Kunst

Farbstarke Kunst von Sabine Gille im Kunstverein Kulturrat

Blick in den Ausstellungsraum mit zwei „süßen“ Stillleben von Sabine Gille.

Blick in den Ausstellungsraum mit zwei „süßen“ Stillleben von Sabine Gille.

Foto: Carsten Klein / FUNKE Foto Services

Bochum.  Der Kunstverein Kulturrat zeigt eine Retrospektive der Bochumer Künstlerin Sabine Gille. Blicke in den Kühlschrank gehören dazu.

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„Verführung“ ist der Titel der neuen Ausstellung im Kunstverein Bochumer Kulturrat, und er verspricht nicht zu viel: Die Malerin Sabine Gille verführt mit Bildern, die im doppelten Sinne geschmackvoll sind.

Zeitgemäße Stillleben

Gille (*1960) arbeitet seit 1987 in Herne und Bochum und wurde 2003 Mitglied im Bochumer Künstlerbund. Sie hat sich einer farbkräftigen realistischen Malerei verschrieben und changiert dabei zwischen fotorealistischen und freieren Ausprägungen. Das erinnert mal an Pop Art, mal an Graffiti-Sprengsel, oft aber auch an die Genre-Malerei der Renaissance und des Barocks. Nur dass Gilles Stillleben weniger opulent ausfallen und damit sehr zeitgemäß sind.

So zählen zu ihren wiederkehrenden Bildthemen Interieurs gut gefüllter Kühlschränke. Der Blick fällt, mal abstrakt überhöht, mal verwischt wie auf einem Gerhard-Richter-Gemälde, auf Joghurtbecher, Würstchengläser, in Zellophan verpackte Wurst und Käseenden.

Ausdruck des Individuellen

Die Motive mögen profan sein, und doch sind sie essenziell. Denn essen, am liebsten geschmackvoll (siehe oben), muss jeder. Und was sich in jemandes Kühlschrank verbirgt, ist stets ein Ausdruck des Persönlichen und des Individuellen. Es gibt keine zwei Kühlschränke auf der Welt, die innen genau gleich sind. So kann man beim Betrachten dieser Bilder zum einen den souveränen Umgang der Künstlerin mit Farbe und Gestaltung bewundern, aber man fühlt sich immer auch irgendwie ertappt.

Obstkuchen wird zur Landschaft

Andere Motive findet Gille in der Tradition altniederländischer Speisestillleben, so variiert sie in satten, fließenden Farben und Formen gehaltene Obsttorten-Stücke. Der Gelantineüberzug, die Früchte, der Tortenboden – sie wirken, da close-up und verfremdet gemalt, auf einmal nicht mehr wie eine Bäckereiauslage, sondern wie Landschaftsgemälde, spezielle Reisebilder von apartem Reiz.

Die nahsichtige Darstellung von Blüten und Knospen sowie extreme Hochformate mit bizarr geformten Wassertropfen aus dem Küchenhahn zählen ebenso zu Gilles Sujets.

Optische Überlagerung

So verschieden all diese Motive sind, die koloristische Intensität verbindet sie doch. Mit hoher handwerklicher Kunst wird Wirklichkeit neu zusammengesetzt und damit umgedeutet. Aus mannigfaltigen simultanen Einzelmotiven collagiert Gille ihre komplexe Malerei, manche Wirklichkeitsschnipsel streben dabei soweit auseinander wie es den optischen Überlagerungen der Alltagswahrnehmungen entspricht.

Unter den Farbexplosionen an den Wänden der Galerie fällt ein Gemälde ins Auge. Es ist die jüngste Arbeit von Sabine Gille, großformatig und fast komplett in Schwarz/weiß ausgeführt.

Einsamkeit in der Winterlandschaft

Dargestellt ist eine abstrahierte Winterlandschaft, deren einziges Kolorit die abplatzende Farbe eines stählernen Unterstandes mit Bank ist, wie man sie aus Parks kennt. Wie alle Gemälde der Malerin ist auch dieses starke Bild menschenleer. Die Einsamkeit, die jeden von uns, mal mehr, mal weniger umfängt, ist möglicherweise Sabine Gilles eigentliches Thema.

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