Mehrwertsteuer

Bottrop: Hotel-Chefin beklagt ungleiche Steuern fürs Essen

Hotelierin Tina Große-Wilde (3. von links) und ihr Team sammeln Unterschriften, um die Petition für mehr Steuergerechtigkeit für Gastronomen zu unterstützen.

Hotelierin Tina Große-Wilde (3. von links) und ihr Team sammeln Unterschriften, um die Petition für mehr Steuergerechtigkeit für Gastronomen zu unterstützen.

Foto: Hotel Große-Wilde

Bottrop.  Hotels und Restaurants in Bottrop fordern so niedrige Steuern auf Speisen wie bei Bäckern und Supermärkten. Ihr Slogan: Rettet unsere Gasthäuser!

Die Bottroper Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) setzt sich für den reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent für jede Art von Speisen ein. „Nimmt ein Kunde in einer Bäckerei eine Tüte Brötchen mit nach Hause, kann der Bäcker die Brötchen mit sieben Prozent versteuern. Doch beißt der Kunde noch im Laden in eines der Brötchen, müsste der Bäcker dieses Brötchen mit 19 Prozent versteuern“, nutzt Tina Große-Wilde das auf den ersten Blick amüsante Beispiel, um klar zu machen, wie absurd sie die jetzige Steuerregelung findet. Wobei - Achtung! - der Biss des Kunden ins Brötchen ja nur dann steuerlich teurer würde, wenn es in oder vor der Bäckerei für die Kunden auch Stehplätze oder Stühle zum Sitzen gibt.

Damit solches steuerliches Durcheinander zum Nachteil von Restaurants und Gaststätten abgeschafft wird, sammeln die Bottroper Hotelierin und ihre Mitarbeiter zurzeit im Hotel-Restaurant Große-Wilde an der Gladbecker Straße von ihren Gästen Unterschriften für die Petition, mit der der Hotel- und Gaststättenverband unter dem Slogan „Es ist fünf nach Zwölf! Rettet unsere Gasthäuser! Für mehr Porzellan statt Plastik!“ einen einheitlich reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Speisen fordert. Trotz des Brötchen-Scherzes ist es Tina Große-Wilde sehr ernst damit, und prinzipiell sieht sie Bäckereien ja auch eher als zu Unrecht bevorteilte Konkurrenz an. Denn: „Für einen fairen Wettbewerb mit Branchen wie Bäckereien, Metzgereien und Außer-Haus-Anbietern brauchen wir in der Gastronomie auch den reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent“, fordert die Bottroperin.

Wollen wir mehr Einweg und Plastik statt Mehrweg und Porzellan?

Es müsse endlich Schluss sein damit, dass Gastronomen auf Speisen einen fast drei Mal so hohen Mehrwertsteuer-Betrag abführen müssen, andere Branchen auf dieselben Lebensmittel aber nur sieben Prozent zahlen. „Salat ist Salat. Doch wenn er bei uns im Restaurant zubereitet und in gutem Porzellan am gedeckten Tisch serviert wird, ist die Besteuerung weitaus höher, als wenn ein Kunde einen Salat in der Plastikschale aus dem Supermarkt mit nach Hause nimmt“, beklagt die Dehoga-Vertreterin. Ihr Verband, der die Forderung nach dem gleichen Steuersatz schon Jahrzehnte lang erhebt, dreht die Absurditätsspirale sogar noch weiter: Die Speisen in Kindergärten, Schulen oder Altersheimen werden danach mit 19 Prozent Steuern belegt, in der Uni-Mensa, in der ja auch nicht jeder bewirtet werde, dagegen nur mit sieben Prozent.

Der Hotel- und Gaststättenverband wirft wegen der stark wachsenden Umsätze von Take-away-Speisen außerdem die Frage auf: Wollen wir wirklich mehr Einweg und Plastik statt Mehrweg und Porzellan? Umweltfreundlich sei das schließlich nicht gerade. Denn das führe zu immer mehr Plastikmüll, beklagt der Verband und prangert einen regelrechten „Pappewahnsinn“ an. Dass verzehrfertige Lebensmitteln wie der abgepackte Salat aus dem Supermarkt, die Tiefkühlpizza, andere Speisen zum Mitnehmen oder Buffets mit Wegwerfgeschirr nur mit sieben Prozent besteuert werden, das frische Essen auf Porzellantellern im Restaurant dagegen mit 19 Prozent, sei ein schlechter Dienst an der Natur.

Bäckereien und Supermärkte verdrängen immer mehr Restaurants

Diese steuerliche Ungleichbehandlung mache außerdem für einen Gastwirt einen massiven Wettbewerbsnachteil aus. Denn Gastronomen hätten wesentlich höheren Betriebskosten als der Lebensmittelhandel und bieten vielen Beschäftigten einen Arbeitsplatz. Auf den gleichen Umsatz kämen in der Gastronomie sechsmal mehr Mitarbeiter. Weil in den Städten aber Imbissbetriebe, Bäckereien und Lebensmittelhändler immer mehr Restaurants verdrängen, schreite das Gaststättensterben voran, beklagt der Hotel- und Gaststättenverband.

„Es geht um die Zukunft aller: die der Gastronomen, ihrer Mitarbeiter und auch die der Gäste. Wenn immer mehr Betriebe schließen müssen oder keinen Nachfolger finden, wenn individuelle Gastronomie wirtschaftlich zunehmend einem Himmelfahrtskommando gleicht, wird es immer weniger ,zweite Wohnzimmer’ geben“, warnt daher auch Tina Große-Wilde. So mussten in Bottrop zwischen 2008 und 2018 über 17 Prozent der gastronomischen Betriebe schließen, erklärt sie. „Ein reduzierter Mehrwertsteuersatz wäre also auch ein wichtiger Beitrag für eine weiterhin lebendige Gastronomiekultur bei uns“, meint die Bottroperin.

Bei ihren Gästen müssen die Hotelierin und ihr Team jedenfalls nicht groß für die Petition für einen niedrigen Mehrwertsteuersatz werben. „Unsere Gäste unterschreiben sehr gern“, betont Tina Große-Wilde, „denn das Mehrwertsteuersystem in Deutschland versteht ja nun wirklich keiner, und die Ungleichbehandlung, gegen die wir uns wehren, erst recht nicht“.

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