Hochhausräumung

Aus Hannibal geräumt: Paar soll für Notwohnung Miete zahlen

Hannibal-Hochhaus

Mieter Florian Krenz äußert sich zum Hannibal-Hochhaus in Dortmund-Dorstfeld.

Mieter Florian Krenz äußert sich zum Hannibal-Hochhaus in Dortmund-Dorstfeld.

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Dortmund.   Florian Krenz musste vor einem Jahr mit seiner schwangeren Freundin sein Zuhause verlassen. Eine Rückkehr wird frühestens 2021 möglich sein.

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Nach der von der Stadt Dortmund im September 2017 verfügten Zwangsräumung des Hochhaus-Komplexes Hannibal II im Stadtteil Dorstfeld hat Eigentümer Intown am Dienstag ein Sanierungskonzept vorgelegt. Demnach soll die Immobilie, die wegen Brandschutzmängeln stillgelegt wurde, ab Mitte 2019 bis Ende 2020 für mehrere Millionen Euro saniert und neu gestaltet werden.

Dem Eigentümer zufolge haben noch 183 von einst 753 Mietern einen Mietvertrag. Sie sollen nach der Sanierung zu alten Konditionen wieder einziehen können. Weiter geht der Streit um die Rechtmäßigkeit der Räumung zwischen Intown und der Stadt Dortmund vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

Hochhauskomplex Hannibal II in Dortmund 2017 geräumt

Florian Krenz kann sich noch an jedes Detail am 21. September 2017 erinnern. „Als ich nach Hause kam, bin ich erst einmal auf den Balkon gegangen und habe eine Zigarette nach der anderen geraucht.“ Zuvor, gegen 16 Uhr auf der Fahrt zum Feierabend, hatte er im Radio gehört, dass der Hochhauskomplex Hannibal II in Dortmund-Dorstfeld wegen gravierender Brandschutzmängel geräumt werden sollte. „Ich konnte es nicht fassen“, sagt der 27-Jährige, die Menschenmengen vor dem terrassenförmigen Gebäude-Komplex mit 412 Wohnungen verdeutlichten ihm, dass es bittere Wahrheit war. Als seine Freundin gegen 20 Uhr nach Hause kam, packte das Paar das „Nötigste“ ein und verließ ihre erste gemeinsame Wohnung. Vermeintlich für zwei Tage, wie es anfangs hieß.

Aus zwei Tagen ist mittlerweile fast ein Jahr geworden. Am Dienstag hat der Eigentümer der Immobilie, die Intown GmbH, ein Sanierungskonzept vorgelegt. Bis die 183 von einst 753 Mietern, die Intown zufolge noch einen Mietvertrag haben, in ihre Wohnungen zurückkehren dürfen, kann es Ende 2020 werden. Florian Krenz, seine Freundin Jill Heyen (28) und die sechs Monate alte Tochter Zoe Mia wollen warten. Oder besser: durchhalten.

Florian Krenz steht vor dem Eingang zum Hochhaus „Vogelpothsweg 28“. Die Tür und das komplette Erdgeschoss sind wie die anderen Hannibal-Gebäude mit den eigentlichen Tiefgaragentoren verbarrikadiert, so dass kein Mensch hinein treten kann. Das Licht im Treppenhaus und die runden Laternen vor den Häusern brennen. „Tag und Nacht“, sagt Florian Krenz. Er schaut auf sein Klingel-Schild und schüttelt den Kopf. „Als wir die Wohnung in der 8. Etage besichtigten, war es um uns geschehen. Ein 65 Quadratmeter großer Traum über zwei Etagen mit großem Balkon und weitem Blick. Besser geht’s nicht.“ Ein preiswerter Traum: 540 Euro inklusive Nebenkosten und Strom. Das Glück – eine gemeinsame Wohnung wenige Monate nach dem Kennenlernen – schien perfekt. „Wir haben sie aufwändig renoviert, eine neue Küche gekauft, alles in allem 8500 Euro investiert.“ Ein dreiviertel Jahr nach dem Einzug begann der Räumungs-Alptraum.

Hochschwangere Freundin schlief auf Ausziehsofa

Das Paar zog für sechs Wochen zu den Schwiegereltern. „Meine hochschwangere Freundin schlief auf einem Ausziehsofa auf dem Boden.“ Dann bekam man eine mietfreie Übergangswohnung von der Stadt Dortmund. Im Stadtteil Huckarde, 8 Kilometer vom Hannibal entfernt. Nur 45 Quadratmeter groß und teilmöbliert: „zwei Metallbetten mit dünnen Matratzen, zwei schmale Spinde, ein kleiner Esstisch, zwei Stühle und eine Single-Küche“. Florian Krenz spricht von einer „Notwohnung“ in einem Mehrfamilienhaus, das sich in einem katastrophalen Zustand befände. Vor Tagen erhielt das Paar ein Schreiben von der Stadt. Inhalt: Ab Dezember werde eine Monatsmiete in Höhe von knapp 400 Euro verlangt. „Wir sollen für eine Wohnung zahlen, die wir nicht wollten“, klagt Krenz, „wir wollen zurück in unsere eigenen vier Wände im Hannibal.“

Florian Krenz und Freundin Jill haben ihr Hannibal-Heim – im Gegensatz zu manch anderen Mietern – komplett ausgeräumt und das Mobiliar im Keller von Verwandten deponiert. Kein Tag vergeht, so Krenz, dass er nicht an die Traumwohnung denkt und sich die bange Frage stellt, wie es weiter geht. Er hat als Kundenberater bei einem Telekommunikationsunternehmen gearbeitet. „Ich war während der Arbeit ständig mit meinen Gedanken am Hannibal, hatte keinen klaren Kopf mehr.“ Vor zweieinhalb Monaten ging man „getrennte Wege“, wie er es ausdrückt. In Kürze kehrt Krenz in seinen alten Beruf als Auslieferungsfahrer zurück.

Verzweiflung und Unmut unter den Mietern

Der 27-Jährige ist unverschuldet in eine missliche Situation geraten. „Der Stress“ habe Spuren hinterlassen: „Ich habe seit der Räumung des Hauses 20 Kilo zugenommen.“ Florian Krenz hat mit anderen Mietern eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Verzweiflung und Unmut seien groß. Und das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Vom Eigentümer Intown, der den Hannibal schon früher hätte sanieren müssen und durch Nicht-Information „glänzt“. Seit der Räumung habe man nichts von dem Unternehmen gehört. „Und man erreicht niemanden bei denen.“ Aber auch die Stadt Dortmund kommt nicht bei allen gut weg. „Viele können bis heute nicht verstehen, dass der Hannibal geräumt werden musste.“ Die versprochene unbürokratische Hilfe habe sich auch nicht überall erfüllt. „In den ersten vier Wochen haben wir trotz Nachfragen von denen überhaupt nichts gehört.“

„Man weiß nicht mehr, wem man noch glauben soll“, klagt Florian Krenz. „Natürlich ist da eine Rest-Befürchtung, dass trotz der Ankündigung es doch nicht zu einer Sanierung kommt“, sagt er. Dass er nie mehr zusammen mit seiner Freundin und der kleinen Tochter in der Traumwohnung leben kann. Florian Krenz blickt hoch auf den Hannibal und zeigt auf „unseren“ Balkon im 8. Stock. „Man soll die Hoffnung nie aufgeben.“

Vor den Eingängen sprießt das Unkraut aus den Wegen, Kabel hängen aus den Klingelwänden heraus, aus dem einstmals grünen Rasen ist eine vertrocknete Graslandschaft geworden. Der Gebäude-Komplex Hannibal II in Dortmund-Dorstfeld gibt fast elf Monate nach der kurzfristigen Räumung ein trostloses Bild ab.


Die Räumung:

Unter dem Eindruck des verheerenden Brandes im 24-geschossigen Wohnhochhaus Greenfell Tower in London mit mehr als 70 Toten im Juni 2017 nahm die Stadt Dortmund das Hannibal-Hochhaus genauer unter die Lupe und sah sich zum Handeln gezwungen: „Es bestand Gefahr für Leib und Leben“, begründet Stadtsprecherin Anke Widow das „alternativlose“ Vorgehen, sprich: die Zangsräumung. Wegen der Durchlässigkeit der Versorgungsschächte, die die Wohnungen miteinander verbinden, hätte es im Falle eines Brandes „viele Opfer“ gegeben, so die Pressereferentin.

Die Mieter:

Die Mieter, die noch keine neue Wohnung gefunden haben bzw. unbedingt in den Hannibal II zurückkehren möchten, leben seit der Räumung „irgendwie irgendwo“, wie es Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mietervereins Dortmund und Umgebung, ausdrückt. Manche sind bei Freunden und Verwandten untergekommen, andere in städtischen Übergangswohnungen. „Oft sind die Wohnungen kleiner als vorher, zum Teil sind sie in einem ganz anderen Stadtteil.“ Beim Versuch, eine vorübergehende Bleibe zu finden, seien auch Familien getrennt worden. Verzweiflung mache sich auch bei jenen Mietern breit, die zum Teil erhebliche Geldsummen in ihr Heim im Hannibal investiert hätten. Die Wohnungssuche in Dortmund gestalte sich schwierig: „Gerade bezahlbare 100-Quadratmeter-Wohnungen für Familien sind Mangelware“, so Stücker.

Der Stadt Dortmund zufolge sind noch 44 Hannibal-Haushalte übergangsmäßig in städtischen Wohnungen untergebracht. „Wir als Stadt haben alle Anstrengungen unternommen, dass den Menschen so gut wie möglich geholfen wird,“, so Anke Widow.

Der aktuelle Stand:

„Es ist seit der Räumung wenig passiert“, sagt Rainer Stücker vom Mieterverein. Ob die Stilllegung des Gebäudes rechtens war, darüber streitet sich Intown mit der Stadt Dortmund vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. „Dieser Rechtsstreit hat einen Blockadeeffekt zur Folge. Er lähmt die Aktionen“, so Stücker.

Nach diversen Ankündigungen wollte der Eigentümer bis zu den Sommerferien sein Sanierungskonzept vorgelegt haben. Am Dienstag ist dies endlich geschehen.

Der Gebäudekomplex:

Hannibal II wurde zwischen 1972 und 1975 erbaut. Es sollte möglichst viel Wohnraum auf kleinster Fläche entstehen. In dem Gebäudekomplex entstanden in Terrassenbauweise acht nebeneinander stehende Hochhäuser mit bis zu 16 Etagen und 412 Wohnungen, die zwischen 20 und 100 Quadratmeter groß sind. Nach der Räumung machten Schilderungen von einem heruntergekommenen Hochhaus für sozial Schwache die Runde. „Davon kann keine Rede sein“, sagt Rainer Stücker, „die Wohnungen waren wegen der bezahlbaren Mieten, des weiten Blicks und der guten Lage immer sehr beliebt und begehrt.“ Die Auffahrten zu den Autobahnen 40 und 45 sowie die Universität sind nicht weit entfernt, direkt angrenzend ist die Haltestelle Dortmund-Dorstfeld Süd der S-Bahnlinie 1.

Der Eigentümer:

Rainer Stücker zeichnet nicht das beste Bild von Intown. „Das Unternehmen betreibt Kapitalanlage in Immobilien im großen Stil, obwohl es kein richtiger Immobilien-Entwickler ist.“ In der Niedrigzinsphase, so vermuteten Beobachter, habe man ein Teil des Vermögens in Immobilien angelegt – „so nach der Devise: kaufen, laufende Mieteinnahmen mitnehmen, nichts in die Gebäude investieren und irgendwann verkaufen.“ Stücker: „Mieter haben bei Intown nicht höchste Priorität.“ In Dortmund gäbe es weitere Intown-Objekte, die nicht im allerbesten Zustand seien.

Die Zukunft:

Robert Döring zufolge ist seine GmbH „Bestandshalter“ des Hannibal II: „Das wollen wir auch bleiben.“ Ein Leerstand des Objekts liege nicht im Interesse des Unternehmens. Bis das Gebäude aber wieder bezogen werden könne, werde es noch dauern. Gründe: das laufende Verfahren gegen die Stadt Dortmund zur Rechtmäßigkeit der Räumung. Und: „Ohne Genehmigung ist kein Baubeginn möglich. Erfahrungsgemäß kann hier etwas Zeit ins Land gehen.“ Stadtsprecherin Anke Widow verspricht, dass die Verwaltung einen entsprechenden Bauantrag „mit Priorität“ bearbeiten würde. Aber, so Robert Döring von Intown: „Optimistisch betrachtet ist eine Rückkehr unserer Mieter bereits in zwei bis drei Jahren möglich.“

Vorbild für die beiden Hannibal-Hochhäuser in Dortmund - Hannibal I befindet sich in der Nordstadt (Bornstraße) - war das Olympische Dorf in München. Der Name Hannibal allerdings stammt von einem Hochhaus-Komplex in Stuttgart, der zwischen 1968 und 1972 gebaut wurde. Wegen der Dimension der Siedlung mit 1200 Wohnungen wurde ein Name gesucht, der ein Synonym für das Un­mögliche beschreibt. Also kam man auf den karthagischen Feldherrn Hannibal, der dem Römischen Reich Niederlagen zufügte und mit seinen Truppen die Alpenüberquerung schaffte.

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