Häftling geflohen

Ausbruch in JVA Bochum: Wie oft türmen Häftlinge in NRW?

Aus der JVA Bochum ist in der vergangenen Woche ein Häftling getürmt. Die meisten Flüchtigen können aber schnell wieder gefasst werden.

Aus der JVA Bochum ist in der vergangenen Woche ein Häftling getürmt. Die meisten Flüchtigen können aber schnell wieder gefasst werden.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services (Archiv)

Essen/Bochum.  Vor der Flucht von Alexander Erceg aus der JVA Bochum gab es seit dem Jahr 2010 neun Ausbrüche aus Gefängnissen. Die Vorfälle sind rar geworden.

Im Spätherbst ist es zehn Jahre her, dass die beiden Schwerverbrecher Peter Paul Michalski und Michael Heckhoff nach ihrem Ausbruch aus der Justizvollzugsanstalt in Aachen das Land in Atem hielten. Viereinhalb Tage dauert die spektakuläre Flucht, auf der die Gangster auch Geiseln nehmen. Dann klicken wieder die Handschellen, Heckhoff wird in Mülheim festgenommen, Michalski auf einem Feldweg in Schermbeck. Damit erging es ihnen nicht anders als den meisten Kriminellen, die sich dem Strafvollzug widersetzen – durch einen Ausbruch oder durch einfaches Abtauchen.

Gefängnis-Ausbrüche sind selten geworden. Zehn Fälle inklusive des noch flüchtigen Aleksander Erceg (42), der Ende der vergangenen Woche aus der JVA Krümmede in Bochum getürmt ist, zählt das NRW-Justizministerium rückwirkend bis in das Jahr 2010. Es geschieht also im Schnitt etwa einmal pro Jahr. 2017 und 2018 gab es nicht einen Ausbruch. Auffallend: Unter den zehn Fällen seit 2010 sind allein vier aus der JVA in Bochum, die deshalb Anfang des Jahrzehnts als „Pannenknast“ tituliert worden war.

Sicherungsverwahrung für Peter Paul Michalski und Michael Heckhoff

Die Ausbrecher aus den neun Fällen vor Erceg seien inzwischen alle wieder gefasst, sagt Marcus Strunk, Pressesprecher der Vollzugsdirektion im NRW-Justizministerium. In den meisten Fällen habe es nur wenige Tage bis zur Festnahme gedauert, in einem Fall vergingen aber auch rund neun Monate, bis der flüchtige Häftling wieder geschnappt war. Männer wie Heckhoff und Michalski werden wohl auch nie mehr auf freien Fuß kommen. Gegen die beiden wurde Sicherungsverwahrung angeordnet. Noch sitzen sie in unterschiedlichen Gefängnissen ihre Strafen ab.

Die Zahl der Ausbrüche aus Gefängnissen ist seit Jahren stark rückläufig. Waren es in den 80er Jahren und Anfang der 90er des vergangenen Jahrhunderts noch teilweise mehr als 20 Fälle pro Jahr, von 1983 bis 1995 sogar durchgehend zweistellig, gab es zum Ende der 90er-Jahre einen deutlichen Einbruch in den einstelligen Bereich. Über die Gründe gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Es könnte an erhöhten Sicherheitsvorkehrungen und -maßnahmen liegen, aber auch daran, dass Häftlingen das Risiko für einen Ausbruch zu groß geworden ist.

Ausbrechen lohnt sich offenbar nicht, das gilt auch für die geschlossenen Psychiatrien, in denen aus diversen Gründen schuldunfähige Straftäter untergebracht sind. Man kann an einer Hand abzählen, wie selten jemand aus einer forensischen Klinik entwischt. Im niederrheinischen Bedburg-Hau, wo die größte Einrichtung des Landes beheimatet ist, entkam im vergangenen Jahr ein Mann aus der Klinik. Er wurde gefasst.

90 Prozent der Flüchtigen kommen nach 24 Stunden zurück

Ein klein wenig häufiger kommt es vor, dass Patienten während einer „genehmigten Lockerungsmaßnahme“ entweichen, erklärt Michael Sturmberg, Sprecher beim Landschaftsverband Rheinland (LVR), der in NRW drei große Forensiken betreiben: in Bedburg-Hau, in Essen und in Köln-Porz. Die Insassen heißen dort nicht Gefangene, sondern Patienten. Eben deshalb, weil sie Straftaten begangen haben, denen meist eine psychologische Störung zugrunde liegt. Zur Therapie gehört es, dass diese Patienten nach einer gewissen Zeit zeitweise in die Freiheit dürfen. Zunächst in Begleitung, später auch mal allein.

„Es kommt vor, dass solch ein Patient dann mal spontan den Entschluss fasst, nicht mehr zurückzukehren. Doch in 90 Prozent der Fälle tun sie das dann doch wieder nach spätestens 24 Stunden. Nach drei Tagen sind dann meist die anderen zurück, weil sie gemerkt haben, dass sie in der Freiheit noch nicht zurechtkommen“, so Michael Sturmberg. Dass jemand für längere Zeit fortbleibt, etwa durch eine Flucht ins Ausland, komme nur extrem selten vor. Nur wenige Male in mehreren Jahren.

Entweichungsstatistik zählt jährlich 200 bis 300 Fälle

Neben den eigentlichen Ausbrüchen, bei denen Häftlinge also zum Beispiel eine Gefängnismauer überwinden, führt das Land auch eine sogenannte Entweichungsstatistik. In die fließen Fälle wie die von Schwerverbrecher Peter Breidenbach ein, der Anfang 2016 bei einem begleiteten Ausgang aus dem Gefängnis seinen Aufpassern im Brauhaus „Früh“ am Kölner Dom entwich. Darunter fällt auch der Straftäter Daniel Vojnovic, der nach einem Besuch seiner Eltern nicht in die JVA Werl zurückkehrte. In der Entweichungsstatistik tauchen seit 2010 jährlich mit statistischen Schwankungen rund 200 bis 300 Fälle auf.

„Die Zahlen sind deutlich höher als bei den Ausbrüchen“, sagt Strunk, „der Großteil davon stammt allerdings aus dem offenen Vollzug.“ Das heißt zum Beispiel: Straftäter, die bereits wieder tagsüber einem geregelten Lebensalltag nachgehen, kehren auf einmal nachts nicht mehr zum Schlafen hinter die Gefängnismauern zurück. Dass die Zahlen insgesamt höher sind als in anderen Bundesländern, hängt laut Strunk zum einem mit der hohen Bevölkerungszahl in NRW, aber auch mit einem hohen Anteil des offenen Vollzugs am Strafvollzug in NRW zusammen.

„Die Anstalten in NRW haben einen hohen Sicherheitsstandard“

„Die Anstalten in NRW haben einen hohen Sicherheitsstandard“, sagt Strunk mit Blick auf den aktuellen Bochumer Fall, „aber wir schauen natürlich immer nach Verbesserungsmöglichkeiten.“ Aus der Krümmede konnte der 42-Jährige jetzt wohl auch fliehen, weil unter anderem Überwachungskanzeln wegen Sanierungsarbeiten nicht besetzt waren. Die Anstaltsleitung in Bochum werde nun intern und „gründlich“ prüfen, „ob Fehler gemacht worden sind. Es wird aber dauern, bis wir alle Informationen zusammenhaben.“ Die Fachaufsicht liege beim Justizministerium. Am 11. September solle der Rechtsausschuss im Landtag über den Fall informiert werden. Der Punkt dürfte auch auf der Tagesordnung bleiben, wenn der Flüchtige bis dahin gefasst sein wird.

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