NRZ-Serie

Erinnerungen an die jüdische Volksschule in Emmerich

Lehrer Siegmund Lilienfeld im Juli 1916 mit jüdischen Schülern in Emmerich.

Lehrer Siegmund Lilienfeld im Juli 1916 mit jüdischen Schülern in Emmerich.

Foto: Archiv Schüürman

Emmerich.  Die NRZ startet eine Serie über das jüdische Leben in Emmerich. Zum Auftakt geht es um die Volksschule, die im Jahr 1816 errichtet wurde.

Für Norbert Kohnen stand im Frühjahr 2010 schnell fest, dass er die Stolperstein-Aktion von Pro Kultur als Pate eines Steines unterstützen würde. Und ebenso schnell hatte er eine geeignete Person und die „richtige“ Adresse für die Verlegung „seines“ Stolpersteines gefunden: „Martha Lilienfeld wohnte mit ihrer Familie auf der Steinstraße 10 (heute 8) im Löwensteinschen Haus hinter dem Torbogen zum Gasthausdurchgang. Es ist eine Adresse, die mein eigenes Berufsleben als Redakteur lange bestimmt hat. Außerdem hatte Martha Lilienfeld den Vornamen meiner Mutter und war mit dem Lehrer Siegmund Lilienfeld verheiratet“, erzählt der ehemalige Leiter der NRZ-Lokalredaktion Emmerich.

Stolpersteine von Künstler Gunter Demnig

Und mit Lehrern hatte Kohnen ebenfalls viel zu tun. Der Vater Grundschulrektor, die Schwester Studienrätin, und auch Onkel und Tanten hatten ihre berufliche Heimat im Schulleben gefunden: „Wenn sich die Verwandtschaft traf, blieben die Lehrer unter sich, und es wurde fast nur über Schule gesprochen“, so Kohnen. Der Stolperstein für Martha Lilienfeld war einer der ersten, den der Künstler Gunter Demnig verlegte.

Für den Jüdischen Kulturraum im PAN hat sich Kohnen noch einmal intensiv mit dem Schicksal der Familie Lilienfeld auseinandergesetzt. Siegmund Lilienfeld, am 22. Mai 1886 im nordhessischen Gudensberg geboren, kam im Jahre 1910 als Lehrer an die jüdische Schule in Emmerich.

Kantor und Lehrer

Gleichzeitig war er Kantor bei der jüdischen Gemeinde und nach Meinung der Gemeindemitglieder ein guter Prediger. „Lilienfeld war ein Goethe-Fachmann und ein fähiger Pädagoge, ein feinsinniger, kunstliebender Mensch. Schläge mit dem Rohrstock hat er nicht nötig gehabt. Er besaß ganz offensichtlich eine natürliche Autorität“, hat Kohnen herausgefunden.

Schule wurde 1934 geschlossen

1934 wurde die jüdische Schule geschlossen, und Lilienfeld musste sich eine neue Arbeit suchen. Er zog 1937 mit seiner Familie nach Wesel. Dort erlitt er 1938 einen Herzinfarkt. Seine Frau Martha zog nach dem Tod ihres Mannes nach Krefeld. Von dort wurde sie am 22. April 1942 mit ihrer 15-jährigen Tochter Eva Bertha in das Konzentrationslager Izbica deportiert.

Vorgänger wirkte lange in der Kaiserzeit

Siegmund Lilienfeld sollte der letzte Lehrer der jüdische Volksschule sein. Sein Vorgänger Jacob Carsch war der mit Abstand Dienstälteste. 35 Jahre, fast die gesamte Kaiserzeit hindurch, wirkte der gebürtige Mülheimer als Lehrer und Kultusbeamter der Jüdischen Gemeinde. Carsch empfand sich ganz als Deutscher jüdischen Glaubens. Zu Kaisergeburtstagen und anderen nationalen Hochfesten organisierte er patriotische Feiern.

Wohnhaft am Nonnenplatz

Carsch wohnte am Nonnenplatz und ist 1917 gestorben, „also ganz in der Nähe des heutigen Jüdischen Kulturraums in der ehemaligen Schokoladenfabrik Lohmann“, so Kohnen.

Zentrale Orte im jüdischen Leben

Die jüdische Volksschule, die 1816 errichtet wurde und als die älteste im Rheinland gilt, bildet einen von acht Schwerpunkten im neuen jüdischen Kulturraum. Kohnen hat sich hier außerdem um die Themen Synagoge und Friedhöfe gekümmert: „Alle drei waren zentrale Orte im jüdischen Leben.“

>>>Ansprechpartner für Führungen

Ansprechpartner für Führungen durch den Jüdischen Kulturraum im PAN, Agnetenstraße 2, sind:

Irene Möllenbeck, 02822/45715, irene.moellenbeck@web.de

Wolfgang Urbach, 02822/3567, wolfgang.urbach@t-online.de

Norbert Kohnen, 02822/689236, n-kohnen@web.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben