Spielarten-Festival

Philosophie auf der Rheinhauser Bühne mit Hannah Arendt

„Hannah Arendt auf der Bühne“: Die Philosophin begegnet ihrem jungen Ich - das ihre Bewegungen spiegelt.

„Hannah Arendt auf der Bühne“: Die Philosophin begegnet ihrem jungen Ich - das ihre Bewegungen spiegelt.

Foto: Agora Theater / Agora

Duisburg-Rheinhausen.  Beim Spielarten-Festival im Kom’ma-Theater beweist das Agora-Theater aus Belgien, dass kurzweiliges Kindertheater zu komplexen Themen möglich ist

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Hannah Arendt hat den Begriff von der „Banalität des Bösen“ geprägt, als sie 1961 den Eichmann-Prozess über den Massenmord an den Juden als Berichterstatterin verfolgte. Aber die Gedankenwelt der Philosophin, die in Freiburg bei Heidegger studierte, ist komplex und an ein eigenes Vokabular mit konkreten Bedeutungen gebunden. Leicht verständlich sind Philosophen nicht, was sich schon in diesem geflügelten Wort zeigt.

Kann man Philosophie auf die Bühne bringen, zumal für Kinder ab zehn Jahren? Diese Komplexität erfordert eine mutige Reduzierung, ohne dass es trivial wird, und viel Fingerspitzengefühl auf der Spielseite und Konzentration und Kenntnisse auf der Seite des Publikums. Da kommt es auf die Vorbereitung an. Das Agora Theater, eine Truppe aus dem deutschsprachigen Belgien, bewies beim Spiel-Arten-Festival im Kom’ma-Theater, das es funktioniert, auch wenn bei der Fülle der historischen Bezüge und Symbole einige Schüler überfordert waren. Erschwerend ist, dass auf der Bühne keine durchgehende Geschichte erzählt wird. Aber es ist eine Inszenierung für alle Sinne, es wird gesungen, gespielt, Bilder an die Wand projiziert und mit Masken und Plüschtieren die Phantasie der Zuschauer angeregt. In ihrem Stück „Hannah Arendt auf der Bühne“ folgt die Regisseurin Ania Michaelis einem Kinderbuch. Wie viele Kindertheater hat das Agora-Theater seine Inszenierung in einer Patenklasse erprobt. Die Schüler geben dann ziemlich deutlich zu verstehen, was sie verstehen und was nicht. Michaelis hat auf diese Impulse reagiert und den Text verändert. „Hannah Arendt erlebt gerade ein Revival, weil sie schon damals zu den relevanten Fragen unserer Zeit gedacht hat: zu der Flüchtlingsfrage, zu der Frage Lüge und Politik, was jetzt Fake News heißt. Sie ist die erste, die darüber geschrieben hat“, so Michaelis.

„Ich bin nicht Hannah Arendt“

Ein Prolog zeigt die Schauspieler in einer Aufwärmphase vor dem Spiel: sie machen Lockerungsübungen, nehmen letzte Korrekturen an Maske und Kostüm vor und stimmen ihr Instrument. Da streiten sich plötzlich zwei Akteure. „Heute spiele ich den Wolf“, sagt die eine und heult markerschütternd auf. Sie will den Zuschauern das Fürchten lehren. Ihre Partnerin macht klar, dass sie nicht Hannah Arendt ist, sondern in ihrem Spiel nur versucht, so zu sein wie die Denkerin und führt die Geste vor, wie sie eine Zigarette raucht.

Das Stück setzt ein am 4. Dezember 1975 in New Vork, dem Todestag der Philosophin, die an ihrem letzten Buch „Vom Leben des Geistes“ arbeitet. Sie sitzt im Stuhl und denkt. Da begegnet ihr das eigene junge Ich, das zunächst ihre Bewegungen spiegelt und mit ihr dann einige Grundzüge ihres Denkens ergründet. Gemeinsam sprechen sie über Aristoteles, den Arendt einen Freund nennt, da ihr das Denken dieses antiken Philosophen so nahe liegt. Begriffe wie Polis und Agora fallen, sie sind zentral für die Demokratie. „Agora, das bist du und das bin ich“, singen sie. Es ist ein Ort, an dem man sich dem Urteil des anderen aussetzt und auch über andere urteilt. Ein Ort, frei von Gewalt, Zwang und Herrschaft, das Herz der Demokratie. Der Fuchs verkriecht sich ins Private, hat Agoraphobie.

Der Wolf und das Böse in uns

Der Wolf, der ausgeschlossen werden soll, schleicht sich schließlich doch noch ein und das Unglück nimmt seinen Lauf. Für wen steht dieser Wolf? Ist es das Böse, die dunkle Seite, die in uns allen schlummert, wir aber nicht wahrhaben wollen?, fragt eine Schauspielerin im Publikumsgespräch. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, lautet eine andere Redensart, sie stammt allerdings von Thomas Hobbes.

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