Bühne

Zuschauer zeigen Premiere im Bochumer Musikforum rote Karte

Und dann kippt einer vom Hocker: Szene aus „Ein Fest für Mackie“ mit (v.l.) Martin Horn, Romy Vreden, Veronika Nickl, Michael Lippold und Steven Sloane (hinten).

Und dann kippt einer vom Hocker: Szene aus „Ein Fest für Mackie“ mit (v.l.) Martin Horn, Romy Vreden, Veronika Nickl, Michael Lippold und Steven Sloane (hinten).

Foto: JÖRG BRÜGGEMANN / Schauspielhaus Bochum

Bochum.  Das Singspiel „Ein Fest für Mackie“ ist die erste Zusammenarbeit zwischen Schauspielhaus und Symphonikern in 100 Jahren. Was für ein Reinfall!

Die neue Spielzeit ist erst wenige Wochen alt, da könnte der Titel für den „Flop des Jahres“ bereits vergeben sein. „Ein Fest für Mackie“, vom Schauspielhaus und den Symphonikern zum 100-jährigen Bestehen ins Anneliese-Brost-Musikforum gebracht, ist ein an Langeweile kaum zu überbietendes Singspiel, dessen Einfallslosigkeit reihenweise sprachlose bis ärgerliche Zuschauer zurücklässt.

Eineinhalb Stunden lang schleppt sich eine (nennen wir es) Handlung mehr schlecht als recht über die Bühne, ein abgehalftertes Klischee über das Leben im ach so grauen Ruhrpott jagt das nächste, die Songs grenzen an üble Schnulzen – da scheint das sonst stets wohlgesonnene Bochumer Publikum sprichwörtlich auf Krawall gebürstet. Es gibt kaum Applaus und zahlreiche Buh-Rufe. Rote Karte für Mackie!

Simons scheint sein zweites Jahr wesentlich leichter starten zu wollen

Doch wie konnte das geschehen? Die Zutaten für einen gehaltvollen Abend über das Revier und seine herzlich-sympathischen Menschen sind schließlich alle da. Eine ganze Reihe wunderbarer Schauspieler wie Martin Horn, Veronika Nickl und Friederike Becht bevölkern Bühne. Von dem Autor Martin Becker stammt das Stück, das er als moderne Fortschreibung der berühmten Bettler-Oper sieht, bei der sich auch schon Bert Brecht bediente. Die Musik steuert Moritz Eggert bei, dessen „Fußballoratorium“ 2005 unvergessen ist. Und Johan Simons scheint sein zweites Jahr als Bochumer Intendant wesentlich leichter und beschwingter starten zu wollen als das erste.

Eigentlich, so dachte man, müsste dieser „Mackie“ ein Selbstläufer sein. Eigentlich.

Auf der Bühne passiert – nichts

Doch schon nach wenigen Minuten hegt man erste Zweifel am Sinn dieser Aufführung. Auf der Bühne, die die Theke einer heruntergekommenen Bar mit dem merkwürdigen Namen „Zur Ewigkeit“ zeigt, passiert: nichts. Einer trinkt ein Bier, der nächste döst vor sich hin, einer singt ein Lied, die Wirtin holt den Mett-Igel herbei – und dann kippt der erste vom Hocker.

Und wirklich: Auch 90 Minuten später hat sich an diesem Bild nichts verändert. Simons’ Regie setzt der Eintönigkeit der Vorlage nichts entgegen. Martin Horn, der als Jonathan gern mal von der schweren Bergbau-Zeit erzählt, krallt sich immer noch schief am Tresen fest. Michael Lippold, der es fertig bringt, die ganze Zeit dauerbesoffen zu spielen, hat es sich mittlerweile auf einem zweiten Hocker bequem gemacht.

Erinnerungen an Lutz Hübners „Bochum“

Irgendwie bekommt man derweil mit, dass die resolute Polly (gut bei Stimme: Romy Vreden) Sorgen plagen, weil ihre dubiose Firma „Bergmanns Freund“ nicht läuft. Und ihr Mann Mackie (Guy Clemens), der früher mal ein angesehener Gangster war, verbringt die Tage lieber im Bademantel daheim.

Solche langsam vor sich hin dämmernden Szenen aus der Stammkneipe können, wenn sie gut gemacht und geschrieben sind, tatsächlich starkes Schauspiel sein. Immer mal wieder erinnert Beckers „Mackie“ an Lutz Hübners „Bochum“, das vor Jahren mit vielen Grönemeyer-Hits im Schauspielhaus für Ovationen sorgte und bekanntlich ebenfalls den Thekenhockern ein Forum bot.

Doch der große Unterschied: Hübner behandelte seine Figuren liebevoll und legte ihnen immer wieder schöne Spitzen in den Mund. Bei Becker bleiben die Figuren Abziehbilder und viel schlimmer: Man schließt keinen einzigen von ihnen ins Herz. Was da auf der Bühne geboten wird und in welcher dicken Ruhrpott-Soße aus längst vergangenen Tagen der Autor gerade wieder rührt, ist einfach komplett egal.

Ein Chor gibt das unvermeidliche Steigerlied

Die Symphoniker, an diesem Abend nur in kleiner Besetzung angetreten, begleiten und untermalen die Szenen unter Leitung ihres Chefs Steven Sloane mit warmen Klängen. Die etwas schiefen Lieder, die Moritz Eggert gut orchestriert hat, gehen als Hommage an den großen Kurt Weill halbwegs durch, aber wirklich retten kann die Musik diesen platten Abend auch nicht. Selbst das unvermeidliche Steigerlied, am Ende vom Ruhrkohle-Chor geboten, vermag einfach nicht anzurühren.

Eine merkwürdig gereizte Stimmung, wie man sie im Musikforum noch nie erlebt hat, herrscht dann beim Schlussapplaus. Die Mitarbeiterinnen des Hauses haben Mühe, ihre obligatorischen Blumensträuße an das Regieteam zu verteilen, ehe keiner mehr klatscht und der letzte den Saal kopfschüttelnd verlassen hat. Was für ein Reinfall.

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