Rechtsextremismus

„Das ist nicht mehr meine Heimat“

Christian Naumann hat in Düsseldorf seine neue Heimat gefunden: „Hier gab es sehr viele Menschen, die mich freundlich aufgenommen haben.“ 

Christian Naumann hat in Düsseldorf seine neue Heimat gefunden: „Hier gab es sehr viele Menschen, die mich freundlich aufgenommen haben.“ 

Foto: Privat

Düsseldorf.  Den Anschlag von Halle nimmt Christian Naumann (28) aus Düsseldorf zum Anlass, über seine frühere ostdeutsche Heimat zu schreiben.

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Die rechtsextreme Tat eines ostdeutschen Judenhassers bedrückt mich - obgleich ich auch nicht überrascht darüber bin, dass es zu einer Tat kam: In dem sind sich jüdische Gemeinden und Migrationsverbände – und auch die Sozialwissenschaften mit Blick auf gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die Ablehnung der Demokratie insbesondere in Ostdeutschland - einig.

Der Antisemitismus im Osten

Die Tat bedrückt mich besonders, weil der Täter genauso alt und auch in Ostdeutschland groß geworden ist und sozialisiert wurde – wie ich. Als in Dresden die Synagoge nach der Wende wieder aufgebaut wurde, die seit den 1930ern zerstört war und sich ein Zuzug jüdischer Menschen in der Stadt vollzog, wurde dies jenseits politischer Eliten so gut wie gar nicht begrüßt. Eigentlich alle in meinem Umfeld haben sich aus verschiedenen Gründen gegen die Synagoge ausgesprochen: Entweder weil es doch so wenige Juden gibt, weil das „von unserem Geld bezahlt wird“ oder weil man vermeintlich mit der Architektur unzufrieden war. Man stelle sich gleiche Debatte vor zur Frauenkirche in Dresden... In meinem Freundeskreis wurde die Synagoge oftmals abfällig als „Judentempel“ betitelt.

Aufgewachsen bin ich mit Klassenkameraden, die stolz in sozialen Netzwerken vor ihrem Ferienhaus mit Deutscher Reichsflagge posierten. Auf einem Klassentreffen erzählte eine ehemalige Elternsprecherin etwas von einer jüdischen Weltverschwörung in Bezug auf Kapital und Weltherrschaft. Eine Klassenkameradin erzählte mir nach meinem Fortzug davon, dass ein Haus in ihrem Heimatdorf an der Grenze in Neucunnersdorf aufgekauft wurde und das halbe Dorf in Aufruhr sei: Das Haus sei von Juden gekauft worden.

Verschwörungstheorien und rassistisches Denken bei der Polizei

Ich selbst habe damals naiv an einige Verschwörungstheorien geglaubt: es waren „Zeitgeist“-Filme, die angebliche Bilderberg-Treffen der Rothschilds aufdeckten. Und das alles in Zeiten, in denen Dresden Ort der größten Nazi-Demos Europas war (auf denen heutige AfD-Spitzenpolitiker wie Höcke vertreten waren) und sich die Debatte vor allem um das den Nazis zustehende Demonstrationsrecht und die bösen bösen Gegendemonstrationen linker Gruppierungen drehte, die mit Polizeigewalt und unrechtmäßiger Überwachung beglückt wurden. Da ich aus einer Polizistenfamilie komme, weiß ich, dass es rassistisches und antidemokratisches wie antisemitisches Denken innerhalb der ostdeutschen Polizei gibt.

Meine Mutter nötigte meine Schwester noch in den 2010er Jahren zu einem Schulaufsatz, warum Nazi-Demos rechtens sind und die Gegendemos zweifelhaft. Meine Mutter arbeitet beim sächsischen Staatsschutz. Später wurde Dresden und damit der Osten Brutstätte von Pegida. In meinem Stadtteil wehrten sich auch ehemalige Freunde und Bekannte gegen eine Flüchtlingsunterkunft in einem leerstehenden Hotel. Der Wahlbezirk, in dem ich in die Grundschule ging, hatte kürzlich 39 Prozent für die AfD.

Bruch mit der Familie

Ich hatte Glück, dass ich durch mein schwules Outing und den damit verbunden Fluchtgedanken aus meiner Heimat und dank des Studiums 2010 im multikulturellen Düsseldorf gelandet bin. Und ich hatte verdammt viele Vorurteile. Aber hier gab es sehr viele Menschen, die mich freundlich aufnahmen – trotz ostdeutscher Witze.

Hier entdeckte ich den Rassismus, Sexismus und auch die Homophobie in mir. Ein erster Schritt, meine Einstellungen und damit mein Verhalten zu verändern. Diese Veränderung blieb nicht ohne Folgen: Ich wendete mich nach Aussagen wie „Tunesier und Schwarze gehören raus aus Deutschland“ und Sympathien für Pegida von meiner Familie ab. Bereits nach meinem ersten Jahr in Düsseldorf wurde ich damit konfrontiert, dass ich bereits ein „arroganter Wessi“ geworden sei.

Keine Heimat mehr

Als ich nach drei Jahren Kontaktabbruch zu meiner Familie den Kontakt zu meiner sieben Jahre jüngeren Schwester aufnahm, sprachen wir über meine Beweggründe. Sie erzählte mir davon, dass meine Mutter beim Staatsschutz mit im Fall ermittelte, als ein Galgen für Sigmar Gabriel und Angela Merkel über den Dresdner Theaterplatz vor der Semperoper zu einer Pegida-Demo gezogen wurde. Sie fing an zu erzählen: „Der Galgen war gar nicht so groß.“ „Die Medien hätten da falsch berichtet“ Und sie zeigte mir etwa einen halben Meter groß mit ihren Armen die tatsächliche Größe. Ich war schockiert und sagte: „Aber darum ging es doch gar nicht, ob er tatsächlich funktionsfähig ist, sondern darum, dass man amtierenden Politikern den Tod wünscht!“ – damals war Lübcke noch nicht tot. Der Schwelbrand war aber längst überall. Kurz darauf standen Leute am Nachbartisch auf (im Café Cosel) und beschwerten sich über mich. Eine Frau sagte laut: „Was hat der eigentlich schon für Deutschland geleistet?!“ und meinte mich. Ich sagte dann zu meiner Schwester: „Und genau das ist der Grund, warum ich nie wieder komme, das ist nicht mehr meine Heimat.“ Danach lief ich heulend von der Frauenkirche weg und kotzte mich in einer Sprachnachricht bei einer Freundin aus.

Der Politik geht es nicht um nachhaltiges Bekämpfen von Rechtsextremismus

Weshalb bin ich also eigentlich so überrascht und bedrückt? Es war eine Frage der Zeit. Mich bedrückt, dass die Bundesregierung gerade das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ kürzt. Davon sind ausgerechnet auch LGBT-Projekte in Mecklenburg-Vorpommern betroffen. Der zusätzliche Aktionsfonds zu Chemnitz nach den dortigen Hetzjagden wurde von 400.000 Euro auf 35.000 Euro gekürzt. Der Politik geht es also nicht um das nachhaltige Bekämpfen rechter Netzwerke und rassistischer Einstellungen insbesondere in Ostdeutschland.

Während ich das jetzt im Zug nach Bielefeld so schreibe, denke ich immer noch wütend über diese Aussage nach: „Was hat der eigentlich schon für Deutschland geleistet?!“ Ich drehe die Frage um und schaue mir die Mitreisenden an. Die Frage ist falsch. Sie muss heißen: „Was hast du eigentlich gegen Antisemitismus und Rassismus geleistet?“

Jede*r einzelne von uns muss sich das jetzt insbesondere nach diesem Terroranschlag fragen. Meine Antwort bedrückt mich: Leider zu wenig.

* Unser Autor Christian Naumann ist 28 Jahre alt, SPD-Mitglied, schwuler Aktivist und beruflich tätig als Referent und Leiter des Geschäftsstelle der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren in Köln.

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