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Kulturgemeinde Ennepetal: Geburtstagsfeier mit Lammert

Außergewöhnlicher Festredner: Die Vorsitzende der Kulturgemeinde, Beatrix Adam (rechts), und Bürgermeisterin Imke Heymann neben Prof. Dr. Norbert Lammert im Industriemuseum

Außergewöhnlicher Festredner: Die Vorsitzende der Kulturgemeinde, Beatrix Adam (rechts), und Bürgermeisterin Imke Heymann neben Prof. Dr. Norbert Lammert im Industriemuseum

Foto: Hans Jochem Schulte / WP

Ennepetal.  Wenn der ehemalige Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert spricht, wird es immer spannend. So wie auch bei der Kulturgemeinde Ennepetal.

Das Jahr 1949 war ein bedeutendes Jahr für Deutschland, für die Menschen in den damaligen Gemeinden Milspe und Voerde und für die heimische Bevölkerung, die sich nach dem Kriege und der Nazi-Diktatur wieder nach unabhängigen Kulturangeboten sehnten. Die Bundesrepublik wurde 1949 gegründet, das Grundgesetz trat in Kraft, am 1. April wurde aus den Gemeinden Milspe und Voerde die Stadt Ennepetal und am 28. November kam es zur Gründung der Kulturgemeinde Ennepetal.

Das sind Ereignisse, die gefeiert werden müssen. Eine Geburtstagsfeier fand mit sehr vielen Gästen (der Eintritt war frei) im Saal des Industriemuseums statt. Eingeladen hatten gemeinsam die Kulturgemeinde und die Stadt Ennepetal. Statt Kaffee und Kuchen gab es einen fast zweistündigen Vortrag von Prof. Dr. Norbert Lammert, der keine Sekunde langweilig war, aber bespickt mit Bonmots, manchmal mit etwas Ironie, aber immer mit einer Leidenschaft für ein demokratisches Miteinander.

Ja, jeder Satz des ehemaligen Bundestagspräsidenten (von 2005 bis 2017) und jetzigen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung hatte Gewicht. Man hätte ihm noch lange, lange zuhören können. Aber auch die schönsten Geburtstagsfeiern gehen ja auch mal zu Ende. Aus dem Geburtstagsfest war in Ennepetal ein Fest für die Demokratie geworden.

Zeitzeuge und politischer Gestalter

Die Vorsitzende der Kulturgemeinde, Beatrix Adam, und Bürgermeisterin Imke Heymann begrüßten im herben Charme des Industriemuseums den Mann, der im Bundestag die Hoheit über die Mikrofone hatte, der der 2. Mann im Staate war (nach dem Bundespräsidenten). „70 Jahre Grundgesetz und 70 Jahre Bundesrepublik Deutschland sind zu unserem 70. Geburtstag Grund genug, kompetent beleuchtet zu werden. Dafür konnten wir einen der Besten gewinnen. Einen Zeitzeugen, selbst wenige Wochen vor dem Jahreswechsel in das Jahr 1949 als Sohn eines Bäckermeisters in Bochum geboren“, so sagte es Bürgermeisterin Imke Heymann und ergänzte: „Es gibt wenige Redner, bei denen es ganz still ist, wenn er spricht.“ So war es auch an diesem Abend. Die tiefstehende Sonne flutete den Saal, rechts und links neben dem Rednerpodium standen die Fahnen der Stadt Ennepetal und der Kulturgemeinde und dann gab es noch ein grau-blaues Sofa, auf dem Prof. Dr. Lammert später saß und Fragen beantwortete.

Grundgesetz an oberster Stelle

Aus seiner langjährigen politischen Erfahrung heraus stellte Norbert Lammert fest: „Unser Grundgesetz findet Anerkennung in der ganzen Welt.“ Doch als Blaupausen eigneten sich Verfassungen nicht.

Prof. Lammert berichtete, wie die Verfassungsväter- und Mütter (es waren nur wenige) sich damals fragten, ob es überhaupt einen Sinn mache in einem desolaten und besetzten Land ein Grundgesetz zu erarbeiten. Lammert stellte auch die Weimarer Verfassung vor, die erste Verfassung in einem demokratischen Deutschland. Lammert sprach von „erstaunlichen Parallelen“ zum unserem Grundgesetz und sagte: „Weimar ist nicht an der Verfassung gescheitert!“ Lammert wies auf einen Unterschied der Verfassungen hin.

Lammert: „An oberster Stelle steht in unserem heutige Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt!“ Danach hätten sich alle Gesetze zu richten. In der Weimarer Verfassung hätten dagegen die Grundrechte am Ende gestanden. „Verfassungen fallen nicht vom Himmel“, sagte Lammert und forderte eine aktive Mitarbeit der Bürger. „Politische Systeme sind sterblich. Sie stehen und fallen mit dem Engagement der Bürger!“ Es gab langen Beifall für Prof. Lammert. Dann gab es noch Fragen an Lammert, die er auf dem Sofa sitzend beantwortete. Kritisch bewertete er die Nichtwähler, die das „Königsrecht“ zu wählen, ignorierten.

Lammert ist davon überzeugt, dass bei nicht wenigen Wählern der AfD eine persönliche Frustration eine wesentliche Rolle spielt. „Wir müssen immer differenzieren, wenn wir über die AfD reden“, riet Lammert. Der aufkommende Nationalismus sei 19. Jahrhundert. Jedesmal, wenn Lammert Äußerungen des US-Präsidenten Trump mit etwas Ironie schilderte, gab es Lacher im Saal.

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