Fehlbildungen

Leben mit nur einer Hand: Dieser Junge macht anderen Mut

Devin Turp (12) fehlt ein großer Teil seines linken Unterarms.

Devin Turp (12) fehlt ein großer Teil seines linken Unterarms.

Foto: Thomas Gödde / FUNKE Foto Services

Bottrop.  Devin Turp (12) aus Bottrop ist mit einer Fehlbildung auf die Welt gekommen. Mit seiner Mutter erzählt er aus seinem ganz normalen Alltag.

Die aktuellen Meldungen über Babys, die nur mit einer Hand geboren wurden, haben in Özlem Turp (38) das Bedürfnis geweckt, die Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Vor allem, weil sie anderen Mut machen möchte. Ihr Sohn Devin ist vor zwölf Jahren im Marienhospital zur Welt gekommen. Ihm fehlt ein großes Stück des linken Unterarms, am Ende des Stumpfes sind fünf winzige Fingerchen zu erkennen. Hilfe? Braucht der aktive Junge mit dem verschmitzten Lächeln deswegen nicht.

„Ich denke mir, dass jetzt viele Schwangere die Befürchtung haben, dass ihr Kind auch eine Fehlbildung haben könnte“, meint die Bottroperin. Erlebt man Familie Turp wird aber schnell klar: Im Grunde gibt es nichts zu befürchten. Wird Devin gefragt, wie das Leben ohne linke Hand ist, „dann sage ich: Das ist normal. Ich weiß ja nicht, wie es bei euch so ist“, meint der Zwölfjährige.

Fürs Foto schnappt er sich seinen Scooter, mit dem er im Skatepark so gerne Tricks übt. Sein zweites Hobby ist das Kickboxen, und darin ist er gut. „Er hat den Biss, das durchzuziehen“, sagt seine Mutter stolz.

Ultraschall war unauffällig

Wobei sie nicht verschweigt: Als sie nach einer „Traumgeburt“ von der Fehlbildung erfuhr, „war das ein Schock“. „Auf dem Ultraschall vorher war nichts zu sehen.“ Eine Laune der Natur sei ihr als Grund genannt worden. Im Marienhospital fühlte sie sich gut aufgehoben. Ärzte hätten ihr die Möglichkeit eines Eingriffs eröffnet, nach dem Devin mit seinem Arm wie mit einer Zange hätte greifen können. „Doch mein Mann und ich haben gesagt: Er soll so bleiben, wie er geboren ist.“

Auch auf ein Einzelzimmer wollte die Bottroperin mit ihrem Neugeborenen nicht verlegt werden. „Ich habe gesagt: Nein! Wenn ich mich jetzt verstecke, was soll mein Sohn dann später machen?“ Leicht war diese Zeit dennoch nicht, vor allem die ersten drei Monate nach der Geburt. Warum wir? Warum er? Was habe ich gemacht? Das habe sie sich anfangs oft gefragt, erzählt die 38-Jährige. Später hörte sie darauf eine Antwort, die wie Balsam war: „Besondere Kinder kommen zu den Familien, bei denen sie es gut haben.“

Eltern hatten Geduld und Vertrauen

Devin entwickelte sich in seinen ersten Monaten gut, „es war alles wie bei unserem ersten Sohn“. Berkan heißt der, und er ist dreieinhalb Jahre älter. Nur das Krabbeln war für den Kleinen schwierig, „er ist mehr gerobbt“. Aus der Sorge, dass er sich zu einseitig bewegt, weil er nur mit rechts griff, gingen sie mit ihm zur Krankengymnastik.

Insgesamt aber haben seine Eltern „ihn einfach gelassen“. Hatten Geduld und das Vertrauen, dass es klappen wird. „Wenn man selber als Eltern das akzeptiert, dann akzeptiert das auch das Kind.“ Wo andere mit der linken Hand zugreifen, nutzt Devin oft sein Ellenbogengelenk, um Dinge festzuklemmen. So funktioniere zum Beispiel auch das Seilchenspringen.

Weil links die Ärmel zu lang sind, „habe ich alle Jacken ändern lassen“, berichtet Özlem Turp. „Als er älter wurde, gab es auch keine Druckknöpfe mehr an den Hosen.“ Auch das habe sie ändern lassen. Ansonsten kommt Devin bislang ohne Hilfsmittel aus. „Das wird vielleicht erst Thema, wenn er seinen Führerschein machen will.“ Dann wird ein Lenkrad mit Knauf benötigt.

Kein Mobbing in der Schule erlebt

Heute macht sich Özlem Turp um Devin keine größeren Sorgen als um seinen Bruder. Früher aber gehörte zu ihren größten Ängsten: „Wird man ihn in der Schule mobben?“ Devin muss darüber lächeln. So kam es nicht. Die funktionslose Schmuckprothese, die er einst bekam, habe ihn nur gestört.

Über den Test für eine Funktionsprothese, die man mit Muskelspannung bedienen kann, sagt der Realschüler: „Das war richtig anstrengend.“ Bislang lebt er ohne Prothese, zumal er nicht das Gefühl hat, dass er aufgrund der Fehlbildung irgendetwas nicht machen kann.

Aktueller Berufswunsch: „Youtuber !“

Seine Mutter hat dennoch dafür gesorgt, dass er einen Schwerbeschädigtenausweis bekommt. „Schon damit er es mal einfacher hat, eine Ausbildung zu bekommen.“ Wobei sie sich darüber eigentlich keine Sorgen macht. „Er wird seinen Weg gehen.“ Aktueller Berufswunsch? „Youtuber!“, verrät Devin.

Kontakte zu anderen Eltern und Betroffenen hat Özlem Turp etwa über die Facebook-Gruppe Dysmelien e.V. „Erst wenn man sich mit dem Thema befasst, merkt man, wie viele betroffen sind.“ Sie vermutet, dass das dreimalige Auftreten von Fehlbildungen an der Hand bei Neugeborenen innerhalb von kurzer Zeit in Gelsenkirchen eher ein Zufall ist. „Aber wenn es sich jetzt in letzter Zeit häuft, sollte man doch mal forschen, woran es liegt.“

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