Ruhestand

Ennepetal: Mit Gudrun Giesick geht im Rathaus Ära zu Ende

Die Nachfolge ist geregelt: Gudrun Giesick (links) arbeitet seit Anfang November ihre Nachfolgerin Dagmar Ante in die Aufgabe ein.

Die Nachfolge ist geregelt: Gudrun Giesick (links) arbeitet seit Anfang November ihre Nachfolgerin Dagmar Ante in die Aufgabe ein.

Foto: Andreas Gruber / Westfalenpost Schwelm

Ennepetal.  Ob Spaß in den Backen oder Ärger an den Hacken – an Gudrun Giesick ging in der Stadtverwaltung vier Jahrzehnte lang kein Weg vorbei.

Für drei Generationen von Kindern und Jugendlichen war sie die Ansprechpartnerin bei der Stadt. Sei es beim städtischen Ferienspaß oder später und knapp 30 Jahre lang in der Jugendgerichtshilfe. Nun ist für Gudrun Giesick Schluss. Nach 40 Jahren wechselt sie in den Ruhestand. Im Rathaus geht damit eine Ära zu Ende.

Ob Spaß in den Backen oder Ärger an den Hacken – an Gudrun Giesick ging in der Stadtverwaltung vier Jahrzehnte lang kein Weg vorbei. Als sie im August 1980 bei der Stadt Ennepetal ihren Dienst antritt, ist sie zuständig für die Bereiche Jugendpflege und Jugendschutz. Kinder bespaßen einerseits, auf die Einhaltung von Regeln zum Wohle des Nachwuchses achten andererseits. Elf Jahre lang war sie mit Leib und Seele bei der Sache. „Irgendwann kam die Zeit, dass ich mir dachte, du kannst nicht immer nur mit Kindern Hütten bauen.“ Es war der Moment, der ihrem Berufsleben eine neue Wendung gab.

Mehrere Generationen

Bei der Stadt wurde die Stelle des Jugendgerichtshelfers frei. Für Gudrun Giesick war klar: Das ist genau mein Ding. Die Dienstvorgesetzten sahen das auch so. Am 1. Mai 1991 wurde ihr die Aufgabe offiziell übertragen – und blieb es bis heute.

„Die, mit denen ich früher zu tun hatte, sind die Eltern der Kinder und Jugendlichen, um die ich mich heute kümmere“, erzählt Gudrun Giesick. Über zwei Generationen, bei den Älteren von früher ist es mitunter schon die dritte Generation, hat sie die Menschen begleitet, kennt die Gesichter, weiß um die familiären Zusammenhänge. „Ich kann mir das einfach gut merken.“ Auch über all die lange Zeit.

Diese Fähigkeit ist bei ihr so ausgeprägt, dass sie vor einem Jahr sogar bei der Aufklärung eines Falles helfen konnte. Die Polizei hatte ein Fahndungsfoto veröffentlicht, das Bild war nicht einmal besonders scharf. Sie habe das Foto gesehen und anhand der Gesichtszüge sofort gedacht, „das könnte doch der Bruder von dem-und-dem sein“. Er war es.

Die Jugendgerichtshilfe, die heute Jugendhilfe im Strafverfahren heißt, war von Beginn an Gudrun Giesicks Herzenssache. Sie mag das strukturierte Arbeiten, wie sie sagt, das Ausloten und Vermitteln zwischen Rechtsprechung und Jugendhilfe.

Und Gudrun Giesicks spricht Klartext. Das kommt vor allem bei ihrer Klientel gut an. „Gudrun hat eine Sprache gefunden, die Jugendliche verstehen und die keine doppelte Deutung zulässt. Sie macht klare Ansagen“, sagt Stadtsprecher Hans-Günther Adrian. Er kennt die heute 63-Jährige seit ihrem Dienstantritt und hat mit ihr auch schon ein Büro geteilt.

„Klare Ansage ist mit das Wichtigste und Ehrlichkeit ist wichtig“, sagt Gudrun Giesicks. „Wenn ich sage: Pass auf, Du hast schon zehn Sachen an der Backe, Du kommst nicht mehr mit Sozialdienst weg, dann verstehen die das.“

Es gab aber auch Fälle, da war nichts mehr zu machen. Gudrun Giesicks fällt die Geschichte mit dem jungen Ennepetaler ein, dem 2017 der Prozess wegen seiner Zugehörigkeit zum IS gemacht wurde. Alles gute Zureden habe nichts genutzt. Der junge Mann habe partout nicht mit ihr sprechen und zusammenarbeiten wollen.

In Erinnerung bleiben auch Begebenheiten, die sie bis heute schmunzeln lassen. So die Ausrede des jungen Mannes, der sein Fernbleiben vom Sozialdienst damit entschuldigte, dass zuhause der Strom ausgefallen sei. Er müsse mit einem Strohhalm Luft ins Aquarium pusten, damit die Fische nicht sterben. „Für diese Geschichte hätte man ihm eigentlich fünf Sozialdienst-Stunden erlassen müssen“, erzählt Gudrun Giesicks und grinst.

200 Fälle würden jährlich auf ihrem Schreibtisch landen. „Das müssten bis heute so an die 4000 gewesen sein“, schätzt sie. Früher seien Mofa-Frisierer ihre Hauptklientel gewesen, heute machten Drogenprobleme einen Großteil aus. „Auch bei den Gewaltdelikten ist es roher geworden“, berichtet Gudrun Giesicks. „Den einfachen Schlag in den Nacken gibt’s nicht mehr.“ Die Straftaten seien heute weniger, dafür härter.

Der Beruf habe ihr immer Freude bereitet. „Es gab nicht einen Tag, dass ich morgens dachte: Puuh, jetzt muss ich ins Büro.“ Jeder Tag bringe was Neues. „Mir hat’s wirklich Spaß gemacht.“

Dass sie zum Abschied auf die große Bühne verzichtet und eher leise aus dem Dienst und Berufsleben tritt, entspricht ihrem Naturell. „Das ist einfach nicht mein Ding.“ Am 5. Dezember habe sie ihren letzten Arbeitstag. Was sie dann mache? „Morgens bin ich noch beim Schöffengericht.“

Offiziell in den Ruhestand treten wird sie am 1. Januar 2020. Danach will sie sich mehr beim Heimatverein Voerde und bei der VSG Schwelm einbringen, wo sie sich seit Jahren engagiert. Geplant sind auch Urlaube in Norden/Ostfriesland.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben