Tod

Düsseldorfer Musik- und Kunstszene trauert um Richard Gleim

Richard Gleim bei seiner Ausstellung „Menschen in der Stadt“.

Richard Gleim bei seiner Ausstellung „Menschen in der Stadt“.

Foto: Pamela Broszat

Düsseldorf.  Populär sind seine Fotos aus dem Ratinger Hof der frühen 1980er Jahre. Unter dem Künstlername ar/gee war der Düsseldorfer bekannt.

Unverwechselbare Kennzeichen von Richard Gleim? Das waren der rote Schal um den Hals, die Kamera, festgewachsen am Handgelenk und die so flinken, blauen Augen, mit denen er das Weltgeschehen betrachtete. Mal freundlich, mal skeptisch, je nach Stimmungslage der Nation. Jetzt ist der Chronist mit 78 Jahren in Pempelfort gestorben.

„Du darfst nicht schreiben, dass ich Fotograf bin“

Noch im März war er bei der Buchpräsentation „Geschichte wird gemacht“ in der Kunsthalle anwesend. Es sind seine Fotos, die dem Band Authentizität geben, das geschriebenen Wort rahmen. Gewohnt kritisch äußerte er sich zu dem Prozedere der Veranstaltung „Ich wollte mehr mit den Menschen sprechen und nicht irgendwo rumsitzen“ rumpelte er. Und wie immer war er sehr bescheiden, was sein Werk anging. „Du darfst nicht schreiben, dass ich Fotograf bin. Das bin ich nicht“, betonte er streng, jedesmal wenn ein Interview anstand.

„Ich bin von Haus aus Jazzer“

Richard Gleim definierte sich als Chronist. Populär sind seine Fotos aus dem Ratinger Hof der frühen 1980er Jahre. Damals, als die Toten Hosen noch ZK hießen. Eine großartige Fotoausstellung im PostPost bezeugte seine Hingabe ans Sujet. Er war ein Mittdreißiger als er den Punk für entdeckte. „Ich bin von Haus aus Jazzer,“ pflegte der Klarinettenspieler zu sagen, „daher habe ich die Verbindung zum Punk.“

Die Pflanzen am Wegesrand

Nachdem er seine Schullaufbahn am Max-Planck-Gymnasium beendet hatte, machte er eine Kaufmännische und eine Gärtnerlehre. Wichtiger als seine Schnappschüsse von einem blutjungen Campino waren ihm seine Aufnahmen von den Pflanzen am Wegesrand. Von den zarten, aber entschlossenen Gewächsen, die sich in Rinnsteinen, Industriebrachen und Wegesrändern ihren Lebensraum zurückholen, war er beeindruckt. Ihnen galt sein uneingeschränkter liebevoller Blick. Auch der Balkon seines Appartements glich einem Biotop.

Manchmal kränkte es ihn, dass seine so wunderbaren Fotostrecken von den wilden Konzerten in der Freizeitstätte Garath oder dem Neusser Okie Dokie so viel mehr Beachtung fanden als seine Aufnahmen von den Pflanzen. Auf seinem Facebook-Account postete er lange seine Düsseldorfer Ansichten.

Gleim führte den Künstlernamen ar/gee

Richard Gleim hat sein Leben als spannend erlebt. Gern erzählte er von der Zeit, als er als Jugendlicher mit ein paar Kumpeln spontan an die Côte d’ Azur in Südfrankreich fuhr, um dort als Straßenmusiker ein ebenso freies, wie ereignisreiches Leben (inklusive spektakulärer Damenbekanntschaften) zu führen. Diese Erlebnisse haben ihn bis zuletzt erfreut. Richard Gleim, der den Künstlernamen ar/gee führte, hat sein ruppiges Leben geschätzt. Stolz hat es ihn gemacht, dass er als Rentner den finanziellen Niedergang seiner Agentur während der 1990er Jahre durch einen späten Erfolg mit seinen Bildbänden und Fotoausstellungen wieder wett machen konnte. Mehrere Wochen lang zeigte die Buchhandlung BiBaBuZe seine thematisch gestaffelten Fotos - in Gleim’scher Hängung. Das bedeutete, das er seine auf Museumspapier entwickelten Bilder mit Wäscheklammern an einer Schnur befestigte. Einfach so, zack, zack. Pragmatisch sein. Lösungen finden. Fertig sein, das galt für Richard Gleim.

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