Holocaust-Zeitzeugin

Tamar Dreyfuss (81) in Dinslaken: „Gemeinsam sind wir stark“

Die Holocaust-Zeitzeugin Tamar Dreyfuss sprach im evangelischen Gemeindehaus in Hiesfeld – eine Diskussionsrunde im Rahmen der Reihe „Gegen das Vergessen“.

Die Holocaust-Zeitzeugin Tamar Dreyfuss sprach im evangelischen Gemeindehaus in Hiesfeld – eine Diskussionsrunde im Rahmen der Reihe „Gegen das Vergessen“.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Gegen das Vergessen: Die Holocaust-Zeitzeugin Tamar Dreyfuss (81) erzählte im ev. Gemeindehaus in Hiesfeld von ihrem bewegten Leben.

„Mama, sehen die uns denn nicht?“ Es klingt noch heute wie ein Wunder, dass Tamar Dreyfuss und ihre Mutter, Jetta Schapiro-Rosenzweig, den Holocaust überlebten, die Gräuel des Krieges, die Verbrechen, die damals begangen wurden. „Ich kann es immer noch nicht so richtig begreifen.“

Die heute 81-jährige Tamar Dreyfuss glaubt seitdem an Wunder, seit jenem Tag, als sie als Sechsjährige mit ihrer Mutter so einfach aus einem Konzentrationslager spazierte, mitten durch die Soldaten. Sie waren mit zahlreichen anderen jüdischen Mitbürgern aus Litauen in ein Konzentrationslager gebracht worden. Nach dem Duschen – „es kam wirklich Wasser aus den Düsen“ – begab sich ihre Mutter plötzlich stolz erhobenen Hauptes zu den Kleidungshaufen, suchte für sich und ihre Tochter Kostüme heraus, nahm den Judenstern ab und spazierte, gut gekleidet, aus dem Lager.

Ein Jahr alt, als der Krieg ausbrach

„Lieber auf der Flucht erschossen, als wie ein Kalb zur Schlachtbank zu gehen“, hatte ihre Mutter einstmals gesagt. Und das schier Unmögliche gelang. Die 1938 in Wilna, Litauen, geborene Tamar Dreyfuss war gerade mal ein Jahr alt, als der Krieg ausbrach.

Am Samstagnachmittag erzählte sie im evangelischen Gemeindehaus an der Kirchstraße vor fast vollem Haus von ihrem bewegten Leben, von der Zeit, als sie sich als deutsches Mädchen „Theresa“ ausgeben sollte, von dem Ghetto in Wilna, von ihrer Flucht mit der Mutter, von dem Versteck in der Hundehütte vor den litauischen Partisanen, las aus dem Buch ihrer Mutter „Sag niemals, das ist dein letzter Weg“ und aus ihrem eigenen Kinderbuch „Die wundersame Rettung der kleinen Tamar“, zeigte Fotos, sowohl von ihrer Familie als auch Zeichnungen des Geschehens, das Kindern die Schrecken der damaligen Zeit nahe bringen sollen.

Verantwortung und Gegenwehr

„Antisemitismus gehört für jüdische Menschen zum Alltag“, sagte Presbyteriumsvorsitzender Martin Pieper eingangs. „Doch Halle ist glücklicherweise selten, wenn auch der Antisemitismus in den letzten Jahren wieder ansteigt.“ Selbst die Hiesfelder Dorfkirche sei in der vergangenen Woche nicht vor Hakenkreuzschmierereien verschont geblieben. Vielleicht eine Antwort ewig Gestriger auf die Themenabende der evangelischen Gemeinde, die „Gegen das Vergessen“ aufrufen. Damit wolle die evangelische Kirchengemeinde ein Zeichen setzten gegen rechte Gesinnung.

Auch der stellvertretende Bürgermeister Thomas Groß prangert den wieder aufkeimenden Antisemitismus und die Geschichtsverfälschung an, die inzwischen wieder ihre Blüten treiben. Er, dessen Großvater selber wegen seiner politischen und religiösen Auffassungen hingerichtet wurde, wisse, wie wichtig Verantwortung und Gegenwehr seien.

Nach ihrer Meinung gefragt, ob es gut sei, dass Bürger jüdischen Glaubens überlegten, Deutschland zu verlassen, verneinte Tamar Dreyfuss dieses Ansinnen vehement. „ich werde niemanden dazu raten“, sagt sie, „nein, nur wenn wir dagegen kämpfen, sind wir frei.“ Es gebe Länder ohne Aufklärung, da wähle man rechts, dagegen müsse angegangen werden. Es gab Zeiten, so Dreyfuss, da konnte man seine Meinung nicht offen sagen, davon sei man heute in Deutschland weit entfernt. Heute gelte es, die Demokratie zu verteidigen.

Viele Freunde nichtjüdischen Glaubens

Sie werde oft gefragt, was sie als Heimat empfinde. „Wilna ist meine Heimat, dort bin ich geboren, Israel ist meine Heimat, da bin ich aufgewachsen, Deutschland ist meine Heimat, da habe ich eine Aufgabe“, sagt sie klar. Seit 1959 wohnt sie in Deutschland, ist der Liebe wegen hierher gezogen. „Ich konnte mir nie vorstellen, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder solche Auswüchse nimmt“, meint sie. Doch sie weiß viele Freunde nichtjüdischen Glaubens an ihrer Seite: „Gemeinsam sind wir stark.“

Überrascht zeigte sich ein Besucher über die Polizeipräsenz an dem Abend. Tamar Dreyfuss danach befragt: „ich habe mich auch gewundert. Ich hatte in den 20 Jahren meiner Zeitzeugen-Lesungen noch nie Polizeischutz und dachte mir, wohin bist Du hier geraten?“ Dabei sei Hiesfeld doch ein beschaulicher Ort.

Eine „Schwelle der Erinnerung“ sei 2006 am Kölner Hauptbahnhof errichtet worden, erzählt Tamar Dreyfuss. Diese sei aber später in eine nicht wirklich sichtbare Ecke geparkt worden. Versuche, sie wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, scheiterten. Der Hiesfelder Albert Wüsthoff, derzeit am Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs beteiligt, versprach, sich mit der Oberbürgermeisterin in Verbindung zu setzen. „Wenn es am Geld scheitert, werden wir den Kölnern zeigen, dass wir es in Hiesfeld leisten können und ihnen unter die Arme greifen.“

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