Forschung

Soziologin sagt: „In Marxloh gibt es noch etwas zu retten“

Dr. Glaucia Peres da Silva diskutierte mit Professor Dr. Axel Lorke (beide Universität Duisburg-Essen) bei Pro Duisburg über ihre Forschung.

Dr. Glaucia Peres da Silva diskutierte mit Professor Dr. Axel Lorke (beide Universität Duisburg-Essen) bei Pro Duisburg über ihre Forschung.

Foto: Foto: Frank Oppitz / FUNKE Foto Services

Duisburg.  In einem Lehrforschungsprojekt hat Dr. Glaucia Peres da Silva mit Studierenden Marxloh untersucht. Dabei bekamen sie unerwartete Einblicke.

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Dass Soziologen mit Marxloh unter ihre wissenschaftliche Lupe nehmen, ist nichts besonderes. Dass sie von der Universität Duisburg-Essen kommen, hingegen schon. Die räumliche Distanz zum Forschungsobjekt, in der deutschen Sozialwissenschaft gern gepflegt, hat Dr. Glaucia Peres da Silva aufgegeben. „Ich habe das ohnehin nie verstanden“, sagt die Brasilianerin, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Laurens Lauer für ihr Lehrforschungsprojekt zum Stadtteil im vergangenen Jahr mit dem Preis für Hochschuldidaktische Innovationen in der Lehrpraxis der Hochschule ausgezeichnet wurde.

In Kontakt mit Marxloh kam Peres da Silva, als sie nach ihrer Promotion in Berlin nach Duisburg wechselte, um hier zum Schwerpunkt Transnationale Soziologie zu forschen. Bei der Wohnungssuche und für den Weg zu einem Angebot in Obermarxloh nahm sie die Straßenbahn. „Die Fahrt mit der 901 war eine Entdeckungsreise“, berichtete sie in der Veranstaltungsreihe „Pro Duisburg spricht mit...“ im Gespräch mit dem Physiker Prof. Dr. Axel Lorke.

Forschung über Marxloh: „Es hat mich neugierig gemacht“

„Es hat mich neugierig gemacht“, so die Soziologin, „nachdem ich viel über Marxloh gelesen hatte, war mit klar: Wir müssen da was machen.“ Und die Distanz? „Mit dieser Tradition der deutschen Wissenschaft konnte ich noch nie viel anfangen. Schon in Frankreich ist das anders – dort sind Soziologen Teil der öffentlichen Debatte. Auch in Brasilien ist das so, schon weil die Probleme dort so groß sind.“ Peres da Silva erinnert an Vorbilder in ihrer Disziplin: „Die Chicago-Schule hat bereits in den 1920er Jahren begonnen, sich mit urbanen Räumen zu beschäftigen.“

Außerdem sei es sinnfällig, dass sich Studierende am Uni-Campus Duisburg auch mit der Stadt beschäftigen: „Sie kommen aus der Region und können ihr Wissen einfließen lassen.“

Schwieriger Zugang zu den Brautmodenhändlern

Naheliegend auch, dass sich die Master-Studierenden mit der Geschichte, Gegenwart und der wirtschaftlichen Strahlkraft der so genannten „Hochzeitsmeile“ in Marxloh auseinandersetzten. Und mit der Frage, wie Medienberichte das Bild des längst bundesweit bekannten Multi-Kulti-Stadtteils prägen.

Der Zugang zu den Brautmodenhändlern sei zunächst nicht ganz einfach gewesen für die Studieren, berichtet Glaucia Peres da Silva: „Es war ausnahmsweise keiner dabei, der türkisch spricht.“ Doch auch unerwartete Einblicke habe es gegeben: „Viele haben uns zwischen den Zeilen viele Dinge berichtet, die sie eigentlich nicht sagen wollten.“

Vergleiche mit ähnlichen Quartieren wünschenswert

Die Ergebnisse der Masterarbeiten wolle man nun – obwohl das Lehrforschungsprojekt darauf eigentlich nicht angelegt war – veröffentlichen, kündigt die Soziologin an. Wie geht es weiter? Vergleichende Forschung mit ähnlichen Quartieren wäre schön, sagt Peres da Silva. „Man müsste die Stadtteile einzeln erforschen, aber das wäre eine Riesenprojekt.“ Dem Thema Unordnung würde sie sich gern widmen und der Fragen: „Wie ist die Wahrnehmung von Unordnung in der Nutzung des öffentlichen Raums? Wann führen andere Lebensgewohnheiten zu Konflikten.“

Der Blick der Brasilianerin auf Marxloh ist übrigens optimistisch: „Prekarität ist etwas anderes. Die gibt es in den Favelas von São Paulo, der Stadt aus der ich komme. Hier gibt es noch etwas zu retten.“ Der Verein „Sozialwissenschaftliches Labor“, den sie mit initiiert hat, soll dazu beitragen, dass UDE-Studierende sich weiterhin mit Duisburg beschäftigen. „Wir wollen weitermachen“, betont Glaucia Peres da Silva. Wie lange sie der Universität noch erhalten bleibt, ist derweil ungewiss. Der Vertrag der Soziologin, die derzeit ihre Habilitation vorbereitet, endet 2021.

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