"Unterrichtsausfall - Der Check"

Forscher Wilfried Bos über Mythen in der Bildungsforschung

Professor Wilfried Bos (63) leitete für Deutschland die internationalen Leistungsstudien Timmss- und Iglu. Am Institut für Bildungsforschung der TU leitet er den Bereich Bildungsforschung und Qualitätssicherung.

Professor Wilfried Bos (63) leitete für Deutschland die internationalen Leistungsstudien Timmss- und Iglu. Am Institut für Bildungsforschung der TU leitet er den Bereich Bildungsforschung und Qualitätssicherung.

Dortmund.  Gute Bildung ist kein Teufelswerk, aber man braucht ausreichend Ressourcen, sagt Bildungsforscher Wilfried Bos. Die Größe der Klasse oder die Anzahl der Ausfallstunden sei aber gar nicht entscheidend. Wir sprachen mit dem Professor vom Institut für Bildungsforschung (IfB) an der TU Dortmund über gute Schule und das Projekt Unterrichtsausfall-Check.

Herr Professor Bos, was halten Sie als Bildungsforscher von unserem Projekt zum Unterrichtsausfall?

Die Frage ist, wie relevant ist das Thema. Es gibt eine Studie aus Rheinland-Pfalz, die Markus-Studie, die die Bedeutung des Unterrichtsausfalls für den Leistungsstand der Schüler relativiert. Es wurden flächendeckend die Mathematik-Leistungen der Schüler in den 8. Klassen untersucht. Für die erreichte Punktzahl machte es keinen Unterschied, ob weniger als fünf oder mehr als 24 Stunden pro Schuljahr (Anm.: also etwa eine gute halbe Stunde pro Woche) ausfielen.

Das heißt, es ist also völlig egal, wie viel Unterricht stattfindet?

Nein, ab einer bestimmten Größe wird es schon relevant. Aber diesen Schwellenwert kennen wir nicht. Aber es bedeutet, es ist unklug, den Lehrern Fortbildungen zu verweigern und sie auf samstags zu legen, damit kein Unterricht ausfällt. Das ist nicht zumutbar und das macht auch kein Lehrer gern. Die Bedeutung des Stundenausfalls gehört zu den Mythen in der Bildung, ähnlich wie die der Klassengröße. Auch die ist viel weniger entscheidend für den Lernerfolg, als die meisten denken. Eine Reduzierung von 26 auf 24 Kinder pro Klasse würde in NRW jährlich rund 600.000 Euro kosten, hätte aber keine signifikante Wirkung.

Es macht also keinen Unterschied, ob 20 oder 30 Kinder in einer Klasse sitzen?

Es hat keinen messbaren Effekt, nicht den allerkleinsten. Positive Auswirkungen machen sich erst ab einer Klassenstärke von weniger als 20 bemerkbar, bergab geht es mit dem Lernerfolg ab deutlich mehr als 30 Kindern. Die Klassen sind in Deutschland gar nicht besonders groß, an den Grundschulen liegt der Durchschnitt bei 22 Kindern pro Klasse.

Müsste man bei einer Beurteilung nicht die Heterogenität der Schüler in einer Klasse berücksichtigen?

Heterogenität macht sich positiv bemerkbar, wenn die Spannbreite im Rahmen bleibt. Sie führt dazu, dass schwache Schüler besser werden. Auch dazu gibt es eine Untersuchung.

Insgesamt kann man also sagen, nicht die Quantität ist entscheidend, sondern die Qualität?

Genau. Nach den Ergebnissen der Timss-Studie (Anm.: Grundschulstudie zu Mathematik und Naturwissenschaften am Ende der 4. Klasse) wurden reflexartig vier Stunden mehr Mathe gefordert. Doch mehr vom Schlechten würde nichts bringen, die Schüler würden es dadurch nicht begreifen. Das ist vergleichbar damit, wenn jemand eine unverständliche Wegbeschreibung einfach wiederholt, nur lauter.

Könnte der gebundene Ganztag helfen?

Ganztagsschulen könnten helfen, aber nur, wenn es gut gemacht ist und am Nachmittag Lehrer vor Ort sind und nicht irgendwelche Aushilfskräfte.

Wie könnte das funktionieren? Brauchen wir mehr Lehrer oder müssten die Lehrer länger arbeiten?

Weltweit gibt es fast nur Ganztagsschulsysteme, das ist überall ganz normal. Das schafft natürlich Freiräume für Förderung. Die Lehrer erledigen ihre Vorbereitung, Betreuung und Korrekturen in der Schule und sind fertig, wenn sie nachmittags nach Hause gehen. Auch in unserem Nachbarland Holland war das beispielsweise schon immer so. In Deutschland bedeutete das eine große Umstellung, für die Lehrer und auch für die Eltern. Da ist noch ein dickes Brett zu bohren, denn bei uns ist es gesellschaftlich gewachsen, dass die Betreuung - auch die der Hausaufgaben - in der Familie stattfindet.

Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch bei uns alle Gymnasien im Ganztag arbeiten. In etwa zehn bis 15 Jahren wird das so sein. Das bedeutet herbe Eingriffe, ich halte sie aber für unvermeidlich. Die Lehrer bereiten dann ihren Unterricht in der Schule vor und tauschen sich aus.

Wenn nun ausreichend Geld vorhanden wäre - wofür sollte man es sinnvollerweise einsetzen?

Alles Geld sollte in die Verbesserung des Unterrichts gesteckt werden, denn das ist das Kerngeschäft. Es sollte also in die Lehreraus- und -fortbildung investiert werden. Nicht in kleinere Klassen, nicht in mehr Unterricht. Gute Netzwerkarbeit, wo Material gemeinsam entwickelt und weitergegeben wird, wirkt sich positiv aus. Aber das ist für die Politik nicht sexy, sondern die Aussage: Wir machen die Klassen kleiner.

Was sollte sich noch ändern?

Wo es nötig ist, sollte auch die Schulsozialarbeit ausgebaut werden, denn es gibt Schulen, beispielsweise in der Nordstadt, da muss man einfach sozialpädagogisch ran. Aber der Unterricht ist das A und O. Und noch etwas ist wichtig: Miss es oder vergiss es! Wir haben kein funktionierendes Controlling, die Schulinspektion ist mit zu wenig Kompetenz ausgestattet.

Es fehlt die wissenschaftliche Begleitung für die Inklusion und den Umgang mit der Zuwanderung. Die Evaluation ist ganz wichtig, und sie kostet Peanuts. Die große Iglu-Studie kostet ein Siebzigtausendstel von dem, was wir jährlich für die Grundschulen ausgeben. Wir werden das Flüchtlingsproblem noch die nächsten 30 Jahre haben und damit auch das Thema Beschulung. Das Problem ist nur: Wir wissen nicht, wie man es gut macht. Es wäre aber gut zu wissen.

Aber sind die Schulen nicht ohnehin schon stark belastet durch Evaluation, Studien und Bürokratie?

Bürokratie ja, aber die verschriene Testeritis ist auch ein Mythos. Wir haben 28.000 Schulen in Deutschland, da kommt jede Schule alle 50 Jahre einmal dran. Es ist aber so, die Lehrer fühlen sich überfordert durch das, was sie nebenher wuppen müssen. Es wäre wirklich gut, wenn man sie einfach mal zehn Jahre in Ruhe arbeiten lassen würde...

Alle Infos zum Projekt:

  • Der "Unterrichtsausfall-Check" ist ein Projekt der Ruhr Nachrichten mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv.
  • Jeder kann sich nach einer einmaligen Anmeldung an der Datensammlung beteiligen. L
  • Erfassungszeitraum ist der 1. bis 31. März.
  • Wir begleiten das Projekt in der Lokalredaktion mit einer fortlaufenden Berichterstattung zu aktuellen Schul-Themen und Zwischenberichten zur Datensammlung.
  • Anmeldung für den Newsletter für die Datenbank unter www.unterrichtsausfall-check.de

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