Dellgrün

Duisburg: Graffiti-Protest gegen Hochfelder Neubaugebiet

Das Neubaugebiet Dellgrün in Duisburg sehen die einen als bezahlbaren Wohnraum für Familien, die anderen kritisieren es als Reichenviertel.

Das Neubaugebiet Dellgrün in Duisburg sehen die einen als bezahlbaren Wohnraum für Familien, die anderen kritisieren es als Reichenviertel.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Duisburg-Hochfeld.  Gentrifizierungsgegner protestieren mit Graffiti gegen das Hochfelder Neubaugebiet Dellgrün. Befürworter sehen es als Chance für den Stadtteil.

Das Neubaugebiet „Dellgrün“ am Böninger Park kommt nicht bei jedem gut an: „Gentrifizierung? Am Arsch!!!“ und „Fuck The Rich“ haben Unbekannte auf die neuen Garagen gesprayt. Verständnislosigkeit herrscht einhellig bei Anwohnern und Nachbarn – doch außerhalb der frisch verputzten Reihenhäuser sorgen sich manche um die Auswirkungen der Häuser auf Hochfeld und das Dellviertel.

Seit Dezember 2016 laufen die Baumaßnahmen der Aachener Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft auf dem ehemaligen Gelände der Wirtschaftsbetriebe. 45 Häuser – 14 Doppelhaushälften sowie 31 Reihenhäuser – sind verkauft. „Zwischen 295.000 und 390.000 Euro kosten die Häuser“, berichtet Kira Limbrock, Sprecherin des Bauträgers. Viele sind bezogen, manche bezugsfertig oder kurz davor.

Zurzeit entstehen im Dellgrün 15 neue Eigentumswohnungen. Je nach Größe variieren die Preise der Wohnungen – etwa 180.000 Euro für 60 Quadratmeter. „Aus einer brachliegenden Fläche ist bezahlbarer Wohnraum für junge Familien entstanden“, sagt Limbrock.

Angst vor Gentrifizierung von Duisburg-Hochfeld – warum?

Ein Reihenhausbewohner, der nicht genannt werden möchte, sieht es genauso: „Das hier ist kein Reichenviertel. Es ist für junge Familien gedacht, und genau die wohnen auch hier“, sagt er. Der Mann zog 2019 ins neue Quartier. Er könne sowohl die Schmierereien als auch die Angst vor Gentrifizierung nicht verstehen: „Das ist für mich nicht nachvollziehbar – es ist doch bezahlbarer Wohnraum“.

Der Bauträger verweist ebenfalls auf unberechtigte Sorgen wegen möglicher Gentrifizierung: „Viele Käufer kommen direkt aus dem Stadtteil. Durch einen Umzug wird eine Mietwohnung wieder frei“, sagt Limbrock. Durch neuen Wohnraum verdränge man keine alteingesessene Bevölkerung, so die Sprecherin.

Indes vermeidet es der 60-jährige Dellgrün-Bewohner, durch Hochfeld zu gehen. „Die Alkoholiker-Szene im Böninger Park habe ich unterschätzt. Hier ist oft nachts Radau“, meint er. blickt er auf den Zugang vom Park ins Dellgrün, der noch gebaut werden soll: „Wer weiß, was dann passiert.“

Neubaugebiet könnte neue Geschäfte nach Duisburg-Hochfeld bringen

Nachbarn auf der Johanniterstraße sehen im Neubaugebiet eine Chance fürs Viertel: „Es ist doch gut möglich, dass dadurch neue Geschäfte hier eröffnen oder ein anderes Klientel in die Nähe zieht“, hofft Jesica Gomez. Möglicherweise wäre es auch nicht mehr so dreckig rund um den Böninger Park, wenn finanzkräftigere Menschen hier wohnen würden, vermutet Gomez.

Helmut Reckermann wohnt ebenfalls auf der Johanniterstraße – seit mittlerweile mehr als 50 Jahren. Der 79-Jährige urteilt: „Das ist Masse statt Klasse.“ Ihm graut’s jetzt schon vor der Zeit, wenn ein paar Meter hinter seinem Balkon die Häuser für die Eigentumswohnungen gebaut werden. Um das Viertel aufzuwerten, hätte er sich Einfamilienhäuser gewünscht.

Anwohner in Hochfeld haben Angst vor steigenden Mieten

Auf der anderen Seite des Neubaugebiets, auf der Musfeldstraße, wirken die Nachbarn indes etwas eingeschüchtert angesichts der neuen Immobilien: „Was ist, wenn unser Vermieter nur saniert, damit er die Wohnung anschließend teurer vermieten kann?“, fragt sich ein Anwohner, der nicht genannt werden möchte. „Wenn hier alles so schickimicki wird, kann ich mir die Wohnung nicht mehr leisten“, meint der Mann.

Eine Nachbarin stellt klar, „dass solche Schmierereien gar nicht gehen. Aber wir müssen auch gucken, wo wir bleiben – ich weiß nicht, ob so ein Quartier hier überhaupt her passt“, zweifelt die langjährige Hochfelderin an.

EG DU und Stadtteilmanager: Dellgrün ist eine Chance für Hochfeld

Die Bedenken der Musfelder Anwohner räumt die EG DU aus, die benachteiligte Stadtteile stabilisieren will: „Durch Projekte wie Dellgrün wird kein Kapital in den bisherigen Bestand investiert, um diesen dann an zahlungskräftige Neubürger zu vermieten“, ist sich EG-DU-Geschäftsführer Carsten Tum sicher. Ganz im Gegenteil: „Derartige Investitionen in Maßen könnten dem Stadtteil sogar helfen.“

Hochfelds Stadtteilmanager, Reinhard Schmidt, sieht ebenfalls Vorteile und Chancen durch Dellgrün: „Es könnte eine bessere soziale Mischung in Hochfeld geben. Jede Investition in den Neubau stärkt die Perspektiven und Zukunftsaussichten der Menschen vor Ort.“ Dazu bräuchte es Anlagen in Immobilien und Bürger, die sich mit dem Stadtteil identifizieren und sich ums Zusammenleben kümmern, so Schmidt. Zukünftig hofft der Stadtteilmanager darauf, dass mit den geplanten Neubaugebieten Rheinort, der Fläche der Theisen-Kabelwerke und engagierter Bürgerbeteiligung das Potenzial Hochfelds mehr zur Geltung kommen kann.

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