dem "last minute deal" zwischen EU und UK erleichtert, wie unsere Recherche ergeben hat.

Passkontrollen ja - Zölle nein. Die heimische Wirtschaft ist nach dem "last minute deal" zwischen EU und UK erleichtert, wie unsere Recherche ergeben hat.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Arnsberg  Kompromiss zwischen EU und Großbritannien verscheucht Zölle - und einige Sorgen heimischer Unternehmer.

Die heimische Wirtschaft hat den "last Minute deal" zwischen der EU und Großbritannien mit Erleichterung aufgenommen, denn ein harter Brexit hätte die Handelsbeziehungen über die Maßen erschwert. Das nun vorliegende Abkommen regelt u.a. die künftigen Zollbestimmungen, für Unternehmen aus dem Sauerland ein ganz wichtiger Bereich; größter Vorteil:

"Es werden im Vereinigten Königreich keine Zölle für EU-Waren erhoben", erklärt Jens Bürger. Umgekehrt gelte, auch Exporte aus UK in die Europäische Union bleiben zollfrei, so der Mitarbeiter der IHK Arnsberg weiter. Firmen, die bereits Geschäfte mit Nicht-EU-Staaten wie beispielsweise der Schweiz machen, dürfte die Abwicklung der Formalitäten vor keine großen Probleme stellen. Wer bisher nur innerhalb der EU unterwegs war, muss ein wenig dazu lernen - doch die Abläufe sollten schnell Routine werden, wenn alles wie vorgesehen läuft, meint Bürger. Ebenfalls geregelt ist im 1250 Seiten (!) starken Vertragswerk der Aspekt "Warenmengen": Es gibt weder Export- noch Importbeschränkungen zwischen EU und UK. "Auch das lag den heimischen Unternehmern sehr am Herzen - und ist jetzt vertraglich fixiert, so der IHK-Mann.

Mehr Aufwand für die Sendungsabwicklung

Einer, der dafür sorgt, dass Waren nach Großbritannien gelangen - und von den Inseln in die EU, ist Christoph Dahlmann. "Dass keine Zölle erhoben werden, ist für uns und unsere Kunden ein ganz entscheidender Vorteil", begrüßt auch der Geschäftsführer der Allgemeinen Land- und Seespedition (A.L.S.) mit Sitz in Hüsten den gefundenen Kompromiss. Er und seine Mitarbeiter bringen bereits viel Erfahrung in Sachen "Nicht EU" ein: "A.L.S. ist in Zollangelegenheiten seit 2013 zertifiziert und hat den Status AEO", berichtet der Hüstener. Als „zugelassener Wirtschaftsbeteiligter“ könne seine Spedition für Kunden u.a. elektronische Ausfuhranmeldungen erstellen - und die Importverzollung im Bestimmungsland über Zollagenten abwickeln. Trotzdem rechnet Dahlmann mit mehr Aufwand für die Sendungsabwicklung, verbunden mit steigenden Kosten für seine Kunden. Diese wurden schon vor Weihnachten informiert - im fairen Dialog, betont der Spediteur: damit sich alles einpendeln kann, werde ihnen eine achtwöchige Übergangsfrist gewährt, in der die Frachtpreise individuell vereinbart werden. Besonders wichtig sei es, Transportketten sauber zu dokumentieren, um längere Standzeiten oder Verzögerungen bei Kontrollen zu vermeiden.

In den ersten Januartagen habe sich die Situation als nicht so schlimm wie befürchtet erwiesen, meint Christoph Dahlmann mit Blick auf die vorweihnachtlichen Massenstaus von Lkw vor vielen englischen Fährhäfen. Damals hatte die gerade entdeckte Mutation des Coronavirus - verbunden mit "Vorrats-Hortung" auf der Brexit-Zielgeraden - für Chaos gesorgt. Weil niemand wusste, ob es noch einen Deal gibt, wurden häufig doppelte oder gar dreifache Warenmengen bewegt, erläutert der Hüstener. Ein solches Hamstern scheint nun nicht mehr nötig zu sein, obwohl die ab Mitte Januar wieder anziehende Produktion für mehr "Traffic" sorgen dürfte als derzeit. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: "Man kann seit Wochenbeginn feststellen, dass sich die britischen Empfänger mit dem neuen Zoll-Prozedere noch schwer tun", schildert Christoph Dahlmann die aktuelle Situation. Offenbar sei man auf der Insel teils überfordert und/oder schlecht vorbereitet - fehlende Daten verursachten längere Stehzeiten für Lkw, was wiederum zu steigenden Kosten führe.

Als Handelspartner unter den Top Ten

Stichwort "Traffic" - wie bedeutend ist das Königreich denn eigentlich für heimische Unternehmen, und welche Branchen sind besonders stark mit der Wirtschaft auf der Insel verflochten? Dazu haben wir Dr. Volker Verch befragt: „Großbritannien ist sicherlich ein wichtiger Handelspartner für die Unternehmen der Region, in der Rangliste unter den ersten zehn", nimmt der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Westfalen-Mitte (uvwm) mit Sitz in Neheim und Hamm eine Einordnung vor. Schon 2019 sei die Bedeutung in dieser Hinsicht allerdings bereits zurückgegangen: Unternehmen hätten sich in den vergangenen Jahren schon auf die zu erwartenden erschwerten Bedingungen eingestellt und entsprechend reagiert. "Insbesondere für die exportorientierten Betriebe aus dem Automobil- oder Maschinen- und Anlagenbau sind die Einschränkungen durch den Brexit allerdings einschneidend“, so Dr. Verch. Entsprechend wichtig sei das "last Minute" Abkommen für die heimischen Betriebe. „Durch dieses Handelsabkommen, das noch in den letzten Tagen des vergangenen Jahres vereinbart wurde, werden hohe Exportverluste abgefedert, weil Zölle vermieden und Reibungsverluste im Handel möglichst gering gehalten werden können. Für die heimische Industrie ist dieser Post-Brexit-Deal also durchaus von Bedeutung“, legt er sich fest - und ergänzt zum Aspekt "Zölle":

„Zollformalitäten bedeuten einen Verlust an Zeit und damit auch an Geld. Sie sind eine bürokratische Hürde, die in den Unternehmen Kapazitäten bindet und damit Kosten verursacht. Und Güter, die an der Grenze auf die Abfertigung warten, fehlen in der Produktion. Damit verursachen sie unter Umständen ebenfalls Kosten - durch Maschinenausfallzeiten oder weil Liefertermine nicht eingehalten werden können.“

Gewisses Maß an Stabilität und Sicherheit

Abschließend gefragt: Was wird - trotz Abkommen - künftig schwieriger - und gibt es eventuell auch Erleichterungen?
„Das Abkommen verhindert einen Anstieg der Exportkosten nicht vollständig, denn die administrativen Kosten etwa für Grenzabfertigungen werden steigen. Dieses Abkommen stellt also nur sicher, dass der Anstieg der Exportkosten nicht so hoch ausfällt, dass viele Unternehmen empfindliche Folgen befürchten müssen. In einer Krisenphase, wie wir sie zurzeit durchleben, haben aber jegliche Kostensteigerungen auf etliche Betriebe fatale Auswirkungen. Das Eigenkapital ist vielfach aufgebraucht, um die Existenz des Unternehmens zu sichern und die Beschäftigten zu halten. Für steigende Kosten fehlt vielen Betrieben in der Region derzeit der Spielraum" dämpft Dr. Volker Verch all zu großen Optimismus. Dennoch biete das Abkommen aber auch ein gewisses Maß an Stabilität und Sicherheit.

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