Urteil

Acht Jahre Haft für Bochumerin wegen Tötung ihres Säuglings

Die Angeklagte (Bildmitte) neben Rechtsanwalt Henry Alternberg, der zusammen mit seiner Ehefrau Janine Alternberg verteidigt hatte, und einer Justizwachtmeisterin.

Die Angeklagte (Bildmitte) neben Rechtsanwalt Henry Alternberg, der zusammen mit seiner Ehefrau Janine Alternberg verteidigt hatte, und einer Justizwachtmeisterin.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Bochum.  Eine 35-jährige Bochumer ist zu acht Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt worden. Sie soll ihr Neugeborenes erstickt haben.

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Das neugeborene Mädchen war völlig gesund, hatte aber nur wenige Minuten gelebt, dann lag es neben Zigarettenkippen, Joghurtbechern und schmutziger blutiger Kleidung in einem blauen Müllsack. Das Schwurgericht ist überzeugt, dass die Mutter (35) den Säugling vorsätzlich getötet hat. Es verurteilte die Bochumerin am Donnerstag zu acht Jahren Haft wegen Totschlags.

Rechtsanwalt Henry Alternberg nannte das Urteil „skandalös“. Er legt Revision ein. Im Prozess wollte er eine Bewährungsstrafe, weil er sicher ist, dass der Tod des Kindes lediglich auf eine „bewusste Fahrlässigkeit“ zurückzuführen sei. Seine Mandantin habe trotz medizinischer Komplikationen vor der Geburt keinen Arzt gerufen, das Kind sei dann aus ungeklärten Gründen gestorben.

„Für mich gab es gedanklich die Schwangerschaft nicht“

Die 35-Jährige selbst sagte, dass das Baby bereits tot zur Welt gekommen sei. Dass in ihrem Bauch ein Kind heranwuchs, will sie innerlich verdrängt haben. „Für mich gab es gedanklich die Schwangerschaft nicht. Für mich durfte es eine Geburt nicht geben.“

Der Tod des Kindes ist der traurige Tiefpunkt von jahrelangen Lebenslügen, die die Angeklagte gegenüber ihrer ganzen Umwelt aufrechterhalten hat. Wie es im Urteil hieß, gaukelte sie zum Beispiel ihrem Freund (43) und Vater des Kindes vor, dass sie einen Uni-Abschluss und einen Beruf habe. Beides stimmte gar nicht. Wenn sie morgens die Wohnung des Freudes verließ, hauste sie tagsüber in ihrem Auto oder trieb sich in der Bibliothek an der Ruhr-Uni herum. Sie war eine „schwer gestörte Persönlichkeit“, so Richter Josef Große Feldhaus.

Dreimal war sie von dem 43-Jährigen schwanger, hatte es ihm aber immer verschwiegen. Tatsächlich soll er nichts bemerkt haben. Die anschwellende Leibesfülle erklärte sie ihm mit Nierenproblemen, die sie gar nicht hatte. Sowohl 2014 als auch 2015 brachte sie jeweils ein gesundes Kind zur Welt, das sie sofort zur Adoption freigab. 2016 war sie erneut schwanger, und wieder verheimlichte sie dies sowohl dem Vater als auch ihren Eltern. Richter Große Feldhaus sagte, die Frau habe „eine Neigung zum pathologischen, fast zwanghaften Lügen“.

„Das Kind passte nicht in die Lebensplanung der Angeklagten“

Am 17. Oktober 2016 brachte sie in der Wohnung ihrer unwissenden Eltern im Bochumer Nordosten ihr drittes Kind zur Welt. Allein im Gästezimmer. Einen Arzt hatte sie vorher nicht aufgesucht. Laut Urteil war der Säugling „gesund, lebensfähig, voll ausgereift“ und atmete auch selbstständig, wie eine spätere Obduktion des Babys ergeben hatte. Trotzdem hat das Mädchen nur einen Zeitraum von 20 bis 60 Minuten gelebt. Dann habe die Frau ihr Kind mit einer feuchten, weichen Bedeckung erstickt. „Das Kind passte nicht in die Lebensplanung der Angeklagten“, sagte Große Feldhaus. „Eine andere Todesursache ist ausgeschlossen.“

Im Prozess habe sie keinerlei Reue gezeigt, „dass sie ein menschliches Wesen unmittelbar nach der Geburt vernichtet hat“. Ihre „besondere Fürsorgepflicht“ als Mutter habe sie „in hohem Maße verletzt“.

Verteidiger: Gericht habe sich „ein Drehbuch zurechtgelegt“

Entdeckt worden war die Babyleiche im Müllsack in der Nacht nach der Geburt von der Polizei. Die Mutter war wegen starker Schmerzen ins Krankenhaus gekommen und hatte den Ärzten auch dann noch erzählt, sie habe Nierenprobleme. Die Ärzte merkten aber sofort, dass sie soeben ein Kind geboren hatte.

Verteidiger Alternberg warf dem Gericht vor, sich schon früh im Verfahren „ein Drehbuch zurechtgelegt“ zu haben. Das sei „unbegreiflich“. Von einem aktiven Töten könne keine Rede sein, zumal nichts bewiesen sei, was wirklich vor, bei und nach der Geburt passiert sei. „Es ist ein Prozess des Nicht-Wissens.“

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