WALDSTERBEN

Borkenkäfer: Balver Forstleute sehnen sich nach Schnee

Ernste Lage: Richard Nikodem zeigt dem Waldbesitzer und Jäger Heinz Vogel auf einer neuen Karte die zu erwartenden Gebiete mit Borkenkäferbefall.

Ernste Lage: Richard Nikodem zeigt dem Waldbesitzer und Jäger Heinz Vogel auf einer neuen Karte die zu erwartenden Gebiete mit Borkenkäferbefall.

Foto: Peter Müller / wp (archiv)

Balve.  Regen, Regen, Regen - und keine Besserung. Der Patient Wald leidet weiter. Warum, sagt Förster Richard Nikodem.

Gerade mal der halbe Monat ist vorbei – und das übliche Regen-Soll in Balve ist so gut wie erreicht. Normalerweise fallen 70 Millimeter Niederschlag pro Quadratzentimeter im oberen Hönnetal. Am Mittwochnachmittag wurde diese Marke geschrammt. Auf den Trocken-Sommer folgten feuchte Wochen im September und Oktober. Können Förster und Waldbauern aufatmen?

Förster Richard Nikodem hätte seinen Geburtstag am Mittwoch gern entspannter gefeiert. Allein die Lage in den heimischen Wäldern treibt ihm Sorgenfalten auf die Stirn.

Am Montag musste er in der Kartmecke Holz messen, Borkenkäferholz, 2500 Festmeter. Immerhin: Es kann noch verkauft werden. Das Holz geht nach China. Unterm Strich, immerhin, bleibt eine schwarze Null. Andernorts zahlen Holzverkäufer drauf.

Bringt der Regen Entlastung? „Nein, überhaupt nicht“, entgegnet Nikodem. „Der Regen hat noch überhaupt keinen Einfluss auf das Borkenkäfer-Geschehen.“

Immerhin kann Nikodem in diesen Tagen einen sprichwörtlich schmalen Silberstreif am Horizont erkennen: „Wir kommen jetzt in einen Bereich, wo die Temperaturen sinken. Das bedeutet, dass sich der Borkenkäfer auf den Winter einstellt.“ Die schier unendliche Vermehrung der nimmersatten Insekten wird gestoppt – vorerst.

Dazu kommt die Nässe. Feucht mögen es Borkenkäfer ganz und gar nicht. Wenn Holz und Boden klamm werden, sprießen die Pilze. Sie sind natürliche Feinde der gefräßigen Insekten.

Aber wie viel Nässe ist von den Regenfällen der jüngsten Zeit tatsächlich im Boden geblieben? Das Ergebnis ist ernüchternd. „Sicher, das Wasser hat die oberen Bodenschichten erreicht“, hat Nikodem festgestellt, „es ist inzwischen in etwa 25 Zentimeter Tiefe eingedrungen.“ Für Kräuter und Gras reicht die Feuchtigkeit; Wiesen und Weiden grünen wieder.

Fürs Wurzelwerk der meisten Bäume reicht das Wasser nicht. Viele Baumarten ziehen das kühle Nasse aus tieferen Bodenschichten. „Doch die Erde ist in einer Tiefe von 1,50 bis 1,80 Meter, je nach Lage, immer noch rappeltrocken“, sagt Nikodem. Experte wie Laien können das sogar überprüfen. Der Dürremonitor Deutschland vom Helmholtz-Institut macht’s möglich. Erst kürzlich hat sich Nikodem auf den neuesten Stand bringen lassen.

Dürre in tieferen Bodenschichten hat sichtbare Folgen. Gerade wasserliebende Bäume wie Buchen trocknen kurzerhand aus; mancherorts sind sie vor dem Ende der sommerlichen Wachstumsphase komplett abgestorben. Mancherorts, etwa in Dortmund, verloren Bäume ihre Standsicherheit – und kippten einfach um.

Aber wie haben die Bäume, die den trockenen Sommer überstanden haben, auf die Güsse reagiert? Nikodems Antwort fällt ernüchternd aus: „Der Regen der jüngsten Zeit hatte für die Bäume überhaupt keinen Effekt. Sie holen ihr Wasser aus anderen Ebenen. Die Bäume haben sich nicht erholt.“

Schreckensvision Frostwinter

Was ist für den Forst nötig? „Wir brauchen einen nassen Winter“, meint Nikodem. „Am besten mit viel Schnee, der im Frühjahr langsam wegtaut.“ Regen allein reicht nicht. „Es besteht die Gefahr, dass das Wasser oberflächig abfließt.“

Ein trockener Frostwinter indes wäre für Förster wie Waldbauern eine Schreckensvision. Schon jetzt ist die Stimmung in der Branche unterirdisch, wie der Förster letztens bei der Forstbetriebsgemeinschaft hörte. „Es gibt Waldbauern“, weiß Nikodem, „die überlegen, das Schlagen von Holz komplett einzustellen. Sie sagen: Das lohnt sich für uns nicht mehr. Aufforsten wollen sie auch nicht mehr – zu teuer. Es bleibt ja nichts mehr über.“

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