Allgemeinärztin

Andrea Kirchhoff schließt Gevelsberger Praxis nach 33 Jahren

Auch Humor ist ihnen bei der Arbeit immer wichtig: Ärztin Andrea Kirchhoff (rechts) mit ihrer Mitarbeiterin Frauke Wilkesmann in der Praxis an der Schwelmer Straße in Silschede.

Auch Humor ist ihnen bei der Arbeit immer wichtig: Ärztin Andrea Kirchhoff (rechts) mit ihrer Mitarbeiterin Frauke Wilkesmann in der Praxis an der Schwelmer Straße in Silschede.

Foto: Max Kölsch

Gevelsberg.  Allgemeinmedizinerin Andrea Kirchhoff schließt ihre Praxis in Gevelsberg-Silschede zum Jahresende. Was das für ihre Patienten bedeutet.

Seit 33 Jahren praktiziert Andrea Kirchhoff als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Silschede. 23 davon ist sie auch als Psychotherapeutin für ihre Patienten da. Zum Ende dieses Jahres soll nun Schluss sein. Kirchhoff wird ihre Praxis an der Schwelmer Straße schließen. Im Interview mit dieser Zeitung spricht sie darüber, was das für ihre Patienten bedeutet, wie es nun weitergeht und weshalb sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge geht.

Frau Kirchhoff, 33 Jahre sind eine lange Zeit, schon Ihre Eltern haben diese Praxis betrieben, Sie wohnen direkt nebenan – wie fühlt es sich für Sie an, jetzt aufzuhören?

Andrea Kirchhoff: Das kann ich noch gar nicht genau sagen. Ich denke mal, das wird kommen, wenn der 1. Januar da ist. Dann wird nochmal eine Zeit sein, in der vieles aufzuräumen und zu tun ist. Wenn danach das Loch kommt, spürt man das. Ich bekomme aber jetzt schon hin und wieder einen Eindruck davon, wenn ich mit meinen Patienten spreche und ihre Reaktionen darauf erlebe, dass ich aufhöre. Das ist manchmal ganz schön heftig.

Wie sind denn die Reaktionen Ihrer Patienten?

Die meisten fragen, wo sie dann hingehen können und wollen gern eine Empfehlung haben. Das kann ich natürlich nicht machen. Alle sagen, dass es schade ist, aber sie es mir gönnen. Es sind viele dabei, denen es wirklich an die Nieren geht. Das liegt daran, dass ich auch Psychotherapeutin bin. Das ist ja eine seltene Kombination, die ich mache. Das ist dann nochmal etwas anderes, als wenn Sie nur die reine somatische Medizin machen.

In 33 Jahren haben Sie mit Sicherheit eine bestimmte Bindung zu Ihren Patienten aufgebaut.

Ja, natürlich. Wie gesagt: Vor allem, wenn man auch die Psychotherapie macht. Dadurch geht man einfach an alles ein bisschen anders heran. Allein das gibt schon eine andere Bindung. Das ist auch das, wo die meisten jetzt Angst vor haben. Ob sie jemanden finden, der das auch so macht wie ich.

Wie geht es mit der Praxis weiter?

Da muss man jetzt ein bisschen ausholen. Als ich mich vor eineinhalb Jahren entschlossen habe, aufzuhören, war dieses Gebiet nicht gesperrt. Zur Erklärung: Man kann sich als Kassenarzt nicht einfach irgendwo niederlassen. Sie müssen einen sogenannten KV-Sitz haben. Es gibt offene Gebiete, in denen es nur wenige Ärzte gibt. Da kann man sich irgendwo niederlassen. Wenn das Gebiet aber gesperrt ist, heißt das, dass man sich erst niederlassen kann, wenn ein KV-Sitz frei wird. Den müssen Sie dann kaufen. So war das bei mir. Als ich mich entschlossen habe, aufzuhören und die Kassenärztliche Vereinigung kontaktiert habe, hieß es erst, dass alles frei ist und ich keine Angebote rausschicken kann. Im Februar dieses Jahres wurde das Gebiet gesperrt und ich konnte Angebote machen. Dann wird dieser Kassenarzt-Sitz ausgeschrieben und man bekommt Zuschriften – wenn man denn welche kriegt. Für Allgemeinmedizin ist das nicht so einfach, gerade hier in Silschede, obwohl ich das blöd finde, wegen der guten Anbindung. Es ist super, hier zu arbeiten.

Hat sich niemand gemeldet?

Ich hatte zwei Angebote. Ein Kollege hat dann aber gesagt, dass er doch nicht will. Eine Kollegin hat sich schriftlich beworben, die kann ich aber nicht erreichen. Vielleicht kommt aber noch was, ich weiß es nicht. Jetzt wird es erstmal so sein, dass ich aufhöre und es keine Nachfolge gibt.

Was bedeutet das für Ihre Patienten?

Das heißt, dass sich die Patienten jetzt kümmern müssen, wo sie unterkommen. Ich sage denen auch, dass sie die umliegenden allgemeinärztlichen Praxen schonmal anrufen sollen, um zu fragen, ob die sie überhaupt nehmen.

Wie beurteilen Sie denn die ärztliche Versorgung hier in der Region?

Wir haben im Grunde viele Allgemeinärztliche Praxen – in Gevelsberg, in Wetter, in Haßlinghausen, in Schwelm, in Ennepetal. Im Grunde müsste es reichen. Aber ältere Patienten aus Silschede, die keine Angehörigen haben, die sie fahren, müssten dann mit dem Bus fahren. Wenn sie es überhaupt können. Sonst sind sie darauf angewiesen, dass Hausbesuche gemacht werden. Wir haben mit Herrn Chaaban ja auch noch einen Facharzt für Allgemeinmedizin im Dorf. Aber wenn der mal aufhört... ich weiß es nicht. Für viele Patienten wird es wirklich schwierig werden.

Wie geht es denn für Sie persönlich weiter?

Ich kenne mich, ich kann das erst fühlen und erspüren, wenn ich Zeit für mich habe. Jetzt ist mein Kopf noch so voll mit diesen ganzen Dingen. Ich weiß, dass höchstwahrscheinlich meine Tochter mit hier einziehen wird. Deshalb werde ich meine Räume hier nicht als Praxisräume weitergeben. Das wäre auch nicht mehr zeitgemäß. Die meisten machen heute sowieso eher Gemeinschaftspraxen. Was ich mir so vorstelle: Ich möchte gern reisen zum Beispiel – und so ganz einfache Dinge tun, wie mal um 10 Uhr in die Stadt fahren. Das kenne ich überhaupt nicht. Für mich ist es unheimlich wichtig, dass ich keine Termine mehr haben muss. Das werde ich genießen.

Das Interview mit Andrea Kirchhoff führte Max Kölsch.

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