Stadtteil-Serie

Die Dominikanerinnen überlebten in Heerdt alle Stürme der Zeit

Krankenhaus und Jugendhaus in Düsseldorf-Heerdt um 1930.

Krankenhaus und Jugendhaus in Düsseldorf-Heerdt um 1930.

Foto: Archiv Brzosa

Düsseldorf-Heerdt.   Als die Dominikanerinnen in Heerdt erst einmal Fuß fassten, stampften sie in nur einem Jahrzehnt ein caritatives Hilfswerk aus dem Boden.

Obwohl St. Benediktus zu den ältesten Kirchengemeinden am Niederrhein gehört, gab es hier weder vor der Säkularisation (1803) noch vor dem Kulturkampf (1871-1878) ein Kloster oder eine Ordensniederlassung. Als Otto von Bismarck 1875 sein Klostergesetz in Kraft setzte und hierdurch viele Orden in die Emigration zwang, gab es fast in jedem größeren Ort ein Kloster. Nur nicht in Heerdt. Die Kongregationen erteilten Schulunterricht und waren auf vielen Feldern der Kinder-, Jugend-, Kranken-, Armen- und Altenhilfe tätig. Auch nach Beendigung des Kulturkampfs und Rückkehr der Orden zu Beginn der 1880er Jahre dauerte es fast ein Jahrzehnt, bis in Heerdt erste Überlegungen zur Einrichtung einer Schwesterstation angestellt wurden.

1889 konstituierte sich der Verein „Christliches Heim“

Der weiße Fleck auf der Karte der Klosterniederlassungen verschwand, nachdem sich auf Anregung von Pfarrer Gottfried Savels 1889 der Verein „Christliches Heim“ konstituierte. Ziel der Stiftung war es, in Heerdt ein Haus zur Unterbringung einer „Verwahrschule und Haushaltungs-Lehranstalt nebst Vereinszimmer und Krankenpflege“ zu errichten. Johann Creutz erklärte sich sofort bereit, der Kirchengemeinde sein Anwesen Alt-Heerdt 3 (heute CBT-Wohnhaus Zur Heiligen Familie), „bestehend in Wohnhaus, Stallung, Scheune und Obstwiese“ für mildtätige Zwecke unentgeltlich zu übertragen. Das „Christliche Heim“ war noch Projektion, da leistete das neue Werk bereits praktische Caritasarbeit. Auf Betreiben des Vereins war in ungenutzten Räumen der Mädchenschule (Alt-Heerdt 29) eine Kinderbewahrschule, Handarbeitsschule und ambulante Krankenpflegestation eröffnet worden. Die Leitung der Anstalt wurde zwei weltlichen Pflegerinnen des St. Vinzenzhauses in Oberhausen übertragen, die zu Ostern 1890 ihre Arbeit in Heerdt aufnahmen.

1891 begannen Vorbereitungen zur Errichtung eines Klosters

Als der Heerdter Bürgermeister kurze Zeit später Eigenbedarf für die Schulräume reklamierte, wurde der Bau des „Christlichen Heims“ zur dringenden Notwendigkeit. Nach einer Meldung der Neusser Zeitung vom 3. Februar 1891 begannen noch im Winter die Vorarbeiten zur Errichtung eines Klosters, das „in erster Linie ein Krankenhaus“, dann „Kleinkinderbewahranstalt, sowie eine Art Unterrichtsschule für junge Mädchen im Kochen, Nähen und weiteren Handarbeiten“ und „Heim für altersschwache, alleinstehende Personen“ sein sollte.

Die Bauarbeiten waren noch im vollen Gang, da erteilte der Kölner Erzbischof im Sommer 1891 die Erlaubnis, Arenberger Dominikanerinnen anstelle der Oberhausener Schwestern nach Heerdt zu berufen. Pfarrer Savels nahm sofort Verbindung mit den Dominikanerinnen auf und handelte mit der Priorin Cherubine Willimann einen Vertrag über die zukünftige Tätigkeit der Schwestern in Heerdt aus. In Gegenwart der Arenberger Priorin und des Heerdter Bürgermeisters Josef Spickenheuer wurde das „Christliche Heim“ am 17. Januar 1892 eingeweiht und unter den Schutz des Hl. Joseph gestellt. Bei der Übergabe verfügte die Einrichtung über 28 Zimmer zur Aufnahme kranker und altersschwacher Personen. Nach einer zeitgenössischen Beschreibung befanden sich im Erdgeschoss die Verwaltungsräume, Küche und Kleinkinderbewahrschule, „in der ersten Etage die Krankenabtheilung und in der zweiten Etage und auf dem Speicher die Invalidenabtheilung. … Die Krankenabtheilung enthält ein Operations- und 7 Krankenzimmer, die Invalidenabtheilung 12 Zimmer“. Erst nach und nach konnten die Schwestern alle vertraglich festgelegten Aufgaben im vollen Umfang erfüllen: Unterhaltung einer Kinderbewahrschule, Handarbeits- und Haushaltsschule und Sonntagsschule für Fabrikarbeiterinnen. Hinzu kamen die stationäre und ambulante Krankenpflege und „Aufnahme von Invaliden der hiesigen Gemeinde und Pensionäre“.

Rasante Bevölkerungszunahme in Heerdt um die Jahrhundertwende

Mit Eröffnung der Oberkasseler Brücke 1898 griff der Düsseldorfer Wirtschaftsraum auf linksrheinisches Gebiet über. Eine Folge für die Bürgermeisterei Heerdt war eine rasante Bevölkerungszunahme, die sowohl kommunale als auch kirchliche Fürsorgeeinrichtungen vor erhebliche Probleme stellte. Zur Sicherung der Invalidenpflege erwarben die Dominikanerinnen um die Jahrhundertwende am Rheinbogen ein vier Morgen großes Areal und beauftragten den Düsseldorfer Architekten Wilhelm Sültenfuß mit dem Bau eines neuen Pflegehauses. Das zweigeschossige Gebäude an der Rheinallee verfügte über 30 Betten und wurde am 1. Oktober 1902 feierlich seiner Bestimmung übergeben. Viel Unmut rief das eigenmächtige Vorgehen der Schwestern hervor, die ohne jede Abstimmung mit staatlichen und kirchlichen Stellen in dem Neubau anstelle des projektierten Invalidenhauses ein nicht genehmigtes Krankenhaus zur Aufnahme „innerlich und äußerlich Kranke (einschließlich gynäcologisch Erkrankte) ohne Unterschied des Geschlechtes und des Bekenntnisses“ einrichteten.

Die Verstimmung war bald vergessen, zumal das Krankenhaus sich schnell etablierte und bis zum Jahre 1910 in zwei Bauabschnitten auf 200 Betten erweitert werden konnte. Wurden 1903 noch 246 Kranke verpflegt, so waren es 1907 bereits 755 Patienten; 1913 stieg die Zahl auf 1680. Den wachsenden Bedarf an Pflegefachkräften deckte eine der Anstalt 1907 angegliederte Krankenpflegeschule. 1911 war die neugotische Krankenhauskapelle fertiggestellt.

Nach Ausgliederung der stationären Krankenpflege war die Tätigkeit der Dominikanerinnen im Josephshaus auf ambulante Krankenpflege, Leitung der Kinderbewahrschulen in Heerdt, Niederkassel und Oberkassel sowie der Handarbeits- und Haushaltsschule und die Pflege von Invaliden, Pensionären und weiblichen Fürsorgezöglingen beschränkt.

Erziehungshaus eröffnet ebenfalls unter dem Namen St. Josephshaus

Da die Aufnahmekapazität für nicht schulpflichtige Fürsorgekinder bald erschöpft war, unterzeichnete die Arenberger Generaloberin Cherubine Willimann 1908 einen Kontrakt zur Übernahme eines gerade in Bau befindlichen kommunalen Fürsorge- und Waisenhauses an der Pariser Straße. Die neue Niederlassung der Dominikanerinnen wurde 1909 als Erziehungshaus eröffnet und nahm schon bald ebenfalls den Namen St. Josephshaus an. Neben der Unterbringung von Waisenkindern und Aufnahme schulentlassener Mädchen zur hauswirtschaftlichen Unterrichtung diente die Anstalt vornehmlich als „Sammelstation katholischer Fürsorgezöglinge“.

„Es handelt sich um arme, bedauernswerte Geschöpfe“

Vom „Leben und Wirken“ der Jugendhilfeeinrichtung wird 1914 berichtet: „Wir treffen dort Kinder beiderlei Geschlechtes in allen Altersstufen bis zu den ‘Kriechlingen’ und Säuglingen hinab. Es handelt sich um arme, bedauernswerte Geschöpfe, die in der Familie nicht bloß des fürsorglichen Elternschutzes entbehren mußten, sondern infolge Kriminalität der eigenen Eltern vielfach schon verwahrlost oder doch in größter Gefahr waren, auf die abschüssige Bahn zu geraten. Die Behörden haben sie durch einen weisen Überweisungsdienst ausfindig gemacht und der Anstalt zugeführt, um sie so dem verderblichen Milieu zu entreißen und zu brauchbaren Menschen erziehen zu lassen. ... Erfahrungsgemäß würden fast 90 % keine Pflegeeltern finden, wenn nicht in den Sammelbecken zuvor die reinigende Hand das von Schmutz und Ungeziefer strotzende Kind in einen annehmbaren Zustand versetzt und der gesundheitliche Status desselben durch ärztliche Bemühung gehoben worden wäre. Daraus erhellt schon die große Bedeutung unserer Sammelstationen, in denen durch eine planmäßige Jugendfürsorge dieser Art dem Staate jährlich zahlreiches Menschenmaterial erhalten bleibt, das ihm sonst unfehlbar verloren ginge“.

Die Dominikanerinnen überstanden zwei Weltkriege

Die Dominikanerinnen überstanden mit ihren Einrichtungen in Heerdt alle Stürme der Zeit: Den Ersten Weltkrieg (Lazarett), die belgische Besatzung (Beschlagnahme, Einquartierung), die Inflation (finanzieller Ruin), den Nationalsozialismus (Repressalien) und den Zweiten Weltkrieg (Schwere Zerstörungen). Der Neuanfang 1945 war alles andere als leicht. Zu einer Zeit als noch niemand wusste, ob Düsseldorf jemals wieder aufgebaut werden würde, waren in Heerdt der Krankenhausbetrieb und die Jugendfürsorge bereits wieder hergestellt. Das Krankenhaus am Rheinbogen wurde 1972 durch den heute noch bestehenden Neubau ersetzt. Gegen einen Sturm der Zeit waren die Dominikanerinnen allerdings machtlos: Den Nachwuchsmangel. Als die Zahl der arbeitsfähigen Schwestern immer mehr abnahm, musste sich der Orden zu Beginn der 1980er Jahre zunächst vom Jugendhaus an der Pariser Straße, dann vom Altenheim in Alt-Heerdt (heute CBT-Wohnhaus) trennen.

Der Orden verkaufte das Krankenhaus 2013

2013 verließen die letzten Dominikanerinnen das Krankenhaus. Drei Jahre später verkaufte der Orden das Haus an die Schön Kliniken. Die Dominikanerinnen sind heute fort, in Heerdt aber sicherlich nicht vergessen.

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