Wirtschaft

Menschen sind Schwelmer Firma wichtiger als Dinge

Mit rund 150 Gästen feierte Astor sein Firmenjubiläum. Die Porträts der Unternehmensgründer und ihre Nachfolger schmückten die

Mit rund 150 Gästen feierte Astor sein Firmenjubiläum. Die Porträts der Unternehmensgründer und ihre Nachfolger schmückten die

Foto: Heike Büchsenschütz

Schwelm.   Knopffabrik „Astor Berning“ feiert 100-jähriges Gründungsjubiläum mit Gästen aus aller Welt

Bis 11 Uhr hatten sie alle noch gearbeitet, dann wurde wie jeden Freitag geputzt – diesmal besonders gründlich, denn es kamen Gäste zu einem ganz besonderen Anlass. Das Unternehmen „Astor Berning“ feierte seinen 100. Geburtstag in seinem Werk an der Wilhelmstr. 30. Die Mitarbeiter hatten einen Teil des Wareneingangs und des Rohmateriallagers besenrein übergeben und staunten nicht schlecht als sie am Abend als Gäste mit ihren Partnern wieder kamen. Festlich gedeckte Tische und eine verheißungsvolle Speisekarte erwarteten sie. Ein richtiger Dinnersaal war im Lager entstanden.

Feier mit Geschäftspartnern

Wer genau hinsah: In der geschmackvollen Blumendekoration gab es ganz feine elegante Blüten zu bewundern. Dort waren edle, selbst hergestellte Knöpfe mit eingearbeitet. Die Produkte von „Astor Berning“ sind klein, fein, aber immens wichtig und wirken im Großen. Dr. Klaus Otto Berning (82, Gesellschafter in der dritten Generation) mit Ehefrau Anne und der Geschäftsführer Dipl.-Ing. Thomas Leyendecker (53) mit Ehefrau Delphine Léonard, sowie die Prokuristin Anja Stach nahmen die Gäste herzlich im Empfang. Es war sofort klar, „hier bei Astor bist du keine Nummer“ und der Leitsatz des Unternehmens, „Menschen sind wichtiger als Dinge“, wird gelebt.

Neben den Mitarbeitern waren zahlreiche Geschäftspartner aus allen Herren Ländern der Einladung zu diesem seltenen Geburtstag gefolgt. Vertreter der Tochterunternehmen aus Südafrika und Italien waren ebenfalls angereist. Die beiden begehen dieses Jahr selbst markante Geburtstage – „Astor South Africa“ existiert bereits seit 50 Jahren, während „Astor Italia“ 5 Jahre besteht. Eventuelle Sprachprobleme löste eine Dolmetscherin, so dass unbeschwert miteinander gefeiert werden konnte.

Für SIHK-Kammerpräsident Ralf Stoffels war es als Schwelmer eine Freude, die Laudatio zu halten. Es sei schließlich in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit mehr, „so alt werden nicht viele Unternehmen.“ Er würdigte den Menschen Berning und den stillen Einsatz seiner Stiftung „Mehr Glück für Kinder“. So wurde aus der ehemaligen Betriebskantine das Kinderhaus Blauer Elefant des Kinderschutzbundes. Er verriet, dass der studierte Volkswirt dort zusammen mit seiner Frau aktiv im Nachhilfeunterricht mitwirke. Im SIHK-Archiv hatte Stoffels sogar die Kreditreform-Auskunft von 1946 gefunden und zitierte: „Die Firma befasst sich mit der Fabrikation von Knöpfen aller Art, Knopfmaschinen und Schuhbeschlag aus Metall... Die Beteiligten sind angesehen und vertrauenswürdig, sie leben in guten Vermögensverhältnissen. Eine Geschäftsverbindung wird empfohlen.“ In diesem Sinne empfahl er lächelnd eine Geschäftsverbindung für die nächsten 100 Jahre. Dies sei sicherlich realistisch, denn von vielen Geschäftspartnern hieß es „Wir arbeiten bereits seit über 40 Jahren mit Astor zusammen.“ und so reist man auch mal eben aus Hongkong an.

Neben den Geschäftspartnern aus den fünf Kontinenten feierte die 4. und 5. Generation der Familie Berning mit. Zu den Gratulanten gehörte ebenfalls die Verwandtschaft aus Wuppertal Ronsdorf. Christoph Berning mit Sohn Felix von der Berning + Söhne GmbH & Co. KG. (gegründet 1888) freuten sich, dass das Schwester-Unternehmen Astor ebenso die 100 erreicht habe. Viele „Schwestern“ hätten es leider nicht geschafft. Ihr gemeinsamer Urahn hatte jedem seiner sechs Söhne einen eigenen Betrieb übergeben. Berning, der sich selbst scherzhaft als Märchenonkel betitelte, ließ in seiner Rede die guten und die schlechten Zeiten Revue passieren. Dabei ließen sich viele Handlungen aus dem Glauben der Familie erklären. Religion selbst sei aber nicht Thema im Unternehmen, erklärte Leyendecker. Es seien die humanistischen Werte, die man miteinander lebt und die Geschicke des Unternehmens leitet.

Nur zwei externe Geschäftsführer

Die Befürchtung von Berning, dass seine 3. Generation, ganz klassisch das Unternehmen ruinieren würde, sei nicht eingetreten (die 1. gründet, die 2. baut auf). Er sieht sich mittlerweile in der Mitte, denn die 4. und 5. Generation ist bereits an seiner Seite. Dr. Hartmut Berning (Tierarzt) aus Scheeßel (Niedersachsen), engagiert sich schon seit mehreren Jahren im Beirat und freute sich, dass seine Kinder ebenfalls Interesse an dem traditionsreichen Unternehmen zeigen. Tochter Anne (23) verrät: „Wenn ich einen interessanten Knopf an Möbeln oder Kleidung sehe, dann drehe ich den um und gucke, ob er von uns ist - das habe ich von Papa. Fast immer steht Astor drauf – neulich sogar im Ikea.“ Ansonsten unterstütze sie neben ihrem Studium Astor auf den Messen. Bruder Nils (21) hat sich nach einem Praktikum in der Produktion für ein technisches/wirtschaftliches Studium entschieden. „Mal sehen, was daraus wird. Es gibt keinen Erwartungsdruck.“ Bürgermeisterin Gabriele Grollmann hatte das Stadtwappen als Pin für den Knopf-Fabrikanten mitgebracht.

Leyendecker, der zweite Fremdgeschäftsführer in 100 Jahren, blickt zuversichtlich in die Zukunft, selbst wenn diese unberechenbar sei. Die Vergangenheit habe ihm gezeigt, was das Unternehmen leisten kann. Das Unternehmen sei sehr sparsam, aber konsequent bei der Weiterentwicklung. Leise wurde gescherzt, „man sieht sich auf der Feier zum 110. Geburtstag“. Die Betriebsratsvorsitzende Pia Augustin (Werkzeugmechanikerin, seit 19 Jahren dabei) freute sich beim Blick über das bunte Miteinander. „Es ist schön, alle Teile von Astor persönlich kennenzulernen, die Geschäftspartner, die Familie. Wir haben viel zusammen erlebt und wir sind immer noch da. Das geht weiter.“ Und sie ergänzt: „Ich war mal an ein anderes Unternehmen zur Anleitung unserer Maschinen ausgeliehen, meine Rückkehr war, wie nach Hause kommen.“

Ex-Mitarbeiter feiern am 24. Juni

Bernhard Hinzmann (48) erinnerte sich an die erste Frage in seinem Vorstellungsgespräch vor 8 Jahren: „Was stellen Sie sich mit der Firma Astor vor?“ - „ Bis zur Rente hierbleiben.“ Das war damals sein Wunsch und es sehe gut aus. „Wer hier entlassen wird, der ist selber schuld.“ Der zukünftige Zerspannungstechniker Johannes Maier (25) lobt: „Es hat hier noch keinen Tag gegeben, wo ich nichts gelernt habe. Ich bin froh, dass sie mich genommen haben.“ Das Fest wurde mit zahlreichen künstlerischen Attraktionen abgerundet. Eine rund um runde Sache. Für die ehemaligen Mitarbeiter findet am 24. Juni ein Fest im Ibach-Haus statt.

Aus Blumennamen Aster wird Markenname Astor

Astor – gerne lässt man als Schwelmer den Zusatz Berning weg. Aber wie kam es dazu? Ursprünglich wurde das Unternehmen am 13. März 1919 von Otto Berning sen als Otto Berning & Co. (kurz: OBECO) gegründet. Als Kleinbetrieb mit fünf Personen fertigt er Knopfteile sowie Werkzeuge und Geräte zur Herstellung modischer Stoffknöpfe. Später kommen Schuhbeschlagsartikel hinzu. 1924 erweitert man das Programm um die Mangelknöpfe, die sogenannten Astor-Wäscheknöpfe. 1952 wird der Produktname „Astor“ mit in den Firmennamen integriert: „Astor Werk Otto Berning & Co. - Knopf- und Metallwarenfabrik“. Die familieneigenen Chronisten haben in der ersten Mitarbeiter-Zeitung von 1953 die Erklärung für den Markennamen gefunden. Pate stand der Blumenname Aster. Aster bedeutet Stern, diese seien leuchtend und wegweisend.

So wurde bereits 1956 die Erfolgsbeteiligung für die Belegschaft eingeführt. Bis heute zeichnet sich das Unternehmen durch viele Sozialleistungen aus, die im Laufe der Jahre aktualisiert wurden. Früher gab es Einkellerungsgeld, heute Unterstützung für den Sport. Am 2. November 1966 beginnt die Zeit von Dr. Klaus Otto Berning. 1969 – im 50-jährigen Bestehen – spendet das Unternehmen der Stadt Schwelm 75.000 DM für das neue Hallenbad.

Wachstums und Gesund-Schrumpfen

1970 wird das Werk II in der Wilhelmstraße gebaut. Es gab eine Zeit des Wachstums aber auch des Gesund-Schrumpfens. Konsequent hat Astor sich den launigen Modetrends angepasst und seine Einzigartigkeit bewiesen. 2007 tritt der familienfremde Dipl.-Ing. Thomas Leyendecker in die jetzige „Astor - Berning GmbH & Co. KG.“ ein und übernimmt die alleinige Geschäftsführung. Die langjährige Angestellte Anja Stach (sie hat die Ausbildung bei Astor gemacht) wird zur Prokuristin berufen. Im Laufe der Jahre wird die Produktpalette um bezogene Gürtelschnallen, Knöpfe für die Möbelindustrie und Buttons (inkl. Internet-Shop) erweitert. Zudem liefern sie das Material und die Maschinen, um auf der ganzen Welt Knöpfe und Gürtelschnallen herstellen zu können.

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