TU-Dortmund

Rektorin wünscht an Straßenschildern mehr Hinweise auf Uni

Als erste Frau seit 15 Jahren hat die Rektorin der Technischen Universität, Prof. Dr. Ursula Gather, vor drei Wochen den City-Ring der Stadt erhalten. Was ihr großes Ziel bis zum Ende ihrer Amtszeit ist, hat die Statistikerin im Interview verraten.

Foto: Dieter Menne Dortmund

Als erste Frau seit 15 Jahren hat die Rektorin der Technischen Universität, Prof. Dr. Ursula Gather, vor drei Wochen den City-Ring der Stadt erhalten. Was ihr großes Ziel bis zum Ende ihrer Amtszeit ist, hat die Statistikerin im Interview verraten. Foto: Dieter Menne Dortmund

Dortmund.  Ursula Gather ist seit 15 Jahren als Rektorin an der TU-Dortmund. Wie sie die Uni in der Stadt sichtbarer machen würde, verrät sie im Interview.

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Frau Professor Gather, an der TU Dortmund studieren aktuell 34.600 Menschen. Bei Ihrem Amtsantritt 2008 waren es 22.000. Wie viel Zuwachs verträgt die Universität noch?

Ursula Gather: Ich gehe davon aus, dass wir uns auf einem Hochplateau bewegen. Die Studierneigung ist hoch und steigt vielleicht noch, aber demografisch sind dem Grenzen gesetzt. Es können in den nächsten Jahren nur so viele junge Menschen an die Unis kommen, wie wir Abiturienten erwarten. In den letzten Jahren musste man Räumlichkeiten schaffen, um den Zuwachs zu gestalten. Das brachte uns schon an unser Limit. Aber es ist uns immer gelungen – selbst in den ersten besonders vollen Semesterwochen – Studierende auf Treppen oder vor Hörsälen zu vermeiden. Alles andere wäre ein Skandal gewesen.

Hätten Sie die zusätzlichen Studenten nicht einfach ablehnen können?

Gather: Wir mussten uns im Hochschulpakt verpflichten, einen bestimmten Zuwachs zu bewältigen. Dafür gab es mehr Mittel, wenn auch nicht so viel, wie wir uns erhofft hätten. Dabei hätte es für den Erhalt der Mittel nicht genügt, die Plätze zu schaffen, sondern die Studierenden mussten auch zu uns kommen wollen. Das ist uns auf den Punkt genau gelungen.

Haben Sie diese Zuwächse ohne Verluste der Qualität bewältigt? Die Zahl der Lehrenden hat weniger stark zugenommen als die der Studierenden. Professoren gibt es kaum mehr als 1980…

Gather: Die Zahl der Dozenten ist gestiegen, aber natürlich nicht um 60 Prozent wie die Zahl der Studierenden. So haben wir die nötige Semesterwochenstundenzahl auch durch wissenschaftliche Mitarbeiter erreicht. Mehr Professoren wären trotzdem gut. Wir haben derzeit ein Verhältnis von 110 Studierenden auf eine Professur; 60 wären eine anzustrebende Größe. Es gibt Universitäten in Süddeutschland, die auf diesen Schnitt kommen.

Und warum hier nicht?

Gather: Die Hochschulen in Nordrhein-Westfalen liegen tatsächlich am Ende des Rankings, was die Anzahl der Professuren pro Studierenden angeht und auch beim Betrag, den das Land pro Studierenden pro Jahr zahlt. Da könnte man besser dastehen. Wir haben trotzdem unseren Teil erfüllt, und dafür hätten wir auch von der alten Landesregierung mehr Lob erwartet. Nun hoffen wir, dass die neue Landesregierung nachbessert. Das hat sie versprochen.

Ist es aus Ihrer Sicht überhaupt sinnvoll, dass es heute so viel mehr Studenten gibt als früher?

Gather: Das ist eine sehr schwierige Frage. Natürlich sollte es jedem Menschen offenstehen, eine akademische Ausbildung zu bekommen. Wir werden immer mehr eine Wissensgesellschaft und die Digitalisierung erfordert in immer mehr Berufen technisches Knowhow. Zudem spielen Eignung und Talente eine Rolle. Man muss auch sehen, dass wir in unserer Gesellschaft möchten, dass es alles gibt. Bürgerinnen und Bürger könnten befürchten, dass zum Beispiel immer weniger Menschen ins Handwerk gehen oder in Pflegeberufe. Wenn inzwischen 55 Prozent einer Jahrgangskohorte an die Hochschulen streben, so ist das ein hoher Grad an Akademisierung. Der kann aber auch dadurch zustande kommen, dass Berufsbilder akademisiert werden, die es früher nicht waren. In den Nachbarländern ist das in vielen medizinischen Berufen der Fall, bei Hebammen etwa oder Krankenschwestern. Die duale Ausbildung in Deutschland ist ein richtig guter Weg. Wir arbeiten übrigens mit der Handwerkskammer zusammen, um Studienzweiflern am Ende des ersten, zweiten Semesters aufzuzeigen, was es sonst noch für schöne Berufsbilder gibt.

Wie viele von den 55 Prozent eines Jahrgangs machen denn später einen Abschluss?

Gather: Das lässt sich sehr schwer erfassen, weil nicht festgehalten wird, wo die Studierenden hingehen, wenn sie die Universität vorzeitig verlassen. Ich schätze die Abbrecher-Quote auf etwa 20 Prozent. Wobei die Abbrecherquoten besonders da hoch sind, wo Mathematik eine Rolle spielt.

Sie leiten die TU jetzt seit knapp zehn Jahren. Welche Aufgabe hat die Uni heute?

Gather: Wir sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Wir haben wissenschaftliche Herausforderungen anzunehmen und dort Erkenntnisfortschritt zu erreichen, wo er gefragt ist – in den Naturwissenschaften, den Ingenieurwissenschaften aber auch in den Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Dazu müssen wir die Zusammenarbeit mit anderen pflegen, die ebenfalls mitgestalten wollen, können und dürfen. Wir haben eine Verantwortung für die Studierenden und auch für unser Studienangebot. Wir wollen eine Ausbildung vermitteln, die im Bachelor breit aufgestellt und grundständig ist.

Haben Sie diese Aufgaben vor zehn Jahren genauso gesehen?

Gather: Ich muss zugeben, dass ich mir die Aufgaben etwas weniger komplex vorgestellt habe. Vorher war ich Sprecherin eines Sonderforschungsbereichs mit um die 50 Wissenschaftler, was auch schon eine komplexere Führungsaufgabe war. Aber eine Universität ist noch komplexer. Da sind die Fakultäten mit ihren unterschiedlichen Fächerkulturen. Gleichzeitig ist man Akteur in der Gesellschaft, hat die Beziehung zur Landesregierung und die zu den anderen Universitäten, wo man sich teils in intensiver Kooperation, aber auch im Wettbewerb befindet. Das Finden der besten Köpfe gehört dazu, die Berufung der Professorinnen und Professoren. All das kommt mir schon manchmal so vor wie bei Künstlern im Zirkus, die zehn Teller in der Luft halten.

Wie eng ist die Uni für Sie mit der Stadt verbunden? In der Innenstadt ist die TU nicht sehr sichtbar …

Gather: Man könnte das TU-Logo dort ruhig häufiger sehen, da haben Sie recht. Aber wir sind nun mal eine Campus-Universität, anders als etwa die RWTH Aachen. Ich glaube aber schon, dass die Sichtbarkeit der Universität in der Stadt sehr zugelegt hat, unser Logo auf dem Mathetower ist weit sichtbar. Auch durch die Veranstaltungen, die wir in der City machen, wie die Ausstellungen in der Hochschuletage im Dortmunder U und die Veranstaltungen in der Reinoldikirche zu Bild und Klang. Wir laden die Stadtgesellschaft auch zu „Brötchen und Borussia“ ein, eine immer sehr, sehr gut besuchte Veranstaltung. Es hat sich einiges getan.

Was könnte noch besser sein?

Gather: Wenn man auf einer Bundesstraße wie der B1, B54, B236 die Stadtgrenze überschreitet, dann müsste auf den gelben Schildern, auf denen steht, wo es zum Stadion geht, zu den Westfalenhallen und zum Rathaus, immer ein Hinweis auf die TU zu sehen sein. In Essen und Aachen gibt es das zuhauf. In Dortmund steht zum Beispiel auf der A40 von Westen aus kommend ein einziger Hinweis auf der Autobahn. Wenn Sie den übersehen haben, können Sie auf der B1 endlos weiterfahren und die Stadt wieder verlassen – Sie würden nie wieder zur Universität finden. Das könnte man besser machen.

Bei der Verleihung des City-Rings wurde Ihnen von allen Seiten sehr viel Wertschätzung entgegengebracht. Vielleicht lassen sich daraus Zugeständnisse einfordern. Was steht auf Ihrer Wunschliste?

Gather: Zuallererst eine bessere Verkehrsanbindung. Wir wünschen uns eine dichtere Taktung der S1 und eine zuverlässigere Pünktlichkeit. Außerdem wünschen wir uns die Verlängerung der H-Bahn in den Technologie-Park hinein, das würde auch die Parksituation entspannen. Ein Thema ist auch der Ausbau der Baroper Straße, die mehr nach Dorf aussieht als nach Uni-Campus, und der Straße Hauert, wo es weder Fußgänger- noch Fahrradweg gibt. Das könnte alles schöner sein. Ansonsten ist der Campus sehr ansprechend und einladend; er ist grün, gepflegt und bietet durch seine Architektur Orientierung. Ich finde, unser Campus hat eine Wohlfühlkomponente.

Gibt es noch das eine große Ziel, was Sie sich bis zum Ende Ihres Rektorats 2020 vorgenommen haben?

Gather: Ich bedaure, dass ich die Eröffnung des Bibliothek-Neubaus wahrscheinlich nicht im Amt erlebe. Aber ich finde es gut, dass es ein Projekt ist, das in meiner Amtszeit beginnt. Außerdem ist mir wichtig, unsere vier Profilbereiche weiter zu stärken. Und wir wollen unbedingt das Exzellenzcluster erhalten, für das wir jetzt gemeinsam mit der Ruhr-Universität Bochum den Vollantrag stellen können. Außerdem setzen wir gerade das Tenure-Track-Programm um – Juniorprofessuren mit Option auf eine Lebenszeitprofessur. Wir haben 15 dieser Professuren bewilligt bekommen. Beim Tenure Track zählt die TU Dortmund in Deutschland zu den Vorreitern.

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