Zirkus

Zirkus-Senior Georg Frank (75) hält die Sippe zusammen

Georg Frank, der Senior-Chef vom „Circus Paul Busch“, vor seinem Wohnwagen auf dem Staufenplatz in Düsseldorf.

Georg Frank, der Senior-Chef vom „Circus Paul Busch“, vor seinem Wohnwagen auf dem Staufenplatz in Düsseldorf.

Foto: Götz Middeldorf

Düsseldorf.  Georg Frank (75) ist als Senior-Chef vom „Circus Paul Busch“ eine Zirkus_Legende. Er wurde im Zirkus-Wagen geboren, hat 18 Enkel und 16 Ur-Enkel.

Er ist 75 Jahre alt, hat sich aus dem Tagesgeschäft verabschiedet. Doch ohne Zirkus leben? „Das geht nicht“, lacht Georg Frank, der Senior-Chef des „Circus Paul Busch“. Das Familien-Unternehmen mit 30 Personen gastiert noch bis Montag auf dem Staufenplatz, hat täglich zwei Vorstellungen. „Da bin ich immer im Zelt“, sagt Georg Frank. In seiner roten Frack-Uniform macht der alte Herr dann richtig was her. Er begrüßt vor Beginn die Besucher, zeigt ihnen die Plätze, sagt im Programm auch immer eine Nummer an.

„Ich muss raus“, sagt Georg Frank

Der Zirkus-Senior macht es, weil es ihm Spaß macht. „Meine Kinder sagen, ich müsse das nicht tun, soll es mir im Wagen gemütlich machen“, erzählt Georg Frank. „Doch das kann ich nicht. Ich muss raus.“ Irgendwie verständlich. Denn Georg Frank hat sein ganze Leben lang Zirkus-Luft geschnuppert. Eine feste Wohnung hat er nie gehabt. Und: Geboren wurde er im Zirkus-Wagen. „Das war im Dezember 1943 in Mecklenburg-Vorpommern“, erzählt er. „Es gab Bombenangriffe, die Wagen meiner Eltern und Großeltern waren in einem Wald versteckt. Da wurde ich geboren...“

Georg Frank hat in seinem Leben viel gemacht. Er war ein Allround-Talent. Wie es richtige Zirkus-Menschen eben sein müssen. Georg Frank war unter anderem Kunstreiter, Clown, auch Posaunist. Sein Instrument steht immer noch in seinem Wohnwagen. Manchmal holt er es raus und spielt. Noten? Hat er nie gelernt. „Ich habe ein Stück ein paar Mal gehört und dann einfach nachgespielt.“ Es hat geklappt.

Warum er im Winter als Puppenspieler unterwegs war

Auch als Puppenspieler hat der Zirkus-Mann gearbeitet. Das war in den 70er und 80er Jahren, als Zirkusse noch Winterpausen machten. „Ich musste ja irgendwie meine Familie und die Tiere über den Winter bringen“, sagt Georg Frank, für den Betteln mit Tieren in Fußgängerzonen nie ein Thema gewesen ist. Ehrliche Leute, ehrliche Arbeit. Das war stets sein Motto. Heute gibt es keine Pausen mehr im Winter. Zirkusse spielen meist durch, lassen sich zu Weihnachten besondere Angebote einfallen.

Aus dem laufenden Geschäft zog er sich nach und nach zurück

Vor ein paar Jahren hat er sich nach und nach aus dem laufenden Geschäft rausgezogen. Sein Sohn Henry (45), eins von sechs Kindern, hat heute das Sagen im Zirkus. Da mischt sich der Senior nicht ein. „Die jungen Leute machen das schon ganz gut“, sagt er lachend. Das sich das Zirkus-Geschäft dabei laufend verändert, weiß er. Es nervt ihn nicht, wenn im „Circus Paul Busch“ keine traditionelle Zirkus-Musik mehr gespielt wird, sondern schnelle, poppige Lieder aus der Hitparade, wenn sein Enkel in der Manege mehr Comedian ist als traditioneller Clown, wenn es statt einfachen Strahler regelrechte Licht-Shows gibt. „Auch wir vom Zirkus müssen mit der Zeit gehen“, sagt Georg Frank. Da akzeptiert er, dass Zirkus heute auch manchmal Disco ist. Neben seinen Söhnen mischen auch Georg Franks Enkel beim Programm mit: „Und die machen es richtig gut.“

Sechs Kinder, 18 Enkel, 16 Ur-Enkel

Familie, das ist für Georg Frank das Wichtigste überhaupt. Er hat fünf Söhne und eine Tochter, 18 Enkel und 16 Ur-Enkel. Sie alle lieben ihren Opi, besuchen ihn oft im Wagen oder holen sich den ein oder anderen Tipp. Aber Georg Frank muss den Clan auch zusammen halten. Auch wenn das Verhältnis innerhalb der riesigen Zirkus-Sippe normalerweise ausgezeichnet ist und alle wie Pech und Schwefel zusammen halten, so gibt es wie in anderen Familien auch mal Knatsch. „Das ist doch normal, wenn man so eng zusammen lebt“, sagt Georg Frank. Dann ist das Familien-Oberhaupt gefragt, dann muss er Frieden stiften. Das macht er gerne.

Nach 53 Ehe-Jahren starb seine Frau

Auch wenn er immer noch traurig ist: Am 10. Oktober 2014 ist während des Gastspiels in Wesel seine Frau Isolde gestorben. Bei ihm im Wagen. Sie hatte die Lungenkrankheit COPD. „Bis zuletzt habe ich mich um meine kranke Frau gekümmert“, sagt er. 53 Jahre waren er und Isolde verheiratet. Sie hat als Bodenakrobatin gearbeitet. Sie war 23 Jahre, er 19, als sie sich kennen und lieben lernten. Georg vermisst seine Frau, von der Bilder zur Erinnerung in seinem Wagen hängen. „Wissen Sie“, erzählt er leise, „man kann noch so viele Kinder und Enkel haben, aber abends und nachts ist man dann doch alleine...“

Was ihn dann aber wieder freut: Im Zirkus wird letztlich niemand alleine gelassen. „Auch wer krank ist, wird mitgenommen, ist immer dabei. Abgeschoben wird hier keiner.“

Und so ist es wahrscheinlich, dass Georg Frank, der im Zirkus-Wagen geboren wurde, auch seinen letzten Atemzug in seinem Zirkus tun wird. Inmitten der bunten Glitzerwelt, die er doch so sehr liebt.

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