Ausbildungspakt

Gevelsberg: Ausbildungsplatz-Garantie für Hauptschüler

„Sucht euch den Beruf, der zu euch passt“: Bürgermeister Claus Jacobi und Schulleiterin Ruth Schlünder überreichen jeder Schülerin und jedem Schüler persönlich ihren Vertrag zum Ausbildungspakt.

„Sucht euch den Beruf, der zu euch passt“: Bürgermeister Claus Jacobi und Schulleiterin Ruth Schlünder überreichen jeder Schülerin und jedem Schüler persönlich ihren Vertrag zum Ausbildungspakt.

Foto: Lilo Ingenlath-Gegic / WP

Gevelsberg.  Seit zehn Jahren gibt es in Gevelsberg den Ausbildungspakt. Schüler verpflichten sich zu einem besonderen Engagement und erhalten eine Lehrstelle.

Stirbt die Hauptschule? „Nein! Unsere Schule lebt und sie wird weiter leben“, sagt Ruth Schlünder, die Leiterin der Hauptschule Gevelsberg voller Überzeugung, und ein klarer Beweis dafür ist im Gevelsberger Rathaus zu sehen: Zum elften Mal präsentiert sich die Hauptschule als „Schule mit Ausbildungsplatzgarantie“.

Ernstzunehmendes Dokument

Für viele Schulabsolventen beginnt nach dem Hauptschulabschluss eine Phase von Überbrückungs- und Nachqualifizierungsmaßnahmen. In Gevelsberg gibt es jedoch seit zehn Jahren den Ausbildungspakt. Hier wird ein Vertrag zwischen dem einzelnen Neuntklässler der Hauptschule, der Schule selbst und der Stadt Gevelsberg geschlossen. Auch die Erziehungsberechtigten müssen unterschrieben, denn ohne sie geht es nicht. So kommt ein ernstzunehmendes Dokument zustande, in dem sich alle Partner für ein gemeinsames Ziel verpflichten.

Die Schüler müssen in den Hauptfächern mindestens die Note befriedigend erreichen. Außerdem verpflichten sie sich, bis zu ihrem Schulabschluss 120 Stunden ehrenamtliche Tätigkeit auszuführen und damit ihre Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft zu beweisen.

28 Schüler machen diesmal mit

Das kann zum Beispiel in Kindergärten, Seniorenheimen, beim Sportverein oder auch bei einer Kirmesgruppe sein. Wer sich an den Vertrag hält, dem wird nach dem Hauptschulabschluss von der Stadt und den beteiligten Unternehmen eine Ausbildungsstelle garantiert. Das ist einzigartig.

48 Schülerinnen und Schüler besuchen zurzeit den Jahrgang 9 der Hauptschule Gevelsberg. 28 von ihnen haben sich in diesem Jahr für den Ausbildungspakt beworben und qualifiziert und nun bekommen sie in einem besonderen Rahmen diesen Vertrag überreicht.

Die jungen Leute haben im Mittelpunkt des Ratssaales Platz genommen und sind sich der Besonderheit dieses Ereignisses sichtlich bewusst. Einige haben sich richtig schick gemacht. Jugendliche stellen heute die Mehrheit im Sitzungssaal. Viele sind ein wenig aufgeregt. Die Band der Musikschule, unter der Leitung von Martin Rex, spielt flotte Musik zum Auftakt und übernimmt die weitere musikalische Begleitung dieser Feierstunde.

Ohne Netzwerkpartner nicht möglich

Bürgermeister Claus Jacobi begrüßt auch viele wichtige Netzwerkpartner, ohne die ein solcher Ausbildungspakt nicht möglich wäre. Das sind die Vertreter von Ausbildungsbetrieben wie die Firmen Denk, Frischkorn, Gebrüder Nolte, Gebauer, aber auch der Industrie- und Handelskammer, der Agentur für Arbeit, der Agentur Mark und viele weitere, die zur Feierstunde nach Gevelsberg gekommen sind.

„Diese Verpflichtung, die ihr unterschrieben habt, ist ein wichtiger Schritt zum Erfolg“, sagt Jacobi den Hauptschülern und Hauptschülerinnen, und er appellierte an sie: „Sucht euch den Beruf, der zu euch passt.“ Der Bürgermeister betont auch, dass das Team der Hauptschule voll dahinter stehe, „dass ihr auf einen guten Weg kommt und eine wirklich gute Ausbildungsstelle findet“.

Schulleiterin Ruth Schlünder freut sich, dass an diesem Tag besonders viele Eltern gekommen sind und sie lobt ihre Schüler: „Ihr seid ein ganz besonderer Jahrgang“, sagt sie stolz, und berichtet, dass die erfahrenen Klassenlehrerinnen schon viel mit den Schülern gearbeitet haben.

Bei Berufswahl begleiten

Die beiden Klassenlehrerinnen, Vera Sieringhaus und Angelika Thienel-Kettler, kennen „ihre Kinder“ gut und werden sie bei der Berufswahl sicherlich intensiv begleiten.

Einer, der mit seinen Ausbildungsplatz-Zusagen den Pakt erst möglich macht und schon seit langem zu den Partnern zählt, ist Stefan Biederbick von der Firma Gebauer. Gemeinsam mit seinem Gesellen Maximilian Springorum stellt er den Neuntklässlern den Beruf des Trockenbauers vor. „Das Handwerkliche macht viel Spaß und die Arbeit ist abwechslungsreich“, schildert Trockenbaumonteur Maximilian (21), und sagt den nur ein paar Jahre jüngeren Schülern: „Die Welt steht euch offen. Mit Fleiß könnt ihr alles erreichen!“

Hauptschule ist in Gevelsberg kein Auslaufmodell

In Gevelsberg ist die Hauptschule kein „Auslaufmodell“. 230 Schüler besuchen zurzeit die Hauptschule Gevelsberg. In den Jahrgängen 5 und 6 gibt es jeweils nur eine Klasse, ab Jahrgang 7 ist die Schule zweizügig.

In NRW erhalten die Eltern mit dem Halbjahreszeugnis der Klasse 4 eine Schulformempfehlung. Sie umfasst entweder eine Empfehlung für die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium. Gesamtschule und Sekundarschule müssen immer genannt werden, da sie alle drei Schulformen beinhalten.

Problematisch ist jedoch, dass die drei Formen des dreigliedrigen Schulsystems von der Landespolitik zwar gewünscht, aber kaum noch anzutreffen sind. Gevelsberg ist (außer Witten) die einzige Stadt im Ennepe-Ruhr--Kreis, in der es noch Hauptschule, Realschule und Gymnasium gibt.

In Schwelm gibt es Realschule und Gymnasium, in Ennepetal Sekundarschule und Gymnasium und in Breckerfeld eine Sekundarschule. Sprockhövel hat in städtischer Trägerschaft nur eine Hauptschule. Der Ennepe-Ruhr-Kreis ist Träger der Wilhelm-Kraft-Gesamtschule in Hasslinghausen, die Kinder aus den Südkreisstädten sowie aus Wetter aufnimmt.

Auch wenn eine Hauptschule vor Ort angeboten wird, entscheiden sich immer weniger Eltern mit ihren Kindern für diese Schulform: Wechselten in Gevelsberg 2007 noch 14,1 Prozent von der Grundschule zur Hauptschule, waren es zehn Jahre später nur noch 8 Prozent. Zum Vergleich: Der NRW-Schnitt lag zum gleichen Zeitpunkt bei 3,9 Prozent.

Zum Gymnasium wechselten in diesem Zeitraum konstant etwa 40 Prozent der Kinder eines Grundschuljahrgangs.

Elternwille entscheidet

Entscheidend ist nicht die Empfehlung der Grundschule, sondern der Elternwille. Im Rahmen vorhandener Aufnahmekapazitäten müssen Schulen Kinder aufnehmen, auch wenn der Elternwunsch von der Schulformempfehlung abweicht. Das kann auch zur sogenannten Abschulung (Begriff aus dem Schulgesetz NRW!) von Kindern aus Realschulen und Gymnasien führen.

Michael Münzer, Schulleiter der Sekundarschule Ennepetal, erhält immer wieder Anfragen von Eltern deren Kinder von Gymnasium oder Realschule wechseln sollen. Nur in seltenen Fällen kann er ein Kind aufnehmen und im differenzierten System der Sekundarschule fördern. In der Regel ist aber wegen der hohen Auslastung an der Sekundarschule kein Platz.

Das Gleiche gilt für die Gesamtschule des Ennepe-Ruhr-Kreises, die deutlich mehr Anmeldungen hat als sie Schüler aufnehmen kann. Lediglich die Hauptschulen sind verpflichtet, die Kinder aufzunehmen. Doch wohin gehen die abgeschulten Kinder, wenn es (wie in Schwelm, Ennepetal und Breckerfeld oder auch in Hattingen) keine Hauptschule mehr gibt?

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