Gesichter und Geschichten

Der Querdenker von der Rheinhauser CDU

Ferdi Seidelt beim Hausbesuch mit Krupp-Betriebsratschef Manfred Bruckschen, mit dem ihn eine lange Freundschaft verband. Foto:

Ferdi Seidelt beim Hausbesuch mit Krupp-Betriebsratschef Manfred Bruckschen, mit dem ihn eine lange Freundschaft verband. Foto:

Foto: Frank Augstein/FFS

Rheinhausen.  Seit 40 Jahren sitzt Ferdi Seidelt in der Bezirksvertretung und ist noch länger als Journalist tätig. Der Zufall spielte dabei eine große Rolle.

Ist ein politisches Amt mit einer journalistischen Tätigkeit vereinbar? „Es geht eigentlich gar nicht, dass erste und vierte Gewalt in einer Hand vereint sind“, sagt Ferdi Seidelt. Dem 65-Jährigen ist diese Gratwanderung dennoch 40 Jahre lang gelungen. Natürlich hat der CDU-Mann von SPD und Grünen häufiger den Spruch gehört: „Dass du engagiert über uns schreibst, das geht ja nicht.“ Er selbst sieht das zwar anders und er bemüht sich, er weiß aber auch, dass das mit der Neutralität und der Objektivität so eine Sache ist, die niemand ganz erreichen kann.

Mit seinem Engagement in der Bezirksvertretung, der er seit 40 Jahren angehört, was eine Seltenheit ist, ist er allerdings auf der untersten Stufe der politischen Mitwirkung aktiv. Ambitionen zu höheren Ämtern, was sicherlich möglich gewesen wäre, hatte er nicht. Die personenbezogene Arbeit, nahe an den Menschen, behagt ihm auch am meisten. Ihm war auch nach 32 Semestern klar, dass das eher aus Verlegenheit, denn aus Lust begonnene Lehramtsstudium der Chemie und der Technik nie zum Ziel führen würde. Vor allem aber musste Seidelt seine Familie ernähren und da bot die Arbeit beim Stadtpanorama Sicherheit. Begonnen hatte er das Studium, um einer drohenden Einberufung in die Bundeswehr zu entgehen.

Der älteste von sieben Geschwistern

Allerdings war dem ältesten von sieben Geschwistern weder der Weg in die Politik noch in den Journalismus in die Wiege gelegt. Beides wares eher Zufälle, die mit bestimmten Personen verbunden sind.

Aufgewachsen ist er in einfachsten Verhältnissen, sein Vater war Landwirt in Schlesien und heuerte nach der Flucht bei Krupp als Zimmermann an. Seine Eltern waren als gläubige Katholiken in der KAB aktiv, legten zwar Wert darauf, dass ihre Kinder der Gesellschaft etwas zurückgeben, aber nicht womit.

Der linke Zeitgeist von 68 hatte irgendwann die benachbarten Gymnasien Krupp und Heine erreicht, aber der junge Ferdi sah sich schon damals als Querdenker und widerstand der Verlockung des Mainstreams. Mit kreisender Lambrusco-Flasche am wärmenden Lagerfeuer, mit schmissigen Liedern und den womöglich attraktiveren Frauen, die er mit Wort und Tat hätte beeindrucken können, war die Anziehungskraft der Jusos groß.

Mit dem Moped auf Infotour zu den Parteien

„Ich wollte mich aber neutral informieren und bin mit meinem Moped zu den Zentralen der Jugendorganisationen gefahren“, erinnert er sich. In der SPD-Baracke in Bonn drückte ihm die spätere Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul für fünf Mark eine Kassette mit dem Solidaritätslied für Allendes Chile („Venceremos“) in die Hand. Der Besuch bei der CDU schien eher eine Pflicht, hielt er den Krawatten tragenden Altherrenverein für ein friedensbewegtes Arbeiterkind wie ihn für denkbar ungeeignet. Doch er erhielt eine Schrift des späteren Verkehrsministers Matthias Wissmann über den dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Die las er und war begeistert. So bezeichnet sich Seidelt als „Herz-Jesu-Marxisten“, der sich mit Heiner Geißler, Rita Süssmuth und Norbert Blüm identifiziert.

Gespräche an der Nebentheke ion Haus Waldborn

In die Partei gelockt hat ihn dann mit zahlreichen Tresengesprächen endgültig Hans Partenheimer. Der junge Ferdinand, der mit 18 eine eigene Wohnung bezog, hatte damals in Haus Waldborn zunächst als Spüljunge angefangen und dann für die Schluckspechte an der Nebentheke auch Bier gezapft. „Sei der kritische Stachel im Fleisch“, war dann sein Leitgedanke. Mit seinen Mitstreitern ging er Politik eher von der praktischen Seite an: Sie organisierten Ausflüge, machten den Busch sauber und sammelten Glas, das sie mit dem Trekker zur Schmelze fuhren und für einen sozialen Zweck verkauften. Das sprach sich rum und hätte der Beginn einer Laufbahn sein können. Vielleicht hatte ihn seine Kindheit zu einem geselligen Außenseiter gemacht. Seine Schullaufbahn war eher „eine wilde Geschichte“ mit streberhaftem Aufstieg zum Musterschüler in Mathe und Latein bis zum jähen Absturz, Ehrenrunde und Schulwechsel inklusive, der gerade noch einmal gut gegangen ist. Damit der Junge in Ruhe lernen konnte, schickten die Eltern den Zehnjährigen zur Tante nach Bad Gandersheim. Drei Jahre lebte er am Rande des Harzes, heulte vor Heimweh nachts das Kissen voll. „Ein Fußballbüchlein und eine Transistorradio, das war meine Welt“, erinnert er sich an die schwere Zeit. In Rheinhausen hatte er gerade in den Fußballclub gewollt und im Norden durfte er dann auch nicht im Verein kicken, weil ja noch nicht klar war, wie lange er dort bleiben würde.

Es war der Lokaljournalist Wolfhard Schirrmacher, der den Pennäler dann für die Zeitung gewann. Seidelt wollte nur eine Pressemitteilung für die Kolpingsfamilie abgeben. Da fragte ihn der Redakteur, ob er nicht schreiben wollte, das ist jetzt auch über 45 Jahre her.

Und eine Krawatte trägt Seidelt, der gerne zum Heavy-Metal-Festival nach Wacken fährt, bei der passenden Gelegenheit inzwischen auch.

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