WAZ-Forum Politik

Klimaschützer warnen: In Bochum muss viel mehr passieren

Beim WAZ-Forum Politik diskutierten (vorne v.l.) Nadja Zein-Dräger, Monika Steinrücke und Philipp Schuster mit 60 Leserinnen und Lesern über den Klimaschutz. Moderator war WAZ-Redaktionsleiter Thomas Schmitt (vorne re.).

Beim WAZ-Forum Politik diskutierten (vorne v.l.) Nadja Zein-Dräger, Monika Steinrücke und Philipp Schuster mit 60 Leserinnen und Lesern über den Klimaschutz. Moderator war WAZ-Redaktionsleiter Thomas Schmitt (vorne re.).

Foto: Bastian Haumann / FUNKE Foto Services

Bochum.  Beim Klimaschutz muss die Stadt Bochum deutlich konsequenter handeln. Das forderten Leserinnen und Leser beim WAZ-Forum Politik in der VHS.

Monika Steinrücke nimmt die WAZ-Leser mit ins Bad. „Stellen Sie sich vor, das Klima ist eine Badewanne und die Treibhausgase sind der Wasserhahn“, sagt die Geografin. Die Wanne ist voll. Schließt man den Hahn nur ein Stück weit, wird die Wanne mit der Zeit trotzdem überlaufen. „Man müsste das Wasser komplett abdrehen“, weiß die Klima-Expertin – und diskutierte beim WAZ-Forum Politik über Mittel und Wege, den Totalschaden abzuwenden.

Zum dritten Mal hatte die WAZ am Donnerstag zum Polit-Talk in die Volkshochschule eingeladen. WAZ-Redaktionsleiter Thomas Schmitt führte durch den Abend. Der gute Zuspruch mit 60 Leserinnen und Lesern dokumentiert das massiv gestiegene Interesse am Klimaschutz. „Vor nicht allzu langer Zeit“, erinnert sich Monika Steinrücke, „haben wir noch mit fünf Leuten in solchen Runden gesessen.“

Wissenschaftlerin warnt: Die Uhr tickt

Die Klima-Wissenschaftlerin der Ruhr-Universität verdeutlicht mit ihrem Badewannen-Bild, wie dramatisch der menschgemachte Klimawandel mit seinen Hitzesommern und Überflutungen, mit Luftverschmutzung und Naturkatastrophen voranschreitet – und wie bedrohlich die Uhr tickt, endlich wirkungsvoll gegenzusteuern. Das sei nicht nur Aufgabe der großen Politik, sondern eines jeden Einzelnen, nicht zuletzt auch der Kommunen, die vor Ort wichtige Weichen stellen könnten.

Das tut die Stadt Bochum in verstärktem Maße – zumindest auf dem Papier. Als einer der landesweit ersten Klimaschutzmanager nahm Philipp Schuster 2013 seine Arbeit im Umwelt- und Grünflächenamt auf. Seine Mission: insbesondere bei der Stadtplanung darauf Einfluss zu nehmen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und die Bürger vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen.

Umweltschützerin: 800 neue Wohnungen sind nicht nötig

Seine Bilanz bestätigt die Einschätzung von Monika Steinrücke, die von Stadtverwaltungen als „schleichenden Gebilden“ spricht. Der größte Erfolg der letzten Jahre sei, dass Klimaschutz inzwischen in allen Behörden „mitgedacht“ werde, sagt Philipp Schuster. Beim Denken bleibt es mitunter offenbar auch. Ins Wohnbauförderprogramm der Stadt, das die Bebauung ökologisch wertvoller Grüngebiete vorsieht, habe von ihm „ein Satz Eingang gefunden“, so Schuster. „Bei dieser Abwägung stoßen wir oft an Grenzen.“

Dabei seien die angepeilten jährlich 800 neuen Wohnungen für Bochum gar nicht erforderlich, meint Nadja Zein-Dräger, Mitbegründerin des Netzwerks für bürgernahe Stadtentwicklung und der Bürgerinitiative Werner Feld. Mit Blick auf den vom Rat ausgerufenen Klimanotstand sowie sinkende Bevölkerungszahlen müsse die Stadt Abschied von Neubauten auf der grünen Wiese und der zunehmenden Verdichtung nehmen. Stattdessen gelte es, den Wohnungsbestand effektiver zu nutzen, die Leerstandsquote von aktuell 2,8 Prozent zu senken, Schrottimmobilien – notfalls durch Enteignung – bewohnbar zu machen und Baulücken zu schließen.

Versäumnisse bei ÖPNV und Radverkehr

Weit entfernt von ihren Klimaschutz-Zielen sieht Zein-Dräger die Stadt auch beim Öffentlichen Nahverkehr, der immer teurer statt preisgünstiger werde, sowie – siehe „vergessener“ Radweg Wittener Straße – beim Ausbau des Radwegenetzes. Nicht Radler und Fußgänger, sondern die Autos hätten nach wie vor Vorfahrt in Bochum. Verkehrswende trotz hoher Bereitschaft vieler Bürger zum Umstieg? Für Klimaschutz-Aktivisten nur schemenhaft erkennbar.

Entsprechend eindringlich fielen die Appelle von Lesern beim WAZ-Forum aus. Schont die Freiflächen! Stoppt die Abholzung; jeder Baum zählt! Kostenfreie Busse und Bahnen! Tempo 30 flächendeckend! Ratsmitglieder aufs Rad! Klimaschutz darf und muss auch wehtun, statt zur Symbolpolitik zu verkümmern!

Noch ist etwas Zeit für Gegenmaßnahmen

RUB-Wissenschaftlerin Monika Steinrücke fordert mehr lokale, auch bürgerschaftliche Initiativen ein. Denn: „Es ist fast zu spät. Aber eben nur fast.“ Noch sei etwas Zeit, „bevor sich die Erde vom Menschen befreit“. Zwar steht uns das Wasser schon bis zum Hals. Der Pegel steigt. „Doch vielleicht“, sagt Philipp Schuster und ist wieder im Bad, „sind wir irgendwann in der Lage, nicht nur den Wasserhahn abzudrehen, sondern am Gulli der Wanne zu rütteln.“

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