Sexualität

Aufklärung familiär: „Sex ist wie Brokkoli nur anders“

Sexualtherapeut Carsten Müller aus Duisburg, möchte, dass Eltern sich mit ihren Kindern ganz unbefangen auch über Sex unterhalten können.

Sexualtherapeut Carsten Müller aus Duisburg, möchte, dass Eltern sich mit ihren Kindern ganz unbefangen auch über Sex unterhalten können.

Foto: Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Carsten Müller betreibt eine Praxis für Sexualtherapie in Duisburg. Nun hat er ein Aufklärungsbuch für Familien geschrieben. Das steht drin.

Die Praxis, die Sexualtherapeut Carsten Müller in Duisburg-Homberg betreibt, liegt etwas versteckt in einem Gewerbegebiet. Im Erdgeschoss geht‘s zum „Planet Liebe“, im oberen Stock finden Beratungsgespräche und Seminare statt. Der gelernte Sozialpädagoge hat früh erkannt, dass es vielen Erwachsenen schwer fällt, Kinder und Jugendliche aufzuklären, aber auch mit dem Partner über geheime Wünsche zu sprechen. Also hat er, zusammen mit Sarah Siegl, ein Buch geschrieben: „Sex ist wie Brokkoli nur anders.“ Ein Gespräch über Gemüse, verdruckstes „Wir müssen reden“ und die Bedeutung von Sex im Alltag.

Was hat Sex eigentlich mit Brokkoli zu tun?

Gar nichts, ursprünglich sollte statt Brokkoli auch Blumenkohl in den Titel, aber das Wort kennt man in Österreich nicht. Deshalb ist es Brokkoli geworden. Der Hintergrund war, dass wir ganz unbefangen über Gemüse reden. Das fällt vielen bei Sex-Themen schwer. Das Buch soll deshalb ein Angebot sein, sprachfähig zu werden. Das gilt nicht nur für Aufklärungsgespräche im klassischen Sinne.

Man kennt das von Eltern, die mit ihrem Nachwuchs über „Pipimann, Mumu“ oder den „Schmetterling“ reden: Was sind denn aus Ihrer Sicht kindgerechte Umschreibungen für Vagina und Penis?

Den Kindern ist egal, wie die Geschlechtsteile genannt werden, weil sie noch nichts damit verbinden. Also Vulva und Penis. Es sind die Erfahrungen der Erwachsenen, die es kompliziert machen. Wir haben das Buch extra in einen Part für Kinder, Jugendliche und Erwachsene unterteilt.

Wann sollte man anfangen, mit Kindern über solche Themen zu sprechen?

Wenn die Jungen und Mädchen zum Beispiel im Kindergarten bei anderen körperlichen Merkmale wahrnehmen oder auch bei den Eltern, dann kann man das aufgreifen. Ein Satz wie „Guck mal, Papa hat da ja Haare“ ist ein gutes Beispiel. Diese kindliche Neugier ist ganz normal, sie wollen wissen, ob sie so sind wie andere – das schließt auch den Intimbereich mit ein.

Man könnte meinen, dass es der heutigen Elterngeneration leichter fällt über Sex zu sprechen.

Das nehme ich anders wahr, bei vielen herrscht eine gewisse Sprachlosigkeit. Das Buch soll auch nicht dazu animieren, auf Teufel komm raus Aufklärungsgespräche zu führen. Es soll dazu dienen, den Kindern zu signalisieren: Ihr könnt mit uns über alles reden. Das ist doch besser als wenn die Kinder im Internet irgendwann auf einschlägige Seiten stoßen. Googlen Sie mal „süße Möpse“ - Sie werden wenige Hunde finden. Ich möchte in dem Buch die warme Seite von Sexualität beleuchten. Im Internet findet man viele krasse Bilder. Ich rate Eltern deshalb, die Mediennutzung des Kindes zu begleiten.

Hand aufs Herz: Wie sind Sie aufgeklärt worden?

Eigentlich gar nicht oder so wie das damals eben war: durch die Bravo.

Heute werden die Kinder und Jugendlichen schon viel früher mit nackter Haut oder einschlägigen Videos konfrontiert.

Das stimmt, aber statistisch gesehen führt das nicht dazu, dass sie auch früher das erste Mal Sex haben. Die Pubertät bietet übrigens eine große Chance für Eltern, die Beziehung zu den Kindern zu vertiefen. So paradox das klingt – das gelingt am ehesten durch loslassen.

Die Praxis von Carsten Müller und seiner Kollegin Jennifer Bockhoff sieht aus wie ein Loft. Hier schulen sie sowohl Lehrer, Erzieherinnen, Mitarbeiter von Jugendämtern oder Priester. Auch Paare und Einzelpersonen werden beraten. Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Früher hatten sie eine Praxis in Essen und waren im gleichen Gebäude untergebracht wie ein Escape-Room. Wenn am Wochenende die Junggesellenabschiede kamen, wurden bevorzugt Fotos vom Praxis-Schild gemacht. Carsten Müller hat inzwischen jeden Witz über seinen Job schon einmal gehört und bevorzugt einen offenen Umgang – auch um Gerüchten vorzubeugen. Die folgende Frage beantwortet er deshalb mit einem müden Lächeln.

Um mal mit einem Vorurteil aufzuräumen: Orgien gibt’s hier keine, oder?

Nein. Aber es ist ganz interessant, wie die Reaktionen sind. Als wir unsere Büros aus Krefeld und Essen zusammenlegen wollten und Räume gesucht haben, gab’s ziemlich viele Absagen. Wir wollen aber transparent mit dem Thema umgehen. In Homberg sind wir sehr nett aufgenommen worden und engagieren uns jetzt auch im Werbering.

Sie waren neulich sogar in der „Heute“-Show zu Gast.

Es wird von so genannten Experten viel gesprochen, auch über Sex. Da nutze ich lieber selbst die Gelegenheit. Wir wollen über unsere Arbeit erzählen, weil wir fachlich etwas zu sagen haben und dann natürlich auch in der Öffentlichkeit.

Wie ist es bei Privatleuten, die sich beraten lassen - kommen die eher alleine oder als Paar?

Unterschiedlich. Einige Paare kommen zu uns und sagen, dass mit der Partnerschaft alles stimmt, es aber im Bett nicht läuft oder umgekehrt. Beides kann man aber nicht voneinander trennen. Am Anfang ist alles rosarot und man kommt aus dem Bett nicht mehr raus. Aber danach muss man über seine Wünsche sprechen und auch mal einen Termin machen – nicht um Sex miteinander zu haben, sondern um sich Zeit als Paar zu nehmen. Alltag ist ein Arschloch.

Carsten Müller weiß, dass die jetzige Zeit für viele Beziehungen eine Herausforderung ist und befürchtet, dass Corona bei dem einen oder anderen dazu führen könnte, dass die Sicherungen durchbrennen. Nicht umsonst bekommen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge besonders viele Anrufe.

Ist Corona für Paare vergleichbar mit einem verlängerten Weihnachtsfest, bei dem die Familie aufeinanderhockt?

Der Druck ist eher größer als an Weihnachten. Neben der Situation, dass man sich ständig sieht kommen bei dem einen oder anderen auch noch finanzielle Sorgen hinzu oder die Frage, wie es weiter geht. Experten gehen davon aus, dass es in solchen Zeiten vermehrt zu Gewalt in Familien kommen kann – ganz gleich, ob in physischer, psychischer oder sexualisierter Form.

Und bei den anderen gibt’s in neun Monaten Nachwuchs?

Für andere ist die Phase vielleicht eine Chance, sich wieder mehr miteinander zu beschäftigen und nicht nur nebeneinander her zu leben.

Wenn man sich den ganzen Tag mit dem Thema Sex auseinandersetzt – hat man da zu Hause eigentlich noch Lust?

Klar, das kann ich gut trennen. Das ist wie bei einem Koch, der stellt sich ja auch zu Hause an den Herd. Funktioniert auch noch alles – ich habe zwei Kinder.

>>> Weitere Informationen

Das Buch „Sex ist wie Brokkoli nur anders – Ein Aufklärungsbuch für die ganze Familie“ ist im EMF-Verlag erschienen. Im Internet gibt‘s auf der Seite www.praxis-sexualitaet.de eine Übersicht über die verschiedenen Seminarangebote von Carsten Müller und Jennifer Bockhoff.

Sexualtherapie ist eine Privatleistung. 120 Euro kostet die Beratung pro Stunde. „Einige wollen auch gar nicht, dass das über die Kasse abgerechnet wird“, weiß Carsten Müller.

Alle Infos zum „WAZ am Sonntag“-Angebot finden Sie hier

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