Sport am Niederrhein

Handball: Ostfriese ließ einst den OSC Rheinhausen jubeln

So sah die Mannschaft des OSC Rheinhausen in der Aufstiegssaison zur Handball-Bundesliga 1993 aus. 

So sah die Mannschaft des OSC Rheinhausen in der Aufstiegssaison zur Handball-Bundesliga 1993 aus. 

Foto: FFS

Am Niederrhein.  In einer Serie blicken wir auf Erfolge und Kuriositäten im Sport am Niederrhein. Den Anfang macht der OSC Rheinhausen in der Handball-Bundesliga.

Sie nannten ihn nur „Schorti“. Dabei war Handballer Olaf Hansen keineswegs klein, wie man in der englischen Auslegung des Spitznamens vermuten könnte, sondern eher kräftig. Der Rückraumwerfer stammte aus dem friesischen Schortens. Daher der Spitzname. Der kühle Blonde mit der Rückennummer 2 wird auf ewig einer der Aufstiegshelden in der Historie des OSC Rheinhausen sein. Seine beiden Treffer im Heimspiel gegen den Dessauer SV, mehr Verzweiflungskeulen als Schmuckstücke, sorgten in den finalen zwei Spielminuten der Saison 1992/93 für die Rheinhauser Rückkehr in die Bundesliga – 14 Jahre nach dem Abstieg.

Glücksgefühl in der Rheinhauser Hüttenkrise

Das Herzschlagfinale am 3. April 1993, ein Samstagabend, war an Spannung kaum zu überbieten. Den OSC und den zweitplatzierten HSV Suhl trennten vor dem letzten Gefecht bei Punktgleichheit genau zwei Tore. Die Thüringer setzten sich gegen die HSG Dutenhofen im Parallelheimspiel mit 23:19 durch und feierten bereits den Aufstieg. Der damalige OSC-Manager Wolfgang Trepper, heute kritischer TV- und Theater-Comedian, bekam alles per Schnurtelefon übermittelt.

Doch in der Rheinhauser Sporthalle an der Krefelder Straße war gegen den Tabellendritten Dessauer SV beim Stande von 22:20 noch nicht Schluss. Olaf Hansen mit zwei Verzweiflungswürfen und Daniel Stephans Treffer aus der Mittelposition zum 25:20-Endstand sorgten für Ekstase unter den 2200 Zuschauern in der proppevollen Halle.

„Es war einer der schönsten Momente meiner Laufbahn, selten kommen die Glücksgefühle so zusammen“, erinnert sich Torhüter Bülent Aksen, „und dies auch vor dem Hintergrund, dass es Rheinhausen damals schlecht ging. Wenige Monate nach unserem Aufstieg schloss das ehemalige Hüttenwerk und das Tor 1. Wir haben den Menschen damals Freude gemacht.“

Für Daniel Stephan war der Bundesliga-Sprung der Start zur Weltkarriere. „Wer weiß, ob ich es ohne Aufstieg so weit gebracht hätte?“ fragt sich der spätere Welthandballer noch heute. Der damals 19-Jährige lenkte den OSC in die höchste Spielklasse, hatte in Kreisläufer Alexander Rymanow, immerhin Weltmeister und Olympiasieger mit Russland, einen enormen Förderer. „Sascha habe ich unheimlich viel zu verdanken. Wir haben unzählige Extraschichten im Training gefahren. Das hat sich für mich später doppelt und dreifach ausgezahlt.“

Wolfgang Trepper: Live-Show im Schmidt-Theater

Daniel Stephan wechselte nach einer Bundesliga-Saison mit dem OSC, die in der Saison 1993/94 im sofortigen Wiederabstieg endete, gemeinsam mit Kreisläufer Achim Schürmann, auch heute einer seiner besten Freunde, zum TBV Lemgo. Dort entwickelte sich der Nationalspieler zum Welthandballer.

Über Fernseheinsätze für Eurosport bleibt Stephan seinem Sport verbunden, ist aber auch auf anderen Gebieten unterwegs. Etwa als Vorsitzender des Projekts „OWL zeigt Herz“. Das unterstützt im ostwestfälischen Lemgo, Stephans Wahlheimat, bedürftige Kinder.

„Langeweile kommt bei mir selten auf“, sagt Stephan, der unter anderem noch zu Wolfgang Trepper einen guten Draht und auch schon eine Bühnenshow des markanten Duisburger Gesellschaftskritikers im Hamburger Schmidt-Theater live verfolgt hat.

Zu seiner Manager-Zeit beim OSC gehörte der wortgewandte Trepper zu den lenkenden Kräften des Erfolges. Besorgte Trainer Hans-Joachim Goßow, ein ruhiger, aber exzellenter Analytiker des Handballspiels, jene Verstärkungen, die für das Bundesliga-Ziel vonnöten waren. Etwa Linkshänder Olaf Köppe. Für den schlaksigen Rückraumwerfer fuhr Trepper zweimal mit dem Auto nach Guben – fast bis an die polnische Grenze.

OSC Rheinhausen unter Polizeischutz

Olaf Köppe, der heute am Bodensee wohnt, zahlte den Einsatz in entscheidenden Spielen zurück. Etwa beim 24:23 in Dessau, als der Halbrechte als einer der wenigen die Nerven behielt. Das galt auch für Benno Woite, den damals neuen Eisenbieger aus Cottbus, dessen rechte Klebe nebst Stinkefinger die Dessauer Fans empörte. Nach dem Sieg musste der OSC, weil Biergläser und ein Messer aus dem Publikum flogen, unter Polizeischutz in die Kabine, der Fanklub per schützender Eskorte zum Bus.

Benno Woite blieb eiskalt und ging „jetze, jetze erstma ene rochen“. Daraus entwickelten Bülent Aksen und Achim Schürmann bei der Weihnachtsfeier im nicht mehr existenten Disco-Keller New York den Benno-Rap. Mit Schirmmütze, Sprechgesang und einem 100-Kilo-Rapper in Fahrt. Benno Woite eben.

Jener Abend unter Glitzerkugeln unterstrich den großen Zusammenhalt, der in der Mannschaft herrschte. Egal, ob Abwehrarbeiter Andreas Kottwitz oder Weltmeister Alexander Rymanow, der Drehwürfe aus noch so schlechtem Winkel ins Ziel zauberte oder per Rückhandtreffer von Rechtsaußen beim Sieg in Suhl die Halle verstummen ließ: Die Einheit des damaligen OSC war damals kaum zu brechen.

Trainer Goßow moderiert exzellent

Trainer Hans-Joachim Goßow, heute im Vorstand des Duisburger Stadtsportbundes aktiv, moderierte seine aus vielen verschiedenen Typen zusammengestellte Mannschaft exzellent. Es tat allen Beteiligten durchaus weh, als Goßow nach einer negativen Halbserie in der Bundesliga, vorwiegend auf einem Abstiegsplatz, beurlaubt wurde. Nur ein gutes halbes Jahr, nachdem er von Fans und Mannschaft auf Händen getragen worden war.

Der aus Essen verpflichtete Rumäne Petre Ivanescu, ein strenger, kantiger, bissiger Typ alter Ostblockschule mit Schleiferruf, konnte das Ruder trotz einiger Erfolge auch nicht mehr herumreißen.

„Bei seiner ersten Trainingseinheit wurde mir schwarz vor Augen. Es war wirklich hart. Doch Petre hat auf seine eigene Art die Spieler gekitzelt. Und er war taktisch sehr weit vorn“, erinnert sich Daniel Stephan, „er hat sich immer nach außen vor die Mannschaft gestellt und uns weitergebracht.“ Verdienter Lohn war 1995 der OSC-Wiederaufstieg in die Bundesliga.

Übrigens: Außerhalb des Handballs hat es von der 93er-Aufstiegsmannschaft ausgerechnet der unscheinbare Ersatzspieler Harald Gröger am weitesten gebracht. Der heute 52-jährige Franke ist Professor für Organische Chemie an der Universität in Bielefeld.

Übrigens:
In Zeiten von Corona und brachliegendem Sport wollen wir in einer neuen Serie zurückblicken auf Erfolg und Kuriositäten im Sport am Niederrhein. Den Anfang machen die Rheinhauser OSC-Handballer von 1993. Haben auch Sie, liebe NRZ-Leser, die besondere Erinnerung an ein Sportereignis am Niederrhein? Schreiben Sie uns einfach per Mail. Wir sind für Sie erreichbar unter sport.niederrhein@nrz.de.

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