Mutmacher

Bildung und Sprache als Schlüssel für Integration

Sena Asci (16) bei ihrer Arbeit in der Schul- und Lernhilfe des Kinderschutzbunds Schwelm.

Sena Asci (16) bei ihrer Arbeit in der Schul- und Lernhilfe des Kinderschutzbunds Schwelm.

Foto: Bernd Richter / WP

Schwelm.  Sprache und Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Deshalb arbeitet Sena Asci mit in der Schul- und Lernhilfe des Kinderschutzbundes Schwelm.

Der Kinderschutzbund Schwelm unterhält seit über 30 Jahren die Schul- und Lernhilfe. Heute werden von dem Verein gut 140 Schüler von der Klasse Eins bis Zwölf betreut. Fast alle Schüler haben einen Migrationshintergrund. Die vom Kinderschutzbund geleistete Arbeit ist so erfolgreich, dass die ersten Kinder, die einst die Schul- und Lernhilfe besucht haben, bereits Abitur gemacht haben und in Ausnahmefällen sogar schon ihm Studium stehen. Jetzt arbeitet ein Teil von ihnen selbst bereits mit in der Schul- und Lernhilfe.

Damit trägt der Kinderschutzbund in Schwelm aktiv mit zur Integration von ausländischen Mitbürgern in der Kreisstadt bei und lebt gleichzeitig durch Einbeziehung vieler ehrenamtlich Tätiger Integration vor. Jedes einzelne dieser Kinder, die nachmittags beim Kinderschutzbund für die Schule büffeln und dadurch Deutsch lernen und die deutsche Sprache auch in ihre Familien tragen, ist somit ein Mutmacher. Wir stellen Sena Asci, stellvertretend für die vielen Hundert Mutmacher, die in den letzten Jahrzehnten die Schul- und Lernhilfe besucht haben, vor.

Dieser Mutmacher ist besser gesagt eine Mutmacherin und eine junge Frau im Alter von 16 Jahren. Sena Asci strahlt eine innere Fröhlichkeit aus. Der jungen Deutsch-Türkin ist anzusehen, dass ihr die Arbeit mit Kindern sichtlich Freude bereitet. Sie wurde in Deutschland geboren, ist aber sowohl in Besitz der deutschen als auch der türkischen Staatsbürgerschaft. Ihre Großeltern kamen einst aus der Türkei, ihr Vater wurde in Deutschland geboren. Sie selbst, ihre zwei Schwestern (13 und 4 Jahre alt) und ihr zehnjähriger Bruder sind Türken in dritter Generation in Deutschland. Ihre Mutter wurde in der Türkei geboren.

Sprachen liegen der 16-Jährigen

Würde Sena Asci nicht aus Überzeugung ein schwarzes Kopftuch tragen, das ihr Haar fast komplett verbirgt, es fiele gar nicht auf, dass sie Muslimin ist. Sie spricht perfekt Deutsch und Türkisch, beherrscht auch die englische Sprache und lernt seit Ende der Sommerferien noch Latein. Sprachen liegen der 16-Jährigen. „Ich würde gerne auch noch Spanisch lernen, obwohl meine Begabung im mathematischen Bereich ist“, sagt Sena bescheiden. „Wir reden zuhause Deutsch, aber auch Türkisch“, sagt Sena.

Früher, als sie noch ein kleines Kind war, sei das anders gewesen. Damals hätte sie die beiden Sprachen durcheinander geworfen. „Aber dann hat mein Vater gesagt: Entweder wird Deutsch oder Türkisch geredet. Seitdem habe ich meine Sprachkenntnisse erweitert“, ist sie noch heute froh über die strenge Ansage ihres Vaters.

Das berufliche Ziel der 16-Jährigen klingt ambitioniert. Sena möchte Medizin studieren, entweder einmal Chirurgin oder Kinderärztin werden. „Ich liebe es, mit Menschen in Kontakt zu treten, Menschen zu helfen“, sagt die junge Frau in einem Brustton der Überzeugung, der keinen Zweifel aufkommen lässt, dass sie dieses Ziel nicht auch erreichen wird. Jetzt ist sie gerade auf dem Weg zum Abitur. Seit Ende der Sommerferien besucht sie die Klasse 11 der Gesamtschule in Haßlinghausen. Für das Medizinstudium reicht die Durchschnittsnote zwar noch nicht, aber mit einer 2,3 kann sich ihr Zeugnis der Klasse Zehn durchaus sehen lassen.

Mutmacherin will etwas zurückgeben

Die Schul- und Lernhilfe des Kinderschutzbundes hat ihr sehr geholfen, ihre schulischen Leistungen zu verbessern. „Als ich zum Kinderschutzbund kam, sprach ich sehr schlecht Deutsch“, sagt Sena im Rückblick selbstkritisch. Jetzt ist sie stolz, selbst seit zwei Jahren zum Helfer-Team der Schul- und Lernhilfe zu gehören. „Ich liebe Kinder und möchte durch die Mitarbeit in der Schul- und Lernhilfe von dem etwas zurückgeben, was ich hier gelernt habe“, sagt sie, und redet von der Freude, die es ihr jedes Mal bereitet, wenn sie in das Kinderhaus „Blauer Elefant“ des Kinderschutzbunds Schwelm kommt. „Hier habe ich die meisten meiner Freunde kennengelernt. Und warum sollte ich zuhause sitzen, wenn ich helfen kann.“

Die Arbeit mit Kindern macht Sena Asci Spaß. „Wenn man etwas kann, warum sollte man es für sich behalten“, sagt die 16-jährige Deutsch-Türkin. Mit Begeisterung engagiert sie sich in der Schul- und Lernhilfe des Kinderschutzbunds Schwelm. Hier hat sie selbst einmal als Zweijährige deutsch gelernt. Heute versucht sie den Kindern aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, der Türkei und vielen anderen Ländern zu vermitteln, wie wichtig das Erlernen der deutschen Sprache ist. „Jeder muss die Sprache des Gastlandes beherrschen, wenn er auch in diesem Gastland leben will. Das gilt nicht nur in Deutschland, das gilt für jedes Land“, sagt Sena.

Verbindliche Regeln sind wichtig

Integration funktioniere nur über die Sprache. Deshalb müsse man seine eigene Kultur aber nicht aufgeben. Kinder würden sich gerne in ihrer Muttersprache unterhalten. Die Gemeinschaft im Kinderhaus „Blauer Elefant“ zeige den Kindern aber, dass sie nur miteinander reden könnten, wenn sie sich auch in ein und derselben Sprache unterhalten können, gibt sie gerne die eigene Erfahrung wieder. Zu ihren Erfahrungen gehört auch, dass verbindliche Regeln aufgestellt werden müssen, an die sich dann alle zu halten haben. „Es gibt beim Kinderschutzbund keine Ausgrenzung. Kleinere Streitigkeiten kann man nicht verhindern, aber das Problem wird in der Gruppe gelöst, damit zum Schluss jeder glücklich nach Hause geht“, so Sena.

Doch obwohl sie selbst in Deutschland geboren wurde, kein Sprachenproblem hat, vorbildlich integriert ist, sitzt die 16-Jährige doch ein wenig zwischen zwei Stühlen. „Ich kann mich nicht wirklich als Deutsche bezeichnen. Ich sehe mich als Deutsche, aber auch als Türkin und bin hin und her gerissen zwischen zwei Kulturen.“ Für sie sei Urlaub in der Türkei super, aber sie wisse auch nicht, ob sie dort leben könne. Und noch etwas hat Sena Asci zu ihrer eigenen Verwunderung festgestellt: „Türkische Kultur wird von Türken in Deutschland stärker gelebt als in Istanbul.“ Als Beispiel nennt die junge Frau das Zuckerfest, das hier mehr gefeiert werde, als in der Metropole am Bosporus.

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