Inklusion

Bei diesem Schwelmer Chor haben alle gleiches Stimmrecht

„Singt das so schön, wie wir das auf der Bühne gemacht haben“: Heiter und entspannt geht es bei dieser Chorprobe zu 

„Singt das so schön, wie wir das auf der Bühne gemacht haben“: Heiter und entspannt geht es bei dieser Chorprobe zu 

Foto: Ingenlath-Gegic

Schwelm.   Ob Alt oder Jung, Mann oder Frau, mit oder ohne Handicap. Die Marienspatzen sind gelebte Inklusion und Sinnbild für Spaß und Lebensfreude.

Die Marienspatzen im Seniorenstift St. Marien sind ein inklusiver Chor. Einmal pro Woche wird gemeinsam gesungen und geprobt. Wir durften eine Chorprobe besuchen.

Nach und nach füllt sich der Versammlungsraum. Die Stimmung ist gut und schon bei den Lockerungs- und Atemübungen wird viel gelacht. „Wir müssen zuerst die alten Knochen ein bisschen lüften“, sagt Chorleiter Uli Wewelsiep und alle machen mit, ganz gleich, ob sie im Rollstuhl sitzen, mit dem Rollator gekommen sind oder die Übungen mühelos im Stehen mitmachen können. „Wir sind ja eigentlich zum Singen hier“, meint Wewelsiep dann, und beginnt mit dem Einsingen. Das läuft sehr professionell ab, bereitet aber auch viel Spaß.

Begleitet von Akkordeon und Gitarre

Jetzt sind Ensemble und Leiter in bester Singlaune und beginnen mit dem bekannten Schlager „Marina“, einem Evergreen von 1959. Schwungvoll begleitet von den beiden ehrenamtlichen Musikern Gabi Jeschak am Akkordeon und Norbert Dohrmann an der Gitarre, klappt das Lied auf Anhieb hervorragend. Trotzdem wird noch daran gefeilt, denn Wewelsiep ist sicher, dass der Chor es noch besser kann.

Die „Marienspatzen“ wurden 2015 gegründet, als in den Seniorenstiften der Contilia Gruppe, zu denen auch das Marienstift in Schwelm gehört, Chöre „zur Freude der Bewohner“ gebildet wurden. Damals waren es 20 Sängerinnen und Sänger. Heute ist der Chor auf 45 Mitglieder angewachsen. Etwa die Hälfte von ihnen wohnt hier im Marienstift oder kommt als Tagespflegegast, je ein Viertel sind Ehrenamtliche und Mitarbeiterinnen. Die Damen sind deutlich in der Überzahl, aber das macht den sechs Herren offensichtlich und hörbar nichts aus.

Das nächste Lied ist „Butterfly“, der Popsong von Danyel Gérard, der im Jahr 1971 ein großer Hit war. Auch für die Marienspatzen ist es ein Siegerlied, denn 2018 gewannen sie damit den Chorwettbewerb der Contilia Gruppe. „Singt das so schön, wie wir das auf der Bühne gemacht haben, ich glaube, wir haben da gewonnen“, feuert Uli Wewelsiep seine Sänger an. Norbert Dohrmann sorgt für ein gutes Playback im Hintergrund, der Chor singt zweistimmig, federleicht und mit viel Gefühl. Ich höre: Die Marienspatzen lieben dieses Lied und der Gesang füllt wunderschön den Raum.

Stimmung erreicht auch Demente

Heiter und entspannt geht es bei dieser Chorprobe zu und die Stimmung erreicht alle Anwesenden, auch diejenigen, die dement sind. Wewelsiep und die Musik sorgen für fröhliche Gesichter. Und wenn Kichern und Lachen einmal überhand nehmen, sorgt der Dirigent liebevoll für Ruhe und Disziplin. Das Lied „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“, mit dem der Chor 2016 den Wettbewerb gewonnen hat, wird so oft gesungen, bis es richtig schön swingt. Dann ist Uli Wewelsiep zufrieden mit seinen Marienspatzen und alle sind begeistert.

Als der Auftrag kam, in der Senioreneinrichtung einen inklusiven Chor zu gründen, war die Suche nach einem Chorleiter nicht leicht. „Wo soll ich denn einen professionellen Dirigenten herbekommen, der einem bunt zusammengewürfelten Chor das Singen beibringen kann?“, fragte sich Simone Isfort, die Leiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Soziales im Marienstift. Nach längerer Suche bekam sie von einem der Ehrenamtlichen den Tipp, den Musiker Uli Wewelsiep zu fragen. Der ließ sich darauf ein und wollte es mit dem Chor zumindest „mal ausprobieren“. „Nun ist er das fünfte Jahr bei uns und wir lieben ihn alle“, sagt Simone Isfort.

Das Repertoire dieses inklusiven Chors kann sich hören lassen, aber Wewelsiep will für das Sommerfest im Juli noch drei neue Lieder einstudieren. Als für dieses Fest das Motto „Hawaii“ genannt wird, verselbstständigen sich die Marienspatzen: Beschwingt singen sie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“, und Ehrenamtler Norbert Dohrmann erweist sich als äußerst textsicher.

Auch die nächsten Proben versprechen heiter zu werden.

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